Zur Herausbildung einer neuen, aufrichtigen Erinnerungskultur beitragen

Quelle: Neue Zeitung

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Staatspräsident János Áder war Schirmherr und Festredner der 19. Gala der Ungarndeutschen

Anlässlich des Tages der Ungarndeutschen Selbstverwaltungen wurde dieses Jahr zum 19. Mal die Landesgala der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen veranstaltet, bei der die besten ungarndeutschen Kulturgruppen des Landes auf die Bühne gebeten wurden.

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Auch manche ungarische Medien nahmen diesen Festakt in ihrer Berichterstattung mehr wahr als in den Vorjahren, da Schirmherr und Festredner der Gala diesmal Staatspräsident János Áder war.

Summierung des Vorjahres

Ein weniger hektisches Jahr wünschte LdU-Vorsitzender Otto Heinek den Gästen der Gala am 11. Januar im Budapester Kongresszentrum. Damit meinte er das wahlreiche Vorjahr, das viel Kraft und Energie in Anspruch nahm. In seinem Grußwort verwies er auf das Scheitern der Kandidatur eines ungarndeutschen Abgeordneten, aber er betonte auch, in den bevorstehenden Jahren darauf hinzuarbeiten, bei der nächsten Wahl ein Vollmandat im ungarischen Parlament zu erzielen. Heinek bedankte sich für die erfolgreiche Arbeit des Sprechers der Ungarndeutschen Emmerich Ritter im Nationalitätenausschuss, denn im Haushaltsgesetz 2015 stehen höhere Zuschüsse für die Nationalitäten zur Verfügung. „Die Wahlen der Nationalitätenselbstverwaltungen im Herbst haben erneut unter Beweis gestellt, dass wir einheitlich auftreten, gemeinsame Ziele verfolgen können. In die Selbstverwaltungskörperschaften sind zahlreiche neue Mitglieder gewählt worden, und sie, die heute das erste Mal an unserer Landesgala teilnehmen, möchte ich von hier extra begrüßen!“, sagte Otto Heinek.

Als wichtigste Errungenschaften des Vorjahres nannte der LdU-Vorsitzende die Übernahme mehrerer Nationalitätenschulen und -kindergärten durch die deutschen Selbstverwaltungen, das 2014 abgeschlossene Bauprojekt am Valeria-Koch-Schulzentrum sowie die in diesen Tagen übergebenen 62 neuen Lehrmaterialien für ungarndeutsche Schulen. Letztere zwei Projekte wurden aus EU-Fördergeldern finanziert. Das Gedenken an die Verschleppung in die Sowjetunion zur „Malenkij robot“ vor 70 Jahren, den kommenden Gedenktag an die Verschleppung und Vertreibung im Auge betonte Heinek, dass „Gedenktage zur Befreiung von Stigmata und zur Herausbildung einer neuen aufrichtigen Erinnerungskultur beitragen“ können.

Gemeinsame Zukunft betont

Staatspräsident János Áder zitierte in seiner Festrede den Königsspiegel Stephans des Heiligen und betonte die Treue der Angehörigen der Nationalitäten Ungarn gegenüber. „Die Ungarndeutschen gehören seit vielen Jahrhunderten zu den größten Nationalitätengemeinschaften des Landes. Die Ergebnisse ihrer Schaffenskraft, ihres Talents, ihres Fleißes sehen wir in unseren Dörfern und Städten, in unseren Schulen und Kirchen, in den herausragenden geistigen und Sportleistungen“, so der Schirmherr der Gala. Áder erinnerte an die Repressalien den Ungarndeutschen gegenüber im 20. Jahrhundert und meinte, dass der Kollektivschuldzuspruch keine Schande für die ungarndeutsche Minderheit, sondern für die damalige politische Elite sei. „Für eine Nation kann die Tilgung der Vergangenheit kein Ziel sein. In unserer gemeinsamen Vergangenheit müssen wir eher die Stütze unserer Gegenwart und unserer Zukunft sehen“, unterstrich der Staatspräsident. Er nannte als schönstes Symbol der Identität der Ungarndeutschen die natürliche Zweisprachigkeit der Dichterin Valeria Koch, die sowohl ungarisch als auch deutsch schrieb, dennoch bilden ihre zwei Muttersprachen eine Welt. Áder unterstrich, dass dieser Festakt nicht nur die Vergangenheit bedeute, sondern vielmehr die Zukunft, die Jugend, die die Kultur der Gemeinschaft weiter ausbaut. Der Staatspräsident verfolgte das Galaprogramm interessiert bis zum Ende.

Hohe Auszeichnungen verliehen

Die Überreichung der Valeria-Koch-Preise seit zwölf Jahren an verdiente Mittelschüler bedeutet eine Anerkennung von Leistungen der Jugend. Viktória Göbl aus Badesek (Ungarndeutsches Bildungszentrum, Baje), Jessica Marlók aus Sankt-Iwan bei Ofen (Friedrich-Schiller-Gymnasium, Werischwar) und Corinna Schneider aus Fünfkirchen (Valeria-Koch-Schulzentrum, Fünfkirchen) bekamen den Koch-Preis für hervorragende Leistungen und Engagement für das Ungarndeutschtum. (Wir werden sie in unseren nächsten Nummern vorstellen.)

Die höchste Auszeichnung der Ungarndeutschen, die Ehrennadel in Gold für das Ungarndeutschtum, ging auch heuer an drei Persönlichkeiten, an Dr. Elisabeth Knab, Prof. Dr. Gerhard Seewann und Marta Stangl.

Die Ehrennadel in Gold für das Ungarndeutschtum erhält Frau Martha Stangl. Martha Stangl ist eine anerkannte Journalistin, die sich während ihrer ganzen Laufbahn für die Nationalitäten einsetzte. Sie ist in einer ungarndeutschen Familie in Fünfkirchen geboren, in der sie Sprache und Traditionen der deutschen Nationalität kennen lernte.

Nach ihrem Deutsch- und Biologiestudium an der Pädagogischen Hochschule in Fünfkirchen absolvierte sie die Journalistenschule des Ungarischen Journalistenverbandes und begann 1975 als freie Mitarbeiterin beim Regionalstudio des Ungarischen Rundfunks zu arbeiten. Ab 1980 war sie Moderatorin und Redakteurin des ungarndeutschen Magazins „Unser Bildschirm“ des Ungarischen Fernsehens. Ihre Arbeit erledigte sie stets kompetent, gewissenhaft, offen und sehr einfühlsam. Das Vorstellen alten Handwerks, die Thematisierung von Lebensgeschichten und die Bewahrung der Werte der deutschen Nationalität lagen ihr besonders am Herzen. Sie hatte eine besondere Art, Themen aufzugreifen, zu bearbeiten, und sie recherchierte mit viel Umsicht. Dadurch weckte sie nicht nur die Sympathie ihrer Interviewpartner, sondern auch die der Fernsehzuschauer. In ihren Berichten und Interviews ertönte sowohl die deutsche Sprache als auch die Mundart auf hohem Niveau. Dank ihrer Arbeit sind im Archiv von „Unser Bildschirm“ unwiederholbare Momente in Form von Dokumentarfilmen und Beiträgen zu finden: so zum Beispiel der Film über die Martinikirmes in Großnarad, Porträts über Nikolaus Manninger, Paul Umenhoffer, Robert König oder über den Jinker Gastlehrer Gerald Hühner. Der Film über die Architektur in Polan, ihre zahlreichen Aufzeichnungen von niveauvollen Darbietungen führender ungarndeutscher Volkstanzgruppen und Musikformationen und auch ihre Dorfsoziologien – von Wirtshäusl über Waschludt, Großnarad, Taks bis Wakan oder Kascha – lagen ihr besonders am Herzen.

Ab 2000 übernahm sie auch die Aufgabe der verantwortlichen Redakteurin der Sendung „Együtt“ („Gemeinsam“) und redigierte hervorragend interethnische und interkulturelle Sendungen.

Martha Stangl trug durch ihr Schaffen enorm dazu bei, dass die Nationalitäten in Ungarn – und insbesondere die Ungarndeutschen – in weiten Kreisen bekannt geworden sind. Für ihre Reportagen bzw. für ihre journalistische Tätigkeit erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, beispielsweise den Preis „Kamera Hungaria“, das Ritterkreuz der Republik Ungarn oder den Ungarndeutschen Medienpreis. 2011 musste sie zwar das Ungarische Fernsehen verlassen, aber für ihre ehemaligen Kollegen blieb sie weiterhin eine kompetente und hochqualifizierte Ansprechpartnerin. Liebe Frau Stangl, wir wünschen Ihnen alles Gute und gratulieren Ihnen zur Auszeichnung!

Die Ehrennadel in Gold für das Ungarndeutschtum erhält Frau Dr. Elisabeth Knab. Dr. Elisabeth Knab ist aufgrund ihrer vielfältigen Tätigkeit im Nationalitätenbereich eine landesweit bekannte und geschätzte Persönlichkeit. Sie wurde in Nadwar in der Batschka geboren. Ihr Weg führte nach Baja, an das Leo Frankel deutschsprachige Gymnasium, und von dort zum Germanistik- und Geschichtsstudium in die damalige DDR. In Nadwar, im Elternhaus, in der Gemeinschaft der Ungarndeutschen im Dorfe, in einem „schwäbischen“ Milieu, hat sie die Liebe und Ehrfurcht zu dieser Sprache und Kultur in sich aufgesogen, jene Ehrfurcht, die sie ein Leben lang mit sich trägt. Wohin auch immer sie das Leben verschlagen hat, zog es sie immer wieder zurück in die Batschka, wo sie ihre Träume und Vorstellungen von einem ungarndeutschen Bildungszentrum in die Realität umgesetzt hat. Ein Bildungsinstitut, in dem ein hochqualifiziertes und international anerkanntes Modell der europäischen Bildungsintegration durch ihre Leitung verwirklicht wurde, an dem den Schülern gleich zwei – ein ungarisches und ein deutsches – Abiturzeugnisse ausgehändigt werden können, an dem sehr viel auf die Vermittlung von Nationalitäteninhalten gesetzt wird, wo das Nationalitätenbewusstsein der Schülerinnen und Schüler von hochqualifizierten und überzeugten Lehrern aufgebaut und weiterentwickelt wird.

Als Diplomgermanistin hatte sie mehrere Lehrbücher für den Hochschulbereich verfasst. Sie promovierte an der Universität in Fünfkirchen zu einem dialektologischen Thema. Sie organisierte zahlreiche Fort- und Weiterbildungen für Lehrerinnen und Lehrer. Zwischen 1999 und 2014 wirkte Frau Dr. Knab als stellvertretende Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen. Auch ihre Tätigkeit als Bürgermeisterin ihres Heimatdorfes bereicherte sie mit neuen Erfahrungen. Zurzeit leitet sie das Personalwesen von AUDI HUNGARIA in Raab.

Frau Dr. Elisabeth Knáb spendet die mit der Ehrennadel verbundene Geldprämie der Zeitschrift „Batschkaer Spuren“. Herzlichen Glückwunsch!

Die Ehrennadel in Gold für das Ungarndeutschtum geht an Herrn Prof. Dr. Gerhard Seewann.
Prof. Dr. Gerhard Seewann widmete sein auf mehrere Jahrzehnte zurückblickendes Lebenswerk der historischen Minderheitenforschung, der geschichtlichen Erschließung des multiethnischen Zusammenlebens in Ungarn und im Karpatenbecken sowie der Erforschung der Geschichte der Deutschen in Ungarn. Seine sich ab den 1970er Jahren entfaltete fachliche Betätigung bereicherte einerseits die bundesdeutsche und westeuropäische Geschichtsschreibung, andererseits brachte sie eine neue Sichtweise in die Länder des südlichen Mitteleuropas.

Seit der Wende spielte Gerhard Seewann eine wichtige Rolle dabei, dass seine Sichtweise auch in der ungarischen Historiografie immer mehr Wurzeln schlug. Als Höhepunkt dieser schöpferischen Tätigkeit ist die Geschichte der Deutschen in zwei Bänden (2012), ein Handbuch umfangreichen Wissens, eine Alternative zur ungarischen national gesinnten Geschichtsschreibung, aber auch ein Angebot an die Deutschen in Ungarn, es als Basis zu ihrer Identität zu benützen.

Gerhard Seewann arbeitet im Moment an einem Schulbuch für die deutschen Nationalitätenschulen Ungarns und der Nachbarländer sowie an einem Internetportal, das jedem Interessenten zur Verfügung stehen wird. Wir wünschen Herrn Prof. Dr. Seewann noch viele gesunde und aktive Jahre und gratulieren ihm ganz herzlich zur Ehrennadel.

Beste ungarndeutsche Kulturgruppen

Die Schaumarer Musikanten, unter der Leitung von Bálint Buzás, spielten ungarndeutsche Blasmusik, der Chor der István-Szőnyi-Grund- und Kunstschule aus Sebegin, unter der Leitung von Marianna Csánki-Tomeg, sowie die Willander Kindertanzgruppe und das Jugendharmonikaorchester des Landesrates stellten unter Beweis, wie erfolgreich der Nachwuchs arbeiten kann. Der Schaumarer Frauenchor bot einen Einblick in seine 40-jährige Geschichte, die Familienmusikkapelle Bauernhuber aus Herend zeigte auf Klarinette, Akkordeon und Tuba ihr musikalisches Erbe. Die Schüler/innen Balázs Leitner (Pußtawam), Hanna Pesti (Bohl), Corinna Fülöp (Tarian), Szilvia Mirk (Werischwar) überzeugten das Publikum vom Mundartschatz der Jüngsten, musikalisch begleitet von Norbert Sax. Das Duo Anna Kovács und Blanka Berta, Schülerinnen am Ungarndeutschen Bildungszentrum in Baje, verzauberten mit ihrer Produktion – begleitet von Josef Emmert auf dem Akkordeon – das Publikum. Bei der Produktion der Schauspielerinnen der Deutschen Bühne in Seksard wurde auf der Bühne dank der musikalischen Begleitung der Fünfkirchner Schnaps-Kapelle gerockt. Im Stück „Beatles an Board“ von Enrique Keil konnten die Airline Jet-Baguette-Flugbegleiterinnen Ildikó Frank, Kata Lotz und Melissa Hermann „bei ihrer Arbeit“ erlebt werden. Authentische ungarndeutsche Blasmusik vermittelten in ihren wunderschönen Trachten die Mitglieder der Wemender Jugendblaskapelle unter der Leitung von Johann Hahn. Das hin- und mitreißende Finale gestaltete mit der Polkamazur-Aufführung – einer Choreographie des Leiters des Ensembles Helmut Heil – die Leőwey-Tanzgruppe aus Fünfkirchen. Musikalisch wurden sie von der Schnaps-Kapelle unter der Leitung von Csaba Putler begleitet.
Und im Foyer unterhielt vor und nach der Vorstellung bzw. in der Pause die Sváb Parti aus Hartian die Gäste, von denen so manche gleich das Tanzbein schwangen

Bunte Trachten, wunderbare Stimmung, tolle Bühnenpräsenz waren charakteristisch. Die Moderation gestaltete gekonnt Krisztina Szeiberling. Sie trug im ersten Teil eine Tracht und moderierte den zweiten Teil der Gala in einem eleganten Abendkleid.

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