„Einmal GJU-ler, immer GJU-ler“ – Interview mit Tekla Matoricz

Quelle: Zentrum

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Krisztina Pánovics-Szeiberling führte ein Gespräch mit Tekla Matoricz, der Vorsitzenden der Gemeinschaft Junger Ungarndeutscher (GJU) über Herausforderungen, Tendenzen und Freuden der ungarndeutschen Jugendarbeit.

Welche sind heutzutage die stärksten Wirkungen von außen, auf welche die GJU eine Antwort geben muss?

Meiner Meinung nach sind diese all die drastischen Änderungen, die die Zusammensetzung der Gesellschaft heutzutage betreffen. Ich denke hiermit daran, dass zwar im Lande sehr viele Ungarndeutsche Leben, ein gewisser Teil der Jugendlichen unsere Sprache und unsere Traditionen doch nicht mehr kennen lernt – weder in der Schule, noch zu Hause, was zur Wirkung hat, dass sie sich mit einer ungarndeutschen Organisation nicht identifizieren können (oder wollen). Jene Jugendlichen wiederum, die über gute sprachliche Kompetenzen verfügen, verlassen das Land, sobald sie alt genug dazu sind und eine Möglichkeit dazu finden. Diese Migrationswelle dauert ja schon seit einer Weile, die GJU musste also bereits lernen, diese Situation durch die Erziehung eines ständigen Nachwuchses zu handhaben. Zum Glück gibt es Mitglieder, die sogar aus dem Ausland wegen des einen oder anderen Programms nach Hause fahren, und es gibt auch viele, die nach einer mehrjährigen Pause ihre Aktivität dort fortsetzen, wo sie sie unterbrochen haben.

Emil Koch, Tekla Matoricz, Gábor Werner im Haus der Ungarndeutschen

Das Ansprechen der jüngeren Generation unter 18 ist womöglich noch schwieriger. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die Jugendlichen zwischen 15 und 18 der freiwilligen Arbeit dieser Art verschließen. Es ist schwer, aus den unzähligen Freizeitmöglichkeiten herauszuragen und die jungen Menschen zu motivieren. Glücklicherweise zeigen die Erfahrungen der letzten Jahre die Tendenz, dass diejenigen, die wir bereits in ihrem Grundschulalter für unseren Verein gewinnen können, später dann eine stabile Basis für unseren Nachwuchs bilden. Eine ähnliche positive Wirkung hat auch der obligatorische Gemeinschaftsdienst in Ungarn, bei dem die Schülerinnen und Schüler durch diese freiwillige Arbeit die Notwendigkeit und das Erlebnis des Zugehörigkeitsgefühls erfahren, und daraus resultierend aktive Mitglieder des Vereins bleiben.

Die Leitung der GJU bemerkt aber natürlich auch die Schwächen, versucht jedoch aus dem Positiven ausgehend zu gedeihen und aus den negativen Situationen zu lernen, die meiner Erfahrung nach schließlich immer gut enden. Wir wollen durch permanente Erneuerung, innovative Programme mit den Änderungen Schritt halten, und dadurch auf die Herausforderungen der modernen Welt reagieren.

Nach welchen maßgebenden Richtlinien stellst Du dir die nahe und fernere Zukunft der GJU vor?

