Migration im „langen 19. Jahrhundert”

Quelle: Zentrum

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In der ersten Oktoberwoche 2015 hielt Dr. habil. Márta Fata gleich zwei öffentliche Vorträge an der ELTE. Im ersten, am 6. Oktober gehaltenen beschäftigte sie sich mit den Erinnerungen an die Einsiedlungen im 18. Jahrhundert. Ihr zweiter Vortrag „Deutsch-ungarische Migrationskontakte und deren Wirkung auf die ungarische Gesellschaft im 19. Jahrhundert” (Originaltitel: Német-magyar migrációs kapcsolatok és hatásuk a magyar társadalomra a 19. században) fand am 8. Oktober ab 16 Uhr statt.

Austria-Hungary1899

Obwohl die Epoche der groß angelegten Einsiedlungen mit der Herrschaft von Joseph II. abgeschlossen wurde, ging der Bevölkerungsaustausch weiter. Der Vortrag beleuchtete einzelne Momente davon und hob einige Erfolgsgeschichten hervor.

In der Einleitung sprach Márta Fata von den Typen der Migration. Die historische Migrationswissenschaft unterscheidet unter anderem religiös, politisch und wirtschaftlich motivierte Migrationen. Eine eigenartige Form von deren ist die Peregrination, das Besuchen ausländischer Universitäten.

Die 1700er Jahre waren in Ungarn, wie bekannt, vor allem durch die Einsiedlung geprägt. In der Zeit zwischen 1789 und dem Ersten Weltkrieg, welche die Geschichtswissenschaft „das lange 19. Jahrhundert” nennt, wurde die Auswanderung immer bedeutender, und erreichte ihren Höhepunkt zur Wende des 19. und 20. Jahrhunderts. Genaue Daten besitzt man aber erst ab den 1880er Jahren, da sich die moderne Statistikwissenschaft zu dieser Zeit entwickelte.

humboldt

Das Herrscherhaus der Habsburger plante auch im 18. Jahrhundert aufwendigere Einsiedlungen, zum Teil um die Wirtschaft anzuregen, zum Teil um das erweckende ungarische Nationalbewusstsein zurückzudrängen. Diese wurden jedoch nicht verwirklicht. Kleinere organisierte Einsiedlungen wurden vollbracht, zum Beispiel in die Siebenbürger Sächsischen Gebiete.

Eine der wenig vorhandenen Quellen dokumentiert genau die Einsiedlung ins Sachsenland. Obwohl von den Einsiedlungen meistens die Verbreitung von modernen Technologien erwartet wurde, mussten sich die Kolonisten laut dem Bericht anstatt der Einführung des Saatwechsels auf die unzeitgemäße Dreifelderwirtschaft umzustellen.

Aber die Migration erwies sich in vielen Fällen als Erfolgsgeschichte. Márta Fata nahm drei Beispiele unter die Lupe, alle vom Ende des 19. Jahrhunderts. Die Kühne Maschinenfabrik, das Süßigkeitsunternehmen Stühmer und Ganz-Werke wurden durch das Engagement und Fachwissen von aus Deutschland stammenden Industrieunternehmern europaweit bekannte erfolgreiche Unternehmen.

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Im eineinhalb Stunden langen Vortrag ging Dr. Fata auf die Peregrination näher ein. Bei seinem Anfang im 16.-17. Jahrhundert war der Schwerpunkt vom Besuchen deutscher Universitäten die protestantische Theologie, besonders populär waren die Universitäten von Wittenberg, Marburg und Göttingen. Mit der Industrialisierung wurden der Reihe nach technische Hochschulen und Universitäten gegründet, die während des 19. Jahrhunderts immer bessere Plätze unter die meist besuchten Institutionen einnahmen. Den Erfolg der Gegenreformation bezeugt, dass – obwohl deren Wirkung weniger imposant ist – bis Mitte des 19. Jahrhunderts an den Universitäten des Habsburgerreichs mehr Jugendliche studierten als in den deutschen Staaten.

Gesondert wurde die von Wilhelm von Humboldt gestiftete Berliner Universität und die in Göttingen besprochen. Das neuartige Bildungssystem dieser anhand der Konzeption der Forschungsuniversität ausgebauten Institutionen war äußerst effektiv, auch zahlreiche ungarische Wissenschaftler besuchten diese Bildungseinrichtungen.

Dem Vortrag folgende kurze Diskussion beleuchtete, dass die deutsche und ungarische Geschichtswissenschaft den Begriff Migration anders definiert. In der ungarischen Praxis wird weder die Wanderung der Lehrlinge noch die Peregrination als Migration beurteilt, in der deutschen wird jedoch jede Bevölkerungsbewegung so genannt.

István Mayer

Magyarwechsle die Sprache

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