Nicht nur Agendorf trauert um Andreas Böhm

Quelle: Neue Zeitung

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte 

wird er über dem Staub sich erheben.“  (Hiob 19, 25)


Andreas Böhm, der Gemeindeälteste der evangelischen Kirche, der Vorsitzende der Deutschen Selbstverwaltung in Agendorf, Autor des Buches „Agendorfer Mosaik“, unersetzlicher Experte und für viele einfach „András bácsi“ ist am 28. August gestorben. Das Begräbnis findet Freitag, den 5. September, um 16 Uhr auf dem Agendorfer Friedhof statt.

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Andreas Böhm wurde 1943 in Agendorf/Ágfalva geboren. Er lebte außer der Schule, wo er Ungarisch lernte, in einer noch durch und durch deutschsprachigen Welt. Denn in Agendorf ist die deutsche Volksgruppe stärker geblieben als anderswo. „Wir waren ja zu einem guten Teil die Bergmänner oben im Braunkohlebergwerk auf dem Brennberg. Und somit unabkömmlich“, erzählte er. Und deshalb weniger betroffen von der Vertreibung im Jahr 1946. 1957 kam er in die Ödenburger Eisengießerei und lernte Modellbau. Er blieb der Gießerei 36 Jahre, bis zu seiner Frühpensionierung, treu.

Immer mehr und immer bewusster wandte er sich dem Ungarndeutschtum zu. 1963 wählte man ihn zum Delegierten in den Landesrat des (Demokratischen) Verbandes der Ungarndeutschen, dem er bis zu dessen Auflösung im Jahre 1995 angehört hatte. In den 80er Jahren wurde er zweimal zum Vizepräsidenten des Verbandes gewählt. Hier fiel er durch seine unverblümte Art auf, Dinge an- und auszusprechen – und zwar in seinem Dialekt, dem zu lauschen stets ein Genuss war. Er hat sich – mit Erfolg – für die deutschsprachigen Ortsschilder in den von Ungarndeutschen bewohnten Gebieten eingesetzt, die 1977 angebracht wurden.

Böhm sammelte in den 70er Jahren das Agendorfer Liedgut, war zehn Jahre lang Organisator und Sekretär der Agendorfer Blaskapelle und gründete 1993 den Gesangsverein „Morgenröte“ neu, dessen Vorsitzender er war. In seinem 1996 erschienenen zweisprachigen Band „Agendorfer Mosaik“ schilderte er die Geschichte und die kirchlichen und weltlichen Traditionen seiner Heimatgemeinde. Er wollte vieles für die Nachwelt bewahren. Er trug in einer Privatsammlung in liebevoller Kleinarbeit alte Gegenstände, Trachten, Bilder und andere Zeitzeugen der vergangenen deutschen Kultur in Agendorf zusammen. Daraus entstand in den Räumen seines Elternhauses in der Berggasse 1999 ein Kleinod von Heimatmuseum, wo er gern Gäste empfing, sie herumführte und ihnen „aus der alten Zeit“ erzählte.

1995 wurde er zum Vorsitzenden der Deutschen Selbstverwaltung von Agendorf gewählt, wo er sich mit ungebrochenem Engagement in die Arbeit stürzte. Das Kindergartenmodell „Eine Person – eine Sprache“, ausgearbeitet von Agnes Szauer von der Ödenburger Hochschule für Kindergartenpädagogik, wurde als Pilotprojekt im Agendorfer Kindergarten eingeführt, Andreas Böhm setzte sich dafür ein, dass eine Kindergärtnerin aus Deutschland nach Agendorf kam. Die Auslandskontakte zu Gemeinden, Vereinen usw. entstanden alle mit seiner Hilfe.

Nach der Grenzöffnung 1989 hat er sich stark gemacht für die Wiederherstellung der alten, zum Teil ja auch verwandtschaftlichen Verbindungen – hinüber ins evangelische Loipersbach, das ja die Tochterpfarre von Agendorf ist. Hinüber ins katholische Schattendorf, wo der mutige Bürgermeister Alfred Grafl (SP) gegen so manche Unken eine asphaltierte Straßenverbindung zum Nachbarn Agendorf durchgesetzt hat. Denn die Bewohner der beiden Nachbarorte mussten jahrelang den großen Umweg über den Grenzübergang Klingendorf machen, um einander besuchen zu können.
Aber nicht nur in Agendorf setzte er sich ein, auch auf Komitatsebene war er aktiv. Er war Mitglied des Ausschusses Unterricht und Kultur sowie stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der Deutschen Selbstverwaltungen im Komitat Raab-Wieselburg-Ödenburg.

Im Dezember 2001 ging ihm der Hut hoch. Das Parlament hatte beschlossen, zur Erinnerung an die Soproner Volksabstimmung vom 14. und 16. Dezember 1921 die Errichtung eines „monumentum fidei“, eines „Treuedenkmals“, zu fördern. Mit drei Millionen Forint. Ausgerechnet in „Böhms Agendorf“, dort, wo mehr als 82 Prozent am 16. Dezember 1921 für den Anschluss an Österreich gestimmt hatten. „Ich bin“, sagte damals Andreas Böhm, „nicht gegen das Denkmal. … In der Schule gab’s nicht einmal g’scheite Fenster. Und da nimmt man dann die drei Millionen für sowas.“ Böhm hatte erreicht, dass der Stein, auf dem die „treuen“ Abstimmungsgemeinden aufgezählt werden, eine Zusatztafel erhielt, die das Agendorfer Ergebnis in der Erinnerung behält: Ausztria mellett 82,21. Für Österreich stimmten damals 682 Agendorfer. Das nicht zu erwähnen, das wäre Böhm vorgekommen wie Verrat.

Für seine besonderen Verdienste um die deutsche Volksgruppe erhielt Andreas Böhm 2004 die „Ehrennadel in Gold für das Ungarndeutschtum“. „Ich bin stolz auf meine Gemeinde und dass ich der hier beheimateten deutschen Nationalität angehöre. Meine Arbeit wurde stets von einer tiefen Ehrfurcht vor meiner Heimat und deren Volk, den ungarländischen Deutschen, geleitet“, bekannte er nach der Ehrung.
 Wir werden Adreas Böhm in guter Erinnerung behalten.

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