Chronik des Gedenktages der Vertreibung der Ungarndeutschen

Quelle: LdU

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Chronik des Gedenktages der Verschleppung und Vertreibung
der Ungarndeutschen

Konferenz zum 70. Jahrestag der Vertreibung der Ungarndeutschen im Rathaus von Wudersch

Integration oder weitere Diskriminierung? Eine Konferenz zum 70. Jahrestag der Vertreibung der Ungarndeutschen über die Lage der Deutschen im Karpatenbecken in den 1950er Jahren leitete den diesjährigen Gedenktag der Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen ein. Gastgeber des Symposiums waren die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, die Konrad-Adenauer-Stiftung, das Jakob-Bleyer-Heimatmuseum zu Wudersch und der Stiftungslehrstuhl für Deutsche Geschichte und Kultur im südöstlichen Mitteleuropa an der Universität Pécs.

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Austragungsort der ganztägigen Gedenkveranstaltung war die Stadt Wudersch, die bezüglich der Vertreibung eine besondere Rolle spielt: von dieser Stadt fuhr vor 70 Jahren der erste Zug mit aus Ungarn vertriebenen Deutschen nach Deutschland ab.

In seiner feierlichen Konferenzeröffnung erklärte Otto Heinek, Vorsitzender der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, dass es eine bewusste Entscheidung gewesen sei, im Rahmen des internationalen Symposiums nicht die Vertreibung selbst zu thematisieren. In den Mittelpunkt wurde nämlich das Jahrzehnt danach gestellt: wie sich die Vertriebenen in Deutschland integrieren konnten, und welche Unterschiede und Ähnlichkeiten es im Umgang mit den deutschen Minderheiten in Ungarn und seinen Nachbarländern gegeben hat. Heinek erinnerte daran, dass man in unserem Land das Thema der Vertreibung der Deutschen seit den 80ern öffentlich diskutiere. Er hob hervor: solche Konferenzen seien wichtig, weil sie zur Schaffung eines ehrlichen Bildes über die Geschichte beitrügen.

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Frank Spengler, Leiter des Auslandsbüros Ungarn der Konrad-Adenauer-Stiftung brachte in seiner Eröffnungsansprache zum Ausdruck, dass die Anwesenheit hoher politischer Repräsentanten aus Deutschland und Ungarn bei den Gedenkveranstaltungen ein wichtiges Zeichen der Verbundenheit mit den Ungarndeutschen, sowie ein besonderer Ausdruck der Verständigung und Versöhnung in Europa sei. Der Schlüsselgedanke „Integration“ des Symposiums sei, so Spengler, bezüglich der Flüchtlingskrise auch heute höchst aktuell. Er betonte seine Hoffnung darauf, dass Europa aus dem viel Schmerz und Leid, das unschuldigen Menschen angetan wurde, gelernt habe.

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Auch der Bürgermeister von Wudersch begrüßte die Tagungsteilnehmer und erläuterte kurz die Konsequenzen der Vertreibung auf seine Stadt. Laut Tamás Wittinghoff seien im gebrochenen Wudersch lediglich etwa achthundert Menschen geblieben. In Bezug auf die zwanghafte Vertreibung müssten, so der Bürgermeister, zwei Aspekte berücksichtigt werden: einerseits der der nach Deutschland Vertriebenen, diese Menschen hätten sich nämlich aus dem Nichts ein neues Leben aufbauen müssen; aber auch der Gesichtspunkt der Hiergebliebenen sei relevant, weil sie bis zu den 80ern keinen Kontakt zu ihren vertriebenen Angehörigen gehabt hätten und ihre deutsche Abstammung hätten verleugnen müssen.

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Prof. Dr. Michael Prosser-Schell vom Institut für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa schilderte in seinem Vortrag Ankunft und Integration der ungarndeutschen Vertriebenen in Südwestdeutschland zwischen 1946-1960. Laut der vorliegenden Forschungsergebnisse sei die Integration der Vertriebenen in Deutschland grundsätzlich von Schwierigkeiten geladen gewesen: sie kamen in ein zerstörtes, ruiniertes Deutschland, hätten Diskriminierung erfahren müssen, und die dort Lebenden hätten darauf gehofft, dass sie bald wieder nach Ungarn zurückkehren würden. Ihr Glaube und die damit verbundenen religiösen Zeremonien wie Wallfahrten hätten den Ungarndeutschen die Gelegenheit gegeben, ihre Herkunftskultur zu bewahren. Mit dem für sie charakteristischen Fleiß hätten sie aber allmählich ihr neues Zuhause aufgebaut und sich am Aufblühen Deutschlands beteiligt.

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Integration im Prinzip – Diskriminierung in der Praxis. Die Deutschen in Ungarn 1948-1956: zu diesem Thema sprach an der Konferenz Dr. Ágnes Tóth, Leiterin des Stiftungslehrstuhls für Deutsche Geschichte und Kultur im südöstlichen Mitteleuropa an der Universität Pécs. In ihrem Vortrag schilderte die Historikerin die politischen Umstände und gesetzlichen Rahmenbedingungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Ausbau und die Festigung der kommunistischen Diktatur erzielten, und die auf Vertriebene, Hiergebliebene, auf Heimkehr, Familienzusammenführung, Zwangsarbeit und Internierung der Ungarndeutschen eine Wirkung hatten.

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Warum wurden aus dem kommunistischen Rumänien die Deutschen nicht ausgesiedelt? – stellte sich in ihrem Vortrag Hannelore Baier, rumäniendeutsche Journalistin und Historikerin, die die Anwesenden in die wichtigsten Momente der Geschichte der Deutschen in Rumänien zwischen 1944 und 1956 einführte. Etwa 70.000 Rumäniendeutsche seien laut Baier in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit verschleppt worden, abermals so viele interniert. Der Diskriminierungsdruck seitens der Regierung sei auch in Rumänien da gewesen, vertrieben seien die Deutschen aus diesem Lande jedoch nicht geworden, obwohl auch die rumänische Regierung die Vertreibung jahrelang als „beste Lösung“ für die Regelung der ethnischen Verhältnisse betrachtet hätte. Die Rumäniendeutschen hätten ihr Zurückbleiben – so die Historikerin – der Unentschlossenheit der rumänischen Regierung zu verdanken.

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Auch die Deutschen in Jugoslawien haben viel Leid ertragen müssen – dies schilderte Dr. Zoran Janjetovic, leitender Wissenschaftler der geschichtlichen Forschung am deutschen Institut für Neuere Geschichte Serbiens. In der Nachkriegszeit habe alles mit der Enteignung begonnen: Haus und Gut der Deutschen hätten die Veteranenpartisanen bekommen. Viele Zehntausende Jugoslawiendeutsche seien in Konzentrationslager gekommen – um die 50 tausend betrage die Zahl derjenigen, die während der Lagerzeit gestorben seien. Auch viele Jugoslawiendeutsche seien in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit verschleppt worden, und viele seien in das Deutschland des „Wirtschaftswunders“ ausgewandert, weil sie ihres Eigentums und ihrer Menschenwürde beraubt worden seien.

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„Es handelt sich um die Geschichte der Verluste. Diese Geschichte muss wissenschaftlich analysiert und in Ehren gehalten werden“ – begann sein zur Konferenz verfasstes Schlusswort Zoltán Balog, Minister für Humanressourcen. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe man aus Rache Gesetze erbracht, aufgrund derer Menschen deutscher Abstammung automatisch als Kriegsverbrecher gegolten hätten. Es dürfe niemals vorkommen, formulierte der Minister, dass Gesetze auf Rassenbasis verabschiedet werden, und dass Schuld – insbesondere vermeintliche Schuld – mit neuer Schuld getilgt wird. „Eigene Verluste für Menschen und Familien, ein gemeinsamer Verlust für die Gesellschaft – das verursachte die Vertreibung der Ungarndeutschen. Ich frage mich: was haben wir aus den vielen Verlusten und Opfern gelernt? Es muss daraus nämlich ein gemeinsames Lernen geben, und Veranstaltungen wie diese Konferenz tragen zum Vorantreiben dessen bei.“ Minister Balog wies auch darauf hin, dass das Gelernte auch in die gegenwärtige Migrationskrise mit eingebaut werden müsse, und dass die Aufarbeitung der Vergangenheit auf gemeinsamer europäischer Ebene erfolgen sollte. „Es irritiert mich, wenn die gegenwärtige Flüchtlingswelle mit der Aufnahme der vertriebenen Ungarndeutschen in Deutschland verglichen wird“, so Balog. „Im Falle der Ungarndeutschen war nämlich eine gemeinsame Basis, der christliche Glaube da, das Gebet der Vertriebenen und das der sie Aufnehmenden stieg in die gleiche Richtung. Unser Europa können wir uns nur so vorstellen.“ Der Minister für Humanressourcen bezeichnete die im heutigen Ungarn lebende deutsche Volksgruppe als „einen sonnige Fleck am bewölkten Himmel“. Die Ungarndeutschen seien der Regierung sehr wichtig, und die Art und Weise, wie sich Ungarn 2012 öffentlich für die Gräueltaten der Vertreibung und Verschleppung öffentlich entschuldigt hat, sei europaweit vorbildhaft. Die Aufarbeitung der ungarndeutschen Geschichte sei ebenfalls ein „sonniger-Fleck“ im Verhältnis zwischen Deutschland und Ungarn, weil diese eine historische Perspektive habe – meinte Zoltán Balog.

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„Es tut gut, bei solchen Tagungen zu spüren, dass es keinen tabuisierten Themenaspekt mehr gibt. Ungarns Beziehung zu Deutschland ist enttabuisiert. Das war nicht immer so!“, begann seine Rede Hartmut Koschyk, Beauftragter für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten der deutschen Bundesregierung. „Erinnerung braucht, wenn sie versöhnend sein soll, öffentlichen Raum. Ungarns Weg in den letzten Jahren will ich würdigen. Das, was wir heute Nachmittag erleben werden, ist ein Zeichen dafür, dass sich Ungarn dem gemeinsamen Erinnern und Lernen stellt.“ Koschyk würdigte darüber hinaus auch die Fortschrittlichkeit ungarischer Minderheitenpolitik. Er sprach sich dafür aus, dass Minderheiten positive Diskriminierung benötigten, um sich behaupten zu können. Leute dürften nicht vor die entweder-oder-Identitätsfrage gestellt werden: es sollte möglich sein, sich zum „Sowohl-als auch“ zu bekennen. Europa habe noch einiges dabei zu lernen. Bezüglich Deutschlands und Ungarns unterschiedlicher Bewältigung der Migrationskrise vertrat Koschyk der Auffassung, man müsse unbedingt die Kraft zur Diskussion finden. „Nur Reibung erzeugt Energie“, meinte er, und man müsse einen Konsens finden, damit Europa auch noch morgen als politischer Faktor wahrgenommen werden kann.

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Kranzniederlegung am Landesdenkmal der Vertreibung der Ungarndeutschen im alten Friedhof von Wudersch

„Nach meiner Heimat zieht’s mich wieder, es ist die alte Heimat noch, dieselbe Luft, dieselben frohen Lieder, und alles ist ein andres doch“ – es war ein herzergreifender Moment, als diese alte ungarndeutsche Volkweise bei der Kranzniederlegung erklang. Hunderte versammelten sich im alten Friedhof von Wudersch, um der Opfer der 70 Jahre zurückliegenden Geschehnisse zu gedenken. Viktor Orbán, Ministerpräsident Ungarns, LdU-Vorsitzender Otto Heinek mit Parlamentssprecher der Ungarndeutschen, Emmerich Ritter, Hartmut Koschyk, Bundesbeauftragter für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Dr. Manfred P. Emmes, Gesandter der deutschen Botschaft Budapest, Barnabás Lenkovics, Präsident des Verfassungsgerichts und Verfassungsrichter István Stumpf , István Jakab, Vizepräsident des ungarischen Parlaments, Zoltán Balog, Minister für Humanressourcen, Mária Haszonics-Ádám, Direktorin des Amtes des Staatspräsidenten, Oberstaatsanwalt Ferenc Szabó, Bürgermeister Tamás Wittinghoff, Parlamentsabgeordneter Zalán Zsolt Csenger und zahlreiche Ungarndeutsche legten Kränze der Erinnerung nieder.

Deutschsprachige heilige Messe mit anschließender Gedenkveranstaltung in der Pfarrkirche St. Johannes Nepomuk

Nach der Kranzniederlegung versammelten sich viele Hunderte zu der deutschsprachigen heiligen Messe. Der Pfarrer der Budapester deutschen katholischen Gemeinde, Gregor Stratmann hob in seiner Predigt die Wichtigkeit des Glaubens im Leben der Ungarndeutschen hervor: „Dass die Kranzniederlegung in der Kirche fortgesetzt wird, erinnert uns daran, dass auch die Vertriebenen damals keine andere Adresse mehr für ihre Klagen über Unrecht an Leib und Seele gefunden haben, als sich an Gott zu wenden.“ Wir müssten bereit sein, uns der Vergangenheit zu stellen, und wir müssten die Erinnerungen wach halten, um daraus zu lernen, so der Pfarrer.

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Wudersch musste vor 70 Jahren den traurigsten Tag seiner Geschichte erleben. Denkmal, Friedenspark und Gräber bewahren die Namen der Opfer von vernunftlosem Gräuel“, sagte in seiner Gedenkansprache Tamás Wittinghoff, der