35-Jahre-Treffen im Fünfkirchner Leőwey-Gymnasium

Quelle: Neue Zeitung
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„Jugend spricht Worte voll Zauber und Sinn“

Abiturjahr 1980: 29 Schüler verabschieden sich am Deutschen Klassenzug.

Ende November 2015: 18 der ehemaligen Abiturienten treffen sich zum 35. Jahrestag im Raum für deutsche Literatur in der alten Schule. Als Motto zur Begrüßung liest die Klassenlehrerin das Gedicht „Jugend“ von Valeria Koch vor, aus dem die Titelworte stammen. Sie erinnert auch an eine Ausstellung von Kinderillustrationen im Jahre1977, mit demselben Titel, die im Klub der Schule veranstaltet wurde, und woran mehrere aus der Klasse teilgenommen hatten. Frau Lehrerin bekommt dann eine Erinnerungskarte, wo neben Dankesworten ebenfalls diese Zeilen stehen. Die alte Vertrautheit entsteht im Nu, als wären seit dem letzten Treffen – kaum zu glauben – nicht 20 Jahre vergangen!

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Nach dem Gruppenfoto mit dem Klassenbild geht es weiter in die Gaststätte am Barbakán, wo die Gesprächsrunde erst richtig losgeht. Die beiden unermüdlichen Organisatorinnen Márta Szántó und Csilla Horváth sorgen für den kulinarischen Ablauf des Abends, doch scheint für alle nicht Speis und Trank an  erster Stelle zu stehen, so vorzüglich sie auch sind. Offen sein für den anderen und nicht nur für die nächsten Freunde ist das schönste Erlebnis des Abends: Dörfler und Städter, einstige Musterschüler und weniger Erfolgreiche, Akademiker, Betitelte und durchschnittliche Arbeitnehmer, ein jeder hat etwas  zu sagen. Die Sprache ist auch kunterbunt: Deutsch, Ungarisch und auch Schwäbisch, versteht sich. Für Maria Erb (Wemend) und Susanne Währing (Litowr-Bohl) ist es selbstverständlich, wie einst im Internat, sich in der Muttersprache zu unterhalten. Elisabeth Eszterle aus Jerking und Frau Lehrerin aus Bawaz gesellen sich gern dazu, der Karl Schleining aus Pécsújhegy schmunzelt nur. Er versteht es ja auch, doch reden, das geht nicht mehr so richtig. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass er der einzige(!) Mann in der Klasse war, 28 Damen mit ihren oft spitzen Zungen hat er mit Engelsgeduld ertragen, doch geflüchtet ist er nicht. Vielfältig ist der Grund gewesen. Die Liebe zur Muttersprache stand wohl an erster Stelle, doch auch der familiäre Hintergrund war bestimmend: Seine Eltern kommen beide aus deutschen Dörfern (Budmer und Bawaz), lernten sich in den fünfziger Jahren bei der „Umsiedlung“ deutscher Bauern auf der Hortobágy kennen, wählten dann 20 Jahre später ihrem Sohn bewusst das „Deutsche Gymnasium“. Die verlässlichen Sprachkenntnisse, das Sprachzeugnis Oberstufe waren im beruflichen Leben von großer Bedeutung, wie auch bei den anderen Schülern. Drei sind Deutsch-Kindergärtnerinnen geworden: Maria Bachmann, Ágnes Simák und Maria Wilhelm (Studium in Ödenburg). Ebenfalls das Studium Deutsch stand im Mittelpunkt bei Maria Erb (ELTE), Ildikó Horváth, Erika Daláth (Universität bzw. Hochschule Fünfkirchen), Deutsch als Minderheitensprache bei Éva Romics (Hochschule Fünfkirchen, später Wesprim und ELTE) und Erika Schwab (Baje). Katalin Kulcsár, Gyöngyi Kulcsár, Yvette Domokos absolvierten die Hochschule für Handelskorrespondenz in Budapest. Medizin studierten Ildikó Bányai (Radiologin) und Enikő Ütő (Kinderärztin). Theresia Herr hat Architektur studiert und ist seit 13 Jahren Chefarchitektin in Seksard. Márta Szántó hat Heilpädagogik studiert, nach ihrer Rückkehr aus Deutschland ist sie stellvertretende Schulleiterin in Fünfkirchen geworden. Elisabeth Eszterle studierte Gesundheitswesen und blieb ihrem Heimatdorf als Fürsorgerin treu. Ildikó Eckert ebenfalls, die Herenderin leitet ein Warenlager der berühmten Manufaktur. Andrea Guth war lange Zeit Sozialarbeiterin und ist zur Zeit als Bibliothekarin tätig. Csilla Horváth ist Buchhalterin, begeisterte Mutter und Oma von sechs Enkelkindern.

Überhaupt ist das so eine Sache mit dem Nachwuchs… Wie selbstverständlich berichteten alle davon, wie gern und erfolgreich ihre Kinder im Erlernen von Deutsch waren. Sie nutzten das Angebot unserer Schulen, und bei manchen war/ist auch die Haussprache Deutsch oder eben Mundart. Das überzeugendste Beispiel ist das von Maria Erb: Die habilitierte Dozentin am Germanistischen Institut der ELTE kann es gar nicht anders – zu Hause, aber auch unter Freunden, Verwandten wird Wemenderisch geredet. Mit Stolz berichtete die Hauptorganisatorin Márta Szántó-Lehmann, dass ihre Tochter die Valeria-Koch-Schule besucht hat, Preise in „Abgedreht“ und „Blickpunkt“ bekommen und sogar den Valeria-Koch-Preis erhalten hat – wie auch Szilvia Bede, die Tochter von Erika Schwab. Um bei den Auszeichnungen zu bleiben: Vor vier Jahren wurde Maria Erb die Ehrennadel in Gold für das Ungarndeutschtum verliehen, für ihre langjährigen Verdienste in der wissenschaftlichen Bearbeitung der ungarndeutschen Mundarten und in der Lehrerausbildung für unsere Minderheit. Die im Heimatort lebenden Mitschüler setzen sich für die Erhaltung der Kultur vor Ort ein: Elisabeth Eszterle Krausz ist seit vielen Jahren auch im Heimatverein und in der Deutschen Selbstverwaltung in Jerking tätig, in beiden als Vorsitzende.

Die Zeit verlief schnell, zu berichten hätte es bestimmt noch gegeben. Doch bereits am nächsten Tag erschienen auf den Bildschirmen die Fotos vom Abend und die Telefon- und Mailliste. Die Technik hilft, doch noch mehr die neu entdeckten und gefestigten Freundschaften. Vergangenheit und Gegenwart bereicherten sich gegenseitig – nicht nur für diesen Abend im November 2015.

Maria Wolfart-Stang
Klassenlehrerin

Magyarwechsle die Sprache

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