Ödenburger Familien im Porträt: Die Göschls

Quelle: Neue Zeitung

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Ich habe mich mit Magdi Krisch bei ihr zu Hause verabredet, denn sie versprach mir, über ihre Familie mütterlicherseits, über die waschechten Pounzichter, zu erzählen. Als ich ankam, fragte sie mich, ob ich Bohnenstrudel möge. Auf meine bejahende Antwort hin zauberte sie in zehn Minuten diese Köstlichkeit frisch aus dem Backofen auf den Tisch und begann zu erzählen.

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Die Familie Göschl stammt aus Gols (heute Burgenland), das während der Gegenreformation ein „Sammelplatz“ für Protestanten war. In der Hoffnung auf bessere Arbeitsmöglichkeiten übersiedelte Andreas Göschl im 17. Jahrhundert mit seiner Frau Anna nach Ödenburg und wurde ein angesehener Wirtschaftsbürger der Stadt. Laut Urkunde bekam sein Sohn, Andreas, 1768 das Bürgerrecht der Stadt.

Magdis Urgroßvater Michael Göschl war bereits ein wohlhabender Mann: Er besaß in der Schippergasse eine Spirituosen- und Essigfabrik. Die Familie gehörte der evangelischen Gemeinde der Stadt an, sie wirkte auch mit Rat und Tat mit. Ein Beweis dafür ist der Grabstein von Michael, auf dem geschrieben steht: „Michael Göschl, Privatier, Presbyter der Evangelischen Kirche“. Michael Göschl war zweimal verheiratet und hatte 21 Kinder. Sie alle hatten selbstverständlich Anteil am Vermögen der Eltern, so schmolz dies auch langsam dahin.

Einer der Söhne, Karl – Magdis Großvater –, verließ mit sechzehn das Elternhaus und machte sich selbständig. Er erwarb sich mehrere Weingärten und bewirtschaftete diese. Er besaß, wie auch viele Pounzichter der Zeit, mehrere Pferde, die unter anderem für die Arbeiten in den Weinbergen notwendig waren. Karl Göschl war deutscher Abstammung, doch er zog für Ungarn, für sein Vaterland in den Ersten Weltkrieg und kämpfte tapfer.

Karl Göschl heiratete Luise Fiedler, die Tochter von Susanna Kheim und Michael Fiedler. Michaels Großvater war Pounzichter mit Leib und Seele: Als einmal das kleine Baby Magdi nur mit einem in Wein getränkten Lutscher zu beruhigen war, sagte er stolz: „Das ist meine Enkeltochter.“ Das Ehepaar hatte dreizehn Kinder. (Wohlbemerkt: Karl verließ unter anderem deshalb so früh das Elternhaus, weil ihm die vielen Geschwister und das Kindergeschrei auf die Nerven gingen.) 1946 wurden vier von ihnen vertrieben, zwei Söhne kämpften für das Vaterland an der Front. Sohn Julius erlebte das Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland, wo er sich verliebte und eine Familie gründete. Er siedelte sich in Wernigerode an. Bei der Entstehung der DDR wurde die Grenze just an seinem Garten gezogen, so blieb er im damaligen Osten.

Aber zurück zum Großvater Göschl: In den 50er Jahren wurde alles verstaatlicht und auch die Wirtschaftsbürger wurden enteignet. Sie wurden gezwungen, in einer landwirtschaftlichen Genossenschaft zu arbeiten – womöglich im eigenen Weingarten, der aber nicht mehr ihnen gehörte. Auch das Vieh wurde ihnen weggenommen, so auch Karl Göschls Pferde, die er liebevoll „meine Rösser“ nannte. Diesen Verlust verkraftete er nicht, daraufhin erlitt er einen Schlaganfall und zu Silvester 1951 starb er.

Magdis Mutter, Teresia Göschl, kam 1916 zur Welt. Ihre Tante und Taufpatin war Friseurin. Dieser Beruf gefiel Teresia sehr, so entschied sie sich, ebenfalls Friseurin zu werden. Sie heiratete Imre Horváth, der die Meinung vertrat, er könne für seine Frau selbst aufkommen, sie soll die Arbeit an den Nagel hängen. So gab Teresia ihre Arbeitsstelle auf, doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr. Ihre Mutter wurde pflegebedürftig, so musste sie mehr arbeiten als im Frisiersalon. Täglich ging sie zu ihrer Mutter, sie pflegte sie und kochte für die zehnköpfige Familie. Nach dreizehn Jahren Ehe stellte sich Nachwuchs bei der Familie Horváth ein: 1951 wurde Magdi geboren. Das Kleinkind besuchte ebenfalls jeden Tag die Oma, die mit ihr nur deutsch sprach. Das gefiel Magdi überhaupt nicht und sie weigerte sich, der Oma auf Deutsch zu antworten.

Deshalb arrangierte ihre Mutter für sie eine Privatlehrerin, denn sie wollte unbedingt, dass ihre Tochter die Sprache ihrer Vorfahren weiterführt. Magdi erzählte mir, dass sie nach einer Zeit dann plötzlich merkte, dass sie viel lieber die deutschen Lieder sang als die ungarischen und sie sich in einer deutschsprachigen Gemeinde sehr wohl fühlte.

Nach der Matura begann sie im Fremdenverkehr zu arbeiten, wo sie ihre deutschen Sprachkenntnisse sehr gut einsetzen konnte. Auf diesem Gebiet arbeitet sie nach wie vor, nur dass sie ein eigenes Fremdenverkehrsbüro hat, das auch deutschsprachige Hefte über diverse Sehenswürdigkeiten der Gegend herausgibt. 1972 heiratete sie Alfred Krisch, der ebenfalls deutscher Herkunft ist. Laut Magdi mochte ihre Schwiegermutter sie von Anfang an sehr, denn sie konnte mit ihr deutsch sprechen. Das Ehepaar Krisch brachte seinen Söhnen András und Miklós von klein auf die deutscher Sprache bei, die die beiden nun wie die Muttersprache beherrschen. András ist Leiter des Evangelischen Archivs zu Ödenburg und begeistertes Mitglied der Deutschen Selbstverwaltung. Miklós lebt in Wien und arbeitet, wie seine Mutter, im Fremdenverkehr.

Magdi ist Vorsitzende der Deutschen Selbstverwaltung und des Deutschen Kulturklubs Ödenburg und Umgebung. Letzterer wurde 1992 gegründet und hat 400 Mitglieder. Damit ist er die größte Zivilorganisation der Stadt. Neben diversen Veranstaltungen ist der Klub Herausgeber zahlreicher Gesangsbüchlein, Erzählungen im Ödenburger Dialekt, die Mitglieder genießen im Klubraum einfach das gesellige Beisammensein. Die Deutsche Selbstverwaltung hat nun von der Stadt das Rejpál-Haus zur Verfügung gestellt bekommen. Nach Magdis Meinung gibt es dort noch viel zu tun, das Haus muss mit Leben gefüllt und die Leute müssen mit interessanten Programmen hingelockt werden.

Während unseres Gespräches ist der Teller voller Bohnenstrudel leer geworden und ich konnte mich davon überzeugen, dass sich Magdi nicht nur für ihr Deutschtum einsetzt, sondern auch die Traditionen ihrer Pounzichtervorfahren pflegt.

Judit Bertalan

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