40 Tropfen nach der Messe

Quelle: Neue Zeitung

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Unter Kulturerbe versteht man nicht nur die Traditionen, die die ältere Generation an die jüngere weitergibt, vererbt; nicht nur Lieder, Märchen, Tänze, Sprachgebrauch und die Vorbereitungen auf die Feiern des Kalenderjahres, sondern viel mehr: die Lebensweise, wie die Angehörigen einer Minderheitengruppe an den Werk- und Feiertagen leben, wie sie sich zueinander verhalten, wie oft und in welcher Form sie sich treffen und wie sie reden.

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Das Beisammensein gehört auch im weiteren Sinne zum immateriellen Kulturerbe, worunter man übrigens in erster Linie das überlieferte Wissen und Können versteht.

Es begann in den 90er Jahren, als sich ein Wudigesser Freundeskreis, die Mitglieder des Frauenchores und der deutsche Pater Richard einmal im Monat nach der deutschsprachigen Messe in Maria Eichel im nahe liegenden Weinkeller von Lorenz Martin (Cousin des ehemaligen deutschen Außenministers Joschka Fischer) versammelten. Der Dominikanerpater aus Deutschland freute sich sehr, dass er nach der Messe ungebunden mit den Wudigesser Gläubigen in seiner Muttersprache diskutieren konnte. Die aus ungefähr 20-25 Personen bestehende Gesellschaft – außer den Chormitgliedern – bekam nicht zufällig die Benennung „40 Tropfen“. Vor dem Mittagessen waren sie eben zu „40 Tropfen Wein“ aus eigenem Anbau eingeladen.

Es gab und gibt heute noch in manchen Siedlungen die Sitte, dass Männer nach dem Gottesdienst in eine Gaststätte oder in eine Kneipe gehen, um ein bisschen zusammen zu sein und miteinander zu sprechen. Ähnlich war es bei der „40 Tropfen“-Gesellschaft, die später nicht nur in Maria Eichel, sondern jeden Sonntag nach der Messe in Wudigess, in der Waldgasse 29 bei meinem Onkel Lorenz Martin und bei meiner Tante Erzsébet Mayer-Martin zusammenkam.

Die gemütliche Küche, das Esszimmer mit dem großen runden Esstisch und nicht zuletzt die Gastfreundschaft des Wirtes und der Wirtin boten einen idealen Versammlungsplatz für Verwandte und Bekannte, für ein Häuflein Schwabenvolk. Wenn jemand aus Deutschland in der Kirche zu Besuch war, wurde auch er eingeladen. Und was den Gästen neben den mit „40 Tropfen“ Wein gefüllten Weingläsern angeboten wurde? Das waren Toastbrote in kleinere Stücke geschnitten (zubereitet von Kata Dobos-Fischer) mit Speck, Wurst oder Schinken, darauf Zwiebeln oder Gurken ( vorbereitet von Lenci bácsi).

Im ersten Jahrzehnt der 2000er Jahre hielt Emmerich Salat, Seelsorger für die Ungarndeutschen aus Pilisszántó, einmal im Monat in Wudigess die deutschsprachige Messe, er war natürlich auch ein ständiges Mitglied der lustigen Gesellschaft. Einige kamen ausgesprochen nur wegen der Messe und des 40-Tropfen-Treffens aus Budapest und wollten die Gelegenheit auf keinen Fall versäumen. Es wurde teilweise ungarisch, teilweise schwäbisch gesprochen. Die häufigsten Themen waren die Geschehnisse der Vergangenheit, die Verwandtschaft, die Ahnen, die Familienkontakte, die aktuellen Ereignisse der Gemeinde und nicht selten der Inhalt der Predigt oder das Mitwirken des Frauenchores in der Kirche. Die Chorleiterin Theresia Stracz-Nagy war auch regelmäßig dabei, sie nahm sowohl die Gratulation als auch eventuell die Kritik aufrichtig an.

