Nach 20 Jahren…

Quelle: Neue Zeitung

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Wir müssen die Kultur, die unsere deutschen Vorfahren mitbrachten und bewahrten, weiterleben lassen

Es hat an einem schönen, sonnigen Herbstnachmittag angefangen… Ich fuhr mit meiner Cousine Anita Waldmann von Poppau/Pápa nach Deutschtewel/Nagytevel nach Hause. Es war reiner Zufall, dass wir beide mit demselben Bus fuhren. Wir unterhielten uns über die Sachen von zu Hause, was zu solcher Zeit üblich ist, und bereuten, dass es im Dorf für die Jugendlichen nicht viele Unterhaltungsmöglichkeiten gibt. So kam unter anderem auch der Nationalitätenchor zur Rede, der sich damals schon aufgelöst hatte, weiter verengend die örtliche kulturelle Palette. Plötzlich fragte sie mich, ob wir Jugendlichen nicht singen könnten? Sofort antwortete ich „warum nicht?“. Darüber begeisterten wir uns sehr, und mit einem unerklärlichen Wohlgefühl kehrten wir heim.

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Ich wusste nicht, wie ich die Organisierung anfangen soll, wen ich für die Sache gewinnen könnte. Darum blieb ich im engeren Familienkreis. Mit Anita zusammen waren wir schon zu zweit. Meine Schwester Rita musste ich auch nicht benzen, sie sagte auch sofort ja. Von den heimischen deutschen Volksliedern wusste ich ganz wenig, aber ich hörte sie oft, als der Chor oder die alten Leute sie abends im Sommer in den Höfen oder in der Kirche sangen. Mir gefiel diese mehrstimmige Gesangsweise sehr. Wenn schon zwei zusammen waren, sang der/die eine sofort „Terz“. Für mich war das etwas Besonders. Wir brauchten also ein viertes Mitglied, einen Jungen, so dass das männliche und weibliche „Terz-Singen“ auf einmal ertönen. So fiel die Wahl auf Thomas Herber, von dem wir schon gewusst hatten, dass er in eine Musikschule ging und Trompete lernte. Auch er unterstützte die Idee zu unserer größten Freude. So waren wir zu viert.

Wir schrieben den 5. November 1994. Das war die erste Gelegenheit, als wir zusammenkamen, um das gemeinsame Singen zu probieren. Es war furchtbar kalt. Wir bekamen im Kulturhaus Platz. Ich erinnere mich, es gab keine Heizung, und wir fingen an, in Mänteln und Mützen zu singen, was einzeln noch annehmbar war, aber gemeinsam funktionierte es leider nicht.

Da ich keine örtliche Hilfe fand, suchte ich meine damalige Gymnasialgesangslehrerin, Frau Judit Mayer, „Tante Jutka“ auf, um sie um fachliche Unterstützung zu bitten. Sie empfing mich sehr lieb und unsere Initiative gefiel ihr sehr. Wir besprachen, dass wir zu viert zu ihr gehen werden und sie uns anhören wird. Das passierte auch in kurzer Zeit. Und das Ergebnis? Sie nahm uns an und danach gingen wir noch ein Jahr lang zu ihr in die Privatwohnung. Auch ihr Mann, Onkel Karcsi, ermunterte die kleine Schar immer und wartete mit Freude auf uns. In einem Jahr wurden wir richtige Familienmitglieder bei ihnen.

Das viele Üben brachte Früchte. Auftritt nach Auftritt folgte und wir hatten immer großen Erfolg. Zu dieser Zeit machte Josef Schlecht die Harmonikabegleitung für uns. Mit der Zeit gab es, wohin wir auch gingen, fast überall bekannte Gesichter, die uns erkannten, gratulierten und ermunterten.

Wir wollten, dass es in Deutschtewel wieder einen großen Chor gibt und auch diejenigen sich anschließen können, die Lust zum Singen haben! Dank dem unermüdlichen Organisieren des Vorsitzenden der Deutschen Nationalitätenselbstverwaltung von Deutschtewel, Emil Babits, wurde das im Jänner 1996 wahr. Von da an sorgte Josef Herber ständig für die musikalische Begleitung. Den Erfolg des Tewlaner Liederschalls zeigt, dass er noch in demselben Jahr eine silberne Qualifikation bekam. Dieser folgte eine goldene und dank seiner konstanten, ausdauernden Arbeit hat der Chor die goldene Qualifikation mit Auszeichnung erreicht. Die Gruppe verschweißte zu einer echten Großfamilie.

Es folgten Auftritte nicht nur im Ort, sondern auch auf Regional- und Landesebene. Der Chor war in Österreich, in Deutschland, wo sein Gesang mit viel Applaus belohnt wurde. Das Rad der Zeit dreht sich und die Jahre vergingen schnell. Die Chormitglieder wechselten oft, wie es das Leben mit sich brachte, eines aber änderte sich nie: sie konnten immer glauben und auf die Zukunft vertrauen! Und es kam der 8. November 2014, als der Chor im Kreise der Familienmitglieder, Freunde und Bekannten sein 20-jähriges Bestehen feierte. Der zurückgelegte Weg war manchmal dornenvoll und stellte uns auf die Probe. Großer Dank gilt Frau Judit Mayer, die zu diesen schweren Zeiten dem Chor beistand und die erreichten Ergebnisse nicht verloren gehen ließ! Im Leben eines Chores sind 20 Jahre keine kleine Leistung! Hinter den Lobesworten stehen viel Arbeit und Opferbereitschaft sowohl seitens des Chorleiters als auch seitens der Chormitglieder und ihrer Familien. Wir erlernten neben dem Singen auch, aufeinander besser aufzupassen. Wir bekennen mit Glauben, dass wir die Kultur, die unsere deutschen Vorfahren mitbrachten und bewahrten, weiterleben lassen und weitergeben müssen. Durch sie sind wir, wer wir sind. Ohne sie wären wir viel ärmer.

Es fällt mir oft jenes Gespräch dort, im vollbesetzten Autobus ein. Ich hätte nicht einmal in meinen verwegensten Träumen gedacht, dass wir etwas anfangen, was so lange hält und so schöne Ergebnisse bringt, und das vergrößert nicht nur den Ruhm des Chores, sondern auch den von Deutschtewel. Es ist ein wohltuendes Gefühl, dass die Arbeit der singenden Vorfahren nicht verloren geht, sie haben Nachfolger. Wenn ich mit ihnen singe, sehe ich immer die Gesichter meiner Großeltern. Sehe Oma Resi, die vor unserem Haus, auf der Gassenbank, auf mich wartet.

Gott segne den Chor!

Ernst Waldmann

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