Eines unserer wichtigen Ziele für die nahe Zukunft ist, dass wir ein genaues Bild bezüglich aktueller Mitgliederzahl unseres Vereins bekommen, und dass wir landesweit die Basen finden, auf die wir bauen können. Wir haben eine neue Satzung, die es ermöglicht, dass der GJU auch Einzelpersonen beitreten, ohne einem Freundeskreis angehören zu müssen. Wir hoffen, dass vielen der Beitritt gerade dadurch attraktiver wird. Wir versuchen die Strategie des Vereins natürlich permanent zu entwickeln, auch auf diesem Gebiete verzeichnen wir schöne Fortschritte, wobei wir noch natürlich sehr viel zu tun haben. Unsere primären Ziele haben sich seit den Anfängen vor 25 Jahren nicht geändert, dass wir nämlich möglichst viele Jugendliche, die sich mit dem Ungarndeutschtum verbunden fühlen, vereinen, und für sie inhaltreiche Programme organisieren, um ihnen bei der Entfaltung und Stärkung ihrer Identität zu helfen; dass wir die GJU noch bekannter machen, und, dass wir für unsere Organisation noch mehr neue Mitlieder finden. Ich denke hierbei nicht nur an diejenigen, die der GJU neu beitreten, sondern auch an jene, die im Leben des Vereins bereits seit längerem teilnehmen, und sogar auch an solche, die sich uns eventuell erneut anschließen. Die Leute müssen ständig motiviert und aktiviert werden, auch dann, wenn sie scheinbar immer anwesend sind.

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Als wichtigste längerfristige Richtlinie betrachte ich immer noch das Sorgen für den Nachwuchs. Ich werde nie vergessen, was alles ich der GJU zu verdanken habe, und ich wünsche uns, dass dies möglichst viele und möglicherweise schon von klein an erfahren. Ich versuche immer und überall zu betonen, dass nicht nur all das wichtig ist, was wir von der GJU bekommen, sondern auch das, was wir für die Organisation tun können. Ich bin dabei, möglichst vielen Menschen die Schönheiten und Vorteile der freiwilligen Arbeit nahezubringen. Es ist nicht von ungefähr, dass es diese Organisation seit nunmehr 25 Jahren gibt, und dass so viele Menschen ihre jährlichen Programme besuchen!

Bezüglich der nahen und ferneren Zukunft kann ich also sagen, dass es unser Ziel ist, die GJU im Kreise der Ungarndeutschen, und vor allem unter den ungarndeutschen Jugendlichen noch bekannter und anerkannter lassen zu werden, damit es einen Platz, eine Gemeinschaft gibt, wo sich die Jugendlichen heimisch fühlen, wo sie sich der deutschen Sprache (oder eben ihrer Mundart) bedienen können, und wo sie sich gemeinsam für die Pflege der Traditionen einsetzen können. Natürlich ist unsere Gemeinschaft mithilfe der Jugend Europäischer Volksgruppen (JEV), unserer Schirmorganisation auch im Ausland, ja, sogar vielerorts auf dem Kontinent bekannt, dies kann aber selbstverständlich noch weiter verbessert werden. Ich stelle mir die fernere Zukunft so vor, dass sich ein jeder GJU-ler im Klaren ist, wie toll es ist, dieser Gemeinschaft anzugehören, und hierzu überall im Lande und in der Welt steht. Ungarndeutsch zu sein ist schließlich cool, und GJU-ler zu sein ist noch cooler!

Womit kann man heutzutage die Jugendlichen dauerhaft in die Arbeit der GJU miteinbeziehen?

Am wichtigsten diesbezüglich ist die Tatsache, dass – trotz der bereits erwähnten gesellschaftlichen Änderungen – zum Glück immer noch viele junge Menschen in unserem Lande leben, denen ihre ungarndeutsche Abstammung wichtig ist. Diese Jugendlichen beteiligen sich auch größtenteils an der Kulturarbeit – entweder als Tänzer, oder als Musikanten. Somit ist die gemeinsame Basis schon vorhanden, die sie wegen ihres gemeinsamen Interesses zusammenhält. Außer ihrer eigenen Gemeinschaft und außerdem, was sie in der Schule gelernt haben, kennen sie die Bräuche, die Dialekte anderer junger Ungarndeutscher nicht. Eine der Hauptaufgaben der GJU war und ist, daran zu ändern. Aus diesem Grund organisieren wir jedes Jahr ganz verschiedene Programme, und zwar einer jeden Altersgruppe. Zum Glück bedeutet für sie das Zugehörigkeitsgefühl zur GJU scheinbar einen richtigen Wert. Natürlich ist es auch bezüglich der Werbung und Erhaltung wichtig, dass diese Programme Unterhaltung bester Qualität bieten – natürlich mit „schwäbischem“ Inhalt. Während der letzten 25 Jahre änderte sich die Welt bedeutend, meiner Meinung nach ändert sich jedoch die Tatsache nie, dass die Jugendlichen einander gerne kennenlernen, und dass sie gerne zusammen feiern. Die ansprechende Kraft der Gemeinschaft ist auf jeden Fall positiv, und hat eine bedeutende Wirkung sowohl auf die Neuen, als auch auf die regelmäßigen Programmteilnehmer. Und dies trägt auch dazu bei, dass sie unsere Veranstaltungen gerne besuchen, und dass sie aber auch dafür offen sind, an neuen Programmen teilzunehmen. Und wenn dieser Schritt getan ist, ist es gar nicht mehr so schwierig, sie in unserem Kreise zu halten, denn wer sich einmal an einem Programm wohlgefühlt hat, kommt fast sicherlich auch zum nächsten. Natürlich gibt es auch hierbei Ausnahmen, weil wir uns ja alle für verschiedene Sachen interessieren, und nicht alle auf dieselben Veranstaltungen stehen, wir sind aber bemüht, ein breites Spektrum an bunten, abwechslungsreichen, interessanten und niveauvoll ausgetragenen Programmen anzubieten, welche möglichst vielen Menschen vielversprechende Unterhaltung bedeuten.

Welche sind denn die Bereiche, für die sich die heutige Jugend am meisten interessiert, und auf denen basierend dann die Programme entwickelt werden können?

Musik und Tanz, das heißt, Bälle, bzw. Auftrittsmöglichkeiten bei den Veranstaltungen; die auf Kreativität, Modernes, Abenteuerliches bauenden Programme – wie zum Beispiel Abenteuerpark oder eben ein Ausflug – sind immer noch sehr beliebt, weil die in der Natur verbrachte Zeit sehr attraktiv ist. Ich bin der Meinung, dass für die Generation der jungen Erwachsenen bestimmte Veranstaltungen der GJU oft die einzige Möglichkeit zur Erholung, zum Urlaubmachen sind, oder zumindest dazu, dass sie Kontakt mit alten Freunden aus der Organisation halten. Oft hören wir das, vor allem bezüglich unseres Landestreffens, weil wir dieses immer an einem Sommerwochenende, irgendwo am Wasser austragen, und zwar mit Teilnehmern aus dem ganzen Lande.

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Wir sind natürlich bestrebt, die GJU-Programme der modernen Zeit anzupassen, mit den Veränderungen Schritt zu halten, wollen aber am Inhalt der alten, gut bewährten Programme nur einige kleine Änderungen vornehmen. Wir mit dem Vorstand halten es für sehr wichtig, dass gut funktionierende Standards erhalten bleiben, wobei wir natürlich immer etwas Neues mit einbringen. Ich bin der Meinung, dass eben gerade darum beispielsweise bestimmte Jugendlager interessant sein können, weil einerseits die alten Teilnehmer sehr wohl wissen, was all Schönes sie dort erwartet, und weil andererseits für die neuen Teilnehmenden die GJU durch ein buntes Angebot an Programmen reizend gemacht wird.

Wie kann das Nationalitätenidentitätsbewusstsein der heutigen Jugendlichen beschrieben werden?

Wie bereits erwähnt, zeigt sich die Tendenz, dass es zum Glück sehr viele Jugendliche gibt, denen ihre ungarndeutsche Herkunft eine besondere Relevanz hat. Viele von ihnen haben die Möglichkeit, das Kennen der Traditionen noch von Zuhause mitzubringen, für etwas weniger junge Leute triff dies auch bezüglich der Sprachkenntnisse zu. Eben deshalb finde ich es so wunderschön, dass so viele Jugendliche an der Arbeit verschiedener traditionspflegender Gruppen teilnehmen, bzw. dass sich so viele statt eine herkömmliche Schule am Nationalitätenunterricht beteiligen.

Laut eigener Erfahrungen gibt es immer mehr Leute – zumindest in der Branau, die es „cool“ finden, Ungarndeutsche zu sein. Sie stehen nicht nur dazu, sondern sie plädieren auch dafür, zu dieser Nationalität zu gehören. Diese positive Attitüde scheint zum Glück immer stärker zu werden. Zu den Aufgaben der GJU gehört auch, die Nationalitätenidentität der Jugendlichen zu stärken, bzw. ihnen dabei zu helfen, ähnlich Gesinnte zu treffen und ihnen die Möglichkeit durch Programme anzubieten, sich regelmäßig auszutauschen.

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Ich finde es darüber hinaus klasse, dass wir bei internationalen Programmen die Möglichkeit bekommen, mit Vertretern anderer Nationalitäten zu diskutieren, was zur Stärkung unserer eigenen Identität, zum Erkennen anderer Denkansätze, zum Kennenlernen anderer Kulturen viel beiträgt.

Welche Verpflichtung bedeuten dem jetzigen Vorstand die Viertel Jahrhundert alte Geschichte der Organisation und die Ansichten der Vorgänger? In wie fern muss man den Traditionen der GJU „gerecht werden“?

Last würde ich das nicht nennen, obwohl ich manchmal das Gewicht dessen zu spüren bekomme – vor allem, wenn ich daran denke, dass ich nach einem so tollen Vorgänger wie Emil Koch zu arbeiten habe. Dessen ungeachtet bin ich der Meinung, dass man in allen Bereichen des Lebens einen kleinen Druck zu verspüren bekommen muss. Die GJU ist nämlich auch Arbeit, jedoch mit dem Unterschied, dass es sich um eine freiwillige Arbeit handelt, außer der Arbeitszeit nämlich.

matoricz-tekla Mit den Vizevorsitzenden zusammen wollen wir allen Ansprüchen gerecht werden, vergleichen uns ab und zu auch selbstverständlich mit dem vorigen Vorstand. Ich denke aber nicht, dass man dies als einen Wettbewerb auffassen sollte. Die GJU hatte – wie alle Organisationen – immer wieder ‘mal bessere, ‘mal schlechtere Zeiten, was oft nicht einmal vom Vorstand abhängt, sondern von tausend weiterer Faktoren. Ich glaube, wir alle waren und sind bestrebt, die Ziele zu erreichen, die man vor 25 Jahren formuliert hat, und die sich mit der Zeit kaum etwas geändert haben. Die wichtigsten Richtlinien sind auch heute aktuell und wichtig. Wir werden auch mit den gleichen Schwierigkeiten und Konflikten konfrontiert, wie unsere Vorgänger. Gott sei Dank bekommen wir aber auch sehr viel Unterstützung, vor allem von der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen – und dies bedeutet nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch Hilfe bei Fragen und Schwierigkeiten. Ich könnte aber auch zahlreiche weitere Organisationen nennen, die uns fördern. Zu unseren Partnern gehören die Jugend Europäischer Volksgruppen sowie auch deren jüngste Mitgliedsorganisation in Ungarn, die Jugendorganisation der ungarländischen Slowaken – wir stehen in engem Kontakt miteinander, helfen uns gegenseitig, soll es um Organisation von Veranstaltungen, oder einfach nur um Fragen gehen.

Letztendlich bin ich der Meinung, dass man über die Arbeit in der und für die GJU einfach nur sagen kann, dass wir uns alle sehr engagiert einsetzen, denn ein jeder von uns weiß: „einmal GJU-ler, immer GJU-ler“!

Das Interview erschien auf der Facebook-Seite „Deutsche Liste – Die erste Wahl”.

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