Religion: ein Weg zur Akzeptanz?

Quelle: Zentrum

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Das Amt des Ombudsmannes für Grundrechte veranstaltete am 6. Mai 2015 eine Konferenz und Rundtischgespräch mit dem Titel „Die historische Verhältnisse, aktuelle Beziehungen und das gemeinsame Zukunftsbild der in Ungarn lebenden Nationalitäten und der heimischen Kirchen”.

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Zur Tagung wurden Vertreter der historischen Kirchen sowie Nationalitätenforscher eingeladen. Das erste Grußwort sagte die Gastgeberin des Programms, die für den Schutz der Rechte der Nationalitäten in Ungarn zuständige Stellvertreterin des Ombudsmannes, Dr. Erzsébet Szalay-Sándor. In ihrer Einleitung skizzierte sie die Aufgaben des dieses Jahr sein 20jähriges Bestehen feiernde Ombudsmannamtes bezüglich der Nationalitäten. In der ersten Linie sei die Institution für die Monitoring gesellschaftlicher Prozesse zuständig. Da die Rolle der Kirchen maßgebend in der Identitätsbildung der Nationalitäten sei, jedoch bisher nur wenig untersucht worden sei, sei eine Befragung der Kirchen initiiert worden. Zwei Aspekte der kirchlich-ethnische Beziehungen waren dabei in Mittelpunkt gestellt worden: der Beitrag der Kirchen zur kulturellen Autonomie beziehungsweise die Behandlung der tiefen Armut. Die Konferenz stützte sich auf die Ergebnisse dieser Befragung.

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Der erste Sprecher, der evangelische Bischof Dr. Tamás Fabiny konnte nicht persönlich dabei sein, deshalb schickte er eine Videobotschaft den Anwesenden zu. Er betonte unter anderem die Wichtigkeit der Mehrsprachigkeit, die bereits zu den Anfängen des Christentums eine bedeutende Rolle gespielt habe.

Seitens der Regierung hielt Miklós Soltész, der Staatssekretär für die Beziehungen zu den Kirchen, zu den Volksgruppen und zur Zivilgesellschaft im Ministerium für Humanressourcen eine Rede. Seiner Meinung nach sei für die Erhaltung einer Nationalität die Glaube essentiell. Im Gegenteil zu der Zeit der Diktaturen unterstütze in den letzten 20 Jahren, insbesondere aber in den letzten 4 Jahren die jeweilige Regierung sowohl die nationalen als auch die kirchlichen Gemeinschaften. In der Bildung seien die Kirchen ab dem Kindergarten präsent, es gebe zahlreiche Schulen in kirchlicher Trägerschaft. Ihre Tätigkeit unter der Roma-Minderheit sei von besonderer Bedeutung. Der Staatssekretär meinte, dass es selbstverständlich sei, dass der Staat bei all diesen die Kirchen zur Hilfe steht.

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Sowohl Miklós Beer, der katholische Bischof des Kirchenkomitats Vác, als auch alle nachfolgenden Redner im ersten Teil der Tagung, sprachen über die Annäherung ihrer Kirchen zur Roma-Pastoration. Bischof Beer nannte dabei drei Axiomen, die besonders für Christen die Einstellung zu den benachteiligte Minderheiten bezeichnen sollen. Er meinte, deren Lage sei besonders seit der Wende schlechter geworden. Die drei Bereiche, in denen die Kirche besonders aktiv sein solle, sind die Bildung, die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Förderung der Selbstachtung der Menschen. Es laufen mehrere katholische Projekte bezüglich der Romas: die Lösung des Problems lege laut Meinung des Bischofs nicht in der Subventionierung.

János Papp, Vorsitzender der Baptistischen Kirche gab eine historische Zusammenfassung über seine Glaubensgemeinschaft. Bereits zu Anfang habe diese eine ethnische Vielfältigkeit bezeichnet: unter den Baptisten gebe es auch heute Gemeinden zahlreicher Minderheiten. János Papp schilderte die Bestrebungen seiner Kirche im Dienste der Romas, daneben sprach er über eine besondere ethnische Gruppe, bei denen sie tätig ist: die Mongolen. In unserer Region gibt es nur in Ungarn mongolische Pastoren.

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Miklós Vecsei, Vizevorsitzender des Malteserhilfsdiensts hielt einen erschütternden Vortrag. Mit aufrichtigen Worten machte er auf das unter der Roma-Minderheit herrschendes Elend aufmerksam und wies darauf hin, dass Christ zu sein vor allem Praxis sein soll. Die Hilfsdienst übe eine weitverzweigte soziale Tätigkeit aus und könne viele Ergebnisse aufzeigen.

Der zweite Teil der Konferenz startete mit der theoretischen Gedankenfolge von Theologieprofessor András Máthé-Tóth. Er betrachtete die Frage aus mehreren Gesichtspunkten, und ging näher in die Frage der Identität ein. Dabei unterschied er drei „Felder”: den Status als Minderheit, das Verhältnis zum Mutterland und die Religiosität. Der Schlüssel zur Lösung der minderheitenbezogenen Probleme sei, dass im Karpatenbecken alle Nationalitäten eine verletzte Identität haben. Die Unterordnung in Täter und Opfer führe zu keine Ergebnisse, die Wunden der Gesellschaft sollten geheilt werden, was aber nicht heiße, dass die Vergangenheit vergessen werden soll.

Der Gyulaer rumänisch-orthodoxer Bischof, Siluan Mănuilă ging in seinem auf Rumänisch gehaltenen Vortrag vor allem auf die Entstehung der Gyulaer Bistums ein. Die orthodoxe Kirche und die rumänische Minderheit steht in engerer Verbindung, als es bei den anderen ungarischen Minderheiten der Fall ist.

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Dr. Györgyi Bindorffer, leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ombudsmannamt machte das religiöse Leben der Ungarndeutschen an dem Beispiel der Gemeinde Bogdan/Dunabogdány bekannt. Im Dorf leben sowohl Katholiken als auch Reformierten, von der Abstammung her Schwaben und Ungarn. Der geistliche Anführer der Ortschaft ist traditionell der katholische Pfarrer, zur Zeit der Vertreibung ist seine Rolle noch bedeutender gewesen, da er die Sprache des Gottesdienstes bestimmte. In Bogdan sei die Sekularisierung der Gesellschaft – laut Dr. Bindorffer – nicht so fortgeschritten wie zum Beispiel im städtischen Ungarn. Die Feste des Dorfes würden den kirchlichen entsprechen, es sei immer noch erwartet, das die jungen Paare in der Kirche Ehe schließen. Die innerörtliche Konflikte seien eher religiös als ethnisch bedingt. Die Religion sei nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Mittel des Überlebens geworden.

Dr. Péter Török, Leiter der Ungarischen Soziologischer Gesellschaft fasste die Ergebnisse einer Forschung über die Mitglieder der kirchlichen Roma-Fachkollegien zusammen. 2009 seien die Medien auf die Roma MedizinstudentInnen aufmerksam geworden, die Untersuchung habe erst danach begonnen. Die Roma Jugendlichen, die Mitglieder eines Fachkollegiums werden, hätten eine größere Chance auf den gesellschaftlichen Aufstieg als ihre MitstudentInnen. Was die Forscher nicht erwartet hätten ist, dass bei diesen Institutionen die Partnerwahl eine bestimmende Rolle hat: den hier entwickelten Partnerschaften dank hätten die Jugendlichen ihren Platz sowohl in der Mehrheitsgesellschaft als auch unter den Romas leichter finden können.

Vor der Mittagspause konnte das Publikum der frühere Ombudsmann, jetzt Abteilungsleiter des Minderheitenforschungsinstituts der MTA, Dr. Ernő Kállai anhören. Ähnlich zu Professor Máthé-Tóth näherte er das Problem Nationalitäten und Kirche theoretisch an. Kállai listete die Funktionen der Religion auf, sprach über verschiedene Aspekte, die bei der Untersuchung der Problematik beachtet werden sollen. Als solche nannte er die Verflechtung von Staat und Kirche oder das Maß der Bindung zu den einzelnen Kirchen. Auch der Abteilungsleiter sieht die Wende auch in diesem Hinsicht als einen Wendepunkt an. Die Mission unter den Romas haben zuerst die kleinere Kirchen aufgegriffen, erst später folgten die historischen. Religion biete eine Möglichkeit zur gesellschaftlichen Annahme. Nicht nur die seelische Motivation beurteilte Kállai als bedeutend bei der Bekehrungen, auch Religiosität könne als eine Antwort auf die gesellschaftlichen Probleme gesehen werden. Die kirchliche Mitwirkung sei eindeutig wichtig.

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Am Nachmittag fand ein Rundtischgespräch statt. Die Teilnehmer der Diskussion waren Péter Bakay (Leiter der Romamission bei der evangelischen Kirche), Eszter Dani (Leiterin der Missionsbüro der reformierten Kirche), Albert Durkó (Leiter der Romamission der Ungarischen Pfingstkirche) und Géza Dúl (Referent für Roma-Pastoration in der Katholischen Bischofskonferenz). Alle hatten die Möglichkeit den Standpunkt ihrer Kirchen über die Romamission darzulegen, beziehungsweise ihre Methoden und Praxis den anderen und das Publikum zu erörtern. Sie waren darin einig, dass es nicht genügend sei, die Romas in die Kirche zu rufen, man solle zu ihnen gehen. Es stellte sich heraus, dass es bei fast allen Kirchen eine lange Traditionen der Romamission gebe, lediglich die Evangelischen seien noch am Anfang, da die Romas traditionell nicht Anhänger dieser Religion gewesen seien. Die meisten Kirchenleute meinten, die Romas seien jetzt in einer Lage der Gnade, es sei kein Zufall, dass es so viele Konvertierten in der letzten Zeit unter ihnen seien.

Drei Sprecher waren noch am Rundtischgespräch als registrierte Fragesteller beteiligt: Dr. István László Mészáros von der Glaubenskirche, János Orsós, der Leiter der Dzsaj Bhím Gemeinschaft und als Vertreter der Landesselbstverwaltung der Romas Norbert Hegedüs. Ihre Kommentare waren eigentlich eher bewegende Glaubensbekenntnisse.

Am Ende der Konferenz fasste die Stellvertreterin des Ombudsmannes den Tag in wenigen Worten zusammen und bedankte sich bei allen Teilnehmern.

István Mayer

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