War Ungarn nie multikulturell?

Quelle: Neue Zeitung

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Emmerich Ritter, der parlamentarische Sprecher der Ungarndeutschen, richtete eine Frage des Nationalitätensprechers an Ministerpräsidenten Viktor Orbán mit dem Titel „War Ungarn nie multikulturell?“. Am 15. Juni beantwortete statt des Ministerpräsidenten Bence Rétvári, parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Humanressourcen, die Frage von Ritter. Wir veröffentlichen die Frage und die Antwort.

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Geehrter Herr Ministerpräsident!

Hatte Ungarn nie eine multikulturelle Gesellschaft?

Wegen der Reden des Herrn Ministerpräsidenten am 19. Mai 2015 in Straßburg sowie wegen einiger an den vorangehenden und folgenden Pressekonferenzen von Ihnen geäußerten Sätzen oder Satzteilen bzw. der diesbezüglichen Berichte in den Print- und elektronischen Medien sind die in Ungarn lebenden Nationalitäten besorgt.

Wir hörten von Ihnen beispielsweise: „…weil wir nie eine multikulturelle Gesellschaft waren…“; „Wir halten es für einen Wert, dass Ungarn ein homogenes Land ist: es zeigt in seiner Kultur, Mentalität, in seinen Zivilisationsbräuchen ein ziemlich homogenes Bild. Unseres Erachtens ist dies ein Wert, wir wollen das auch nicht aufgeben“; „Ungarn wollen wir als ein ungarisches Land bewahren“.

Fast 10% der Bevölkerung Ungarns bilden auch heute noch Nationalitäten. Laut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften ist Ungarn Teil von Mitteleuropa, diese Region charakterisiert nichts besser als die Existenz von gut organisierten, auf ihrer kulturellen Identität bestehenden Minderheiten. Kulturelle Vielfalt ist darüber hinaus ein Wert, der vom Staat geschützt wird – nicht nur aufgrund des in Ungarn gegenwärtig gültigen Nationalitätengesetzes, sondern auch aufgrund diverser internationaler Verträge. Wer dies bestreitet, stellt die Anerkennung von Minderheitengemeinschaften, die Verbundenheit mit der politischen Gemeinschaft von Menschen in Zweifel, die Minderheitengemeinschaften angehören und für die diese Zugehörigkeit wichtig ist.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!

Bedauerliches Kennzeichen des 20. Jahrhunderts war eine breite Palette an Mitteln der Zwangsmagyarisierung. Ich darf nur auf die Vertreibung von mehr als 200.000 Ungarndeutschen hinweisen; den 70. Jahrestag dieser Ereignisse begehen wir nächstes Jahr.

In den letzten Jahren durften wir in der ungarischen Politik hoffnungsvolle Änderungen bezüglich der Lage der Nationalitäten in Ungarn erfahren, wir hörten Ihnen, Herr Ministerpräsident, mit Freude zu, als Sie die gemeinsame Pressekonferenz mit Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel folgendermaßen eröffnet haben: „Das ungarische Volk ehrt nicht nur die Deutschen, es hat sie auch gern, und hierbei spielen die in Ungarn lebenden Deutschen, die sich großen Respekt erkämpft haben, und deren Vertreter Mitglied der heutigen Delegation war, eine wichtige Rolle.“

Wir glauben daran, dass die ungarische Politik mit der gewaltsamen Magyarisierung endgültig und für immer gebrochen hat.

Ich bin mir darüber im Klaren, dass die aus dem Kontext herausgegriffenen Sätze, Satzteile oft Möglichkeit zur falschen Interpretation geben. Deshalb bitte ich Herrn Ministerpräsidenten, seinen klaren Standpunkt bezüglich der zitierten Sätze, bezüglich Multikulturalismus, homogene und ungarische Gesellschaft auszudrücken.
Ich danke Ihnen im Voraus für Ihre Antwort und verbleibe hochachtungsvoll

Die Antwort von Staatssekretär Bence Rétvári

Geehrter Herr Vorsitzender, geehrter Herr Sprecher, geehrtes Parlament,
den Anfang der Antwort haben Sie teilweise bereits in Ihrer Frage gegeben, denn selbst Sie sagten, dass diese Sätze bewertet werden sollen, indem man sie in ihrem Kontext betrachtet. Und tatsächlich: die beiden Begriffe „multinational“ und „multikulturell“ müssen voneinander unterschieden werden. In Ungarn leben auch gegenwärtig viele Nationalitäten – auch hier im Parlament sind sie präsent, denn laut des neuen Grundgesetzes dürfen seit 2014 auch deren Sprecher im Parlament anwesend sein. In Ungarn sind die Nationalitäten, die unter uns leben – wie das auch im Grundgesetz verankert ist – Teile der ungarischen Nation, staatsbildende Faktoren. Demgegenüber dient der Begriff ‚Multikulturalismus‘ zur Bezeichnung des Aufeinandertreffens von Menschen, die aus verschiedenen Zivilisationen kommen. So wurde der Begriff auch in Westeuropa gebraucht, so wird er auch in Mitteleuropa verwendet. Es handelt sich also um eine ganz andere Situation. Wir stehen demgemäß nicht eines Jahrhunderte währenden Zusammenlebens, eines gemeinsamen Daseins in guter Beziehung gegenüber, es geht hier um etwas ganz anderes: wir stehen – und vor allem westeuropäische Länder stehen – dem Aufeinandertreffen von muslimischen, fernen Ländern und europäischen Gesellschaften mit christlichen Wurzeln gegenüber.
Gestatten Sie mir, die Worte des Herrn Ministerpräsidenten am 3. Juni zu zitieren: ‚Ungarn verfügt über multinationale Wurzeln und multinationalen kulturellen Hintergrund, dies ist aber kein Multikulturalismus! Multikulturalismus bedeutet das Zusammenleben von Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen; das Zusammenleben des Islams, asiatischer Religionen und des Christentums.‘ Das nationale Bekenntnis des Grundgesetzes, welches die bürgerliche Regierungskoalition von Fidesz und der Christlich-Demokratischen Volkspartei vor einigen Jahren erlassen hat, formuliert folgendermaßen: ‚Wir manifestieren, dass die mit uns lebenden Nationalitäten Teil der ungarischen politischen Gemeinschaft und staatsbildende Faktoren sind.‘ Das heißt also, dass all die Nationalitäten, die auch hier im Parlament durch einen Sprecher präsent sind, organische Teile der ungarischen Nation sind. In diesem Sinne haben wir im Dezember 2011 das Gesetz über die Nationalitäten angenommen, im Sinne eines anderen Beschlusses den 19. Januar zum Gedenktag der Vertreibung der Ungarndeutschen erklärt, und anhand einer wichtigen Entscheidung haben wir durch die Sprecher auch den Nationalitäten Platz im Parlament gesichert; und erwähnt werden soll, dass wir im Jahre 2015 die Unterstützung der Nationalitäten um 51,4% erhöht haben. Vielen Dank!

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