Es war interessant, sich die „Zeitzeugen“ anzuhören, besonders Ferenc Werle konnte viel über die Geschichte des Dorfes erzählen. Er sprach stolz darüber, dass er als junger Klempner mit seinem Vater u. a. am Kirchturm in Maria Eichel arbeitete. Diese Leute kannten einander von ihrer Kindheit an, auch ihre Ahnen waren Bekannte oder Verwandte. In unserer verfremdeten Internet-Welt, wo man nicht einmal seinen Nachbarn persönlich kennt, hat es mir Spaß gemacht, den „Alten“ zuzuhören. Eine alte, anders geartete Welt öffnete sich für eine kurze Zeit vor uns. Es war immer erstaunlich, wie gut sich die Generation meiner Mutter erinnern konnte. Für sie war es kein Problem aufzuzählen, welches Haus in der Fő utca oder in der Waldgasse welcher Familie gehörte. Im Zusammenhang mit der Vergangenheit konnten sie fast alle Fragen beantworten.

Besonders genoss die 40-Tropfen-Gesellschaft die Witze und Anekdoten von Mátyás Hidas senior, der lange Zeit das älteste Mitglied der Gruppe war (er ist mit 97 Jahren 2013 gestorben). Matyi bácsi erzählte seine Witze mal ungarisch, mal schwäbisch. Ein Witz kam nach dem anderen, manchmal wiederholten sie sich Woche für Woche, trotzdem lachten wir darüber.

Einen riesengroßen Erfolg hatten die Gedichte und Glückwünsche von Jenő Szirmai (Staudinger), mit denen er eben dem Geburtstagskind oder demjenigen/derjenigen gratulierte, der oder die Namenstag hatte. Folgendes Gedicht schrieb er an meine Tante Erzsébet Mayer-Martin und an Erzsébet Schleer-Mindler im Jahre 2009:

Für zwei Elisa-Beth

Sie sind so schön, sie sind so nett.
Wie heißen sie? Ist doch klar: Elisabeth.
Zu Eurem Namenstag sollen wir nicht singen?
Es ist besser, wenn wir Euch aus ganzem Herzen gratulieren.
Wir sagen lebet wohl und lebet lang.
Von oben fließt ein Glockenklang.
Der meldet Gesundheit, Glück und Segen.
Wer braucht heute noch mehr zum Leben?

Das nächste Gedicht schrieb er für Mátyás Hidas senior zu dessen 93. Geburtstag am 31. Jänner 2009. Das zweisprachige Gedicht zeigt gut, dass manchmal beide Sprachen parallel verwendet wurden.

Ein 93-jähriger meditiert in zwei Sprachen

Heute bin ich a naptár szerint dreiundneunzig,
Kopf hoch masírozok, ettől vagyok én oly hercig.
Auf mein Alter fittyet hányok, ezért csípnek úgy a lányok.
Wie ein Junge a Fő utcán fel és alá hetykén járok.
Viel gelaufen, viel gesehen, vajh hová lett, mit megéltem?
Ifjúságom férfikorom weggelaufen, ezt pedig én alig értem.
Tag und Nacht csak a munka, robotoltam ohne Pause,
Und jetzt már megyek langsam Richtung Hause.
Da ich jetzt schon geboren bin, köszöntök itt mindenkit,
Egy jó tanácsot adok néktek, seid so gut und lebt damit:
A hosszú létnek mi a titka, wie soll man so lange leben?
A megoldás rém egyszerű, man darf mit dem Atmen nicht aufhören…

Bei den Gratulationen fehlte das gemeinsame Singen auch nicht und es trug immer zur guten Stimmung bei.

Die „Anwesenheitsliste“ der Gesellschaft wird mit der Zeit immer kürzer und kürzer. Die Zahl der Verstorbenen aus der 40-Tropfen-Gruppe ist über 14. Der Hauswirt, Lorenz Martin ist 92, seine Frau, Erzsébet Mayer-Martin feierte am 10. März ihren 85. Geburtstag. Die Mitglieder der 40-Tropfen-Gesellschaft gratulieren ihr allerherzlichst auf diese Weise und wünschen ihr alles Gute, Gesundheit und Gottes Gnade und Segen.

Maria Herein Kőrös

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