Vor 25 Jahre wurde die Grenze geöffnet – Podiumsgespräch im HdU

Quelle: Zentrum

Der Herbst ist eingetroffen, damit aber auch die neue Saison der Veranstaltungsreihe Zentrum-Programme im HdU. Der Auftakt war bereits spannend: 25 Jahre nach dem Paneuropäischen Picknick trafen sich drei Zeitzeugen „auf dem Teppich”.

Die Moderatorin der Diskussion war Zentrum-Direktorin Monika Ambach, die in ihrer Begrüßung betonte, dass am Abend Menschen und ihre Schicksale in den Mittelpunkt gestellt werden würden.

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Die Gäste, die über ihre Erinnerungen dem zahlreich erschienenen Publikum erzählten, waren János Palkovits, Vorsitzender der Kroisbacher Deutschen Nationalitätenselbstverwaltung, Marien Balogh, eine ehemalige DDR-Staatsbürgerin und Johann Schuth, Chefredakteur der Neuen Zeitung.

Die Moderatorin leitete das Gespräch mit ihren persönlichen Erinnerungen an die Zeit vor der Wende ein. Der Plattensee galt damals als Treffpunkt zwischen Ost und West, was sie damals als Kind zwar noch nicht verstanden, aber erfahren habe. Frau Ambach skizzierte die historische Situation beim Bau des Eisernen Vorhangs.

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Die erste Frage wurde Herrn Palkovits über das Leben im damaligen Grenzgebiet gestellt. Er wies auf die Konsequenzen der Vertreibung hin: wenige Ungarndeutschen seien in der Gemeinde geblieben, und sie hätten ständig Angst vor erneuten Sanktionen gehabt. Nach dem Errichten des Vorhangs seien die strenge Kontrollen alltäglich geworden. Obwohl viele DDR-Bürger die Flucht nach Westen versucht hätten, sei die für die Einheimischen untypisch gewesen. Einigermaßen sei es besser geworden als Ende der 60er Jahren das Minenfeld abgeschafft worden ist. Aber auch später habe man eine Sondergenehmigung gebraucht um überhaupt in die Nähe der Grenze zu gehen.

Frau Balogh lebte damals im zweigespaltenen Deutschland, in Dresden. Die Stadt sei wegen ihrer niedrigen Lage besonders von dem Westen abgetrennt gewesen, da man die Funksendungen aus der Bundesrepublik habe nicht empfangen können. Marien Balogh sei die Abgrenzung des Staates besonders bei einem Familienurlaub in der Harz bewusst geworden, als sie das erste Mal westliche Sendungen sah. Später, als Architektin habe sie in der unmittelbaren Nähe der Berliner Mauer gearbeitet, was sie sehr beeindruckt habe und sie habe sich unheimlich gefühlt. Für die DDR-Bürger habe Ungarn als das Paradies gegolten.

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Johann Schuth lebte als Kind in der Nähe der ebenfalls streng überwachten jugoslawischen Grenze. Da habe es auch ständig Polizeikontrollen gegeben, die noch ausführlicher gewesen seien, wenn man Deutsch sprach.

Im nächsten Abschnitt des Gesprächs wurden die technischen Eigenschaften des Grenzsystems angesprochen. Johann Schuth sagte, dass die Grenze selbst kein Thema für die Nationalitätenmedien gewesen sei. Die Mitarbeiter der Neuen Zeitung hätten gute Kontakte zur DDR, aber nur wenige zu Westdeutschland gehabt, obwohl von den Vertriebenen wesentlich mehr im letzteren Landesteil gelebt haben. Erst die 70er Jahre hätten Entwicklungen durch die Tätigkeit der Friedrich-Ebert-Stiftung gebracht, auch Kulturgruppen hätten die Bundesrepublik besuchen dürfen.

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Marien Balogh zog mit ihrem ungarischen Ehemann 1986 nach Ungarn, da er sich nicht in der DDR wohlgefühlt hatte. Ihre Sachen seien gründlich kontrolliert worden, zum Beispiel der Staubsauger, in dem auch Schmuggelware hätte versteckt werden können. Die Behörden haben auch untersucht, dass es um keine Scheinehe handelte.

Als das Alarmsystem Ende der 80er schon veraltet war, trafen die Zuständigen die Entscheidung, es nicht zu erneuern. 1989 gingen die Ereignisse schnell vor. Ende Februar begann die Entrüstung der Grenze, im August wurde das berühmte Paneuropäische Picknick veranstaltet, während dessen mehrere Hundert DDR-Bewohner nach Österreich flüchteten. Am 11. September wurde die ungarische Westgrenze offiziell geöffnet.

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Herr Palkovits erinnerte sich besonders an die vielen Autos, die die „Ossis” hinterlassen haben. Frau Balogh habe die Ereignisse nur in der Presse verfolgt, aber sie habe die Begeisterung ihrer daheim gebliebenen Freunde geteilt. Johann Schuth sei damals in Ödenburg bei einem Jugendtreffen gewesen. Ein lustiges Erlebnis sei es gewesen, als die Flüchtlinge die auf ihr Bus wartenden jungen Leute Deutsch sprechen hörten und dachten, dass sie auch die Grenze überqueren wollten.

Nach dem offiziellen Teil der Diskussion nahm einer der Zuschauer das Wort zu sich: Dr. János Görög, der aus einer ungarndeutschen Familie aus Zsámbék stammt, war damals Abteilungsdirektor im ungarischen Außenministerium. Unter anderem sprach er davon, dass sie die Ereignisse als eine Krisensituation wahrgenommen hätten. Es habe auch die Chance auf eine neue „freundlichen Hilfe” wie 1968 in Prag bestehen. Der ehemalige Diplomat betonte, dass es für ihn ein prägendes Erlebnis gewesen wäre an der Öffnung der Grenze vor 25 Jahren persönlich mitwirken zu dürfen.

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Am Ende der Veranstaltung unterhielten sich die Anwesenden noch lange über ihre eigenen Erlebnissen und Kroisbacher Musiker spielten ungarndeutsche Stücke.

István Mayer
Fotos: Lajos Grund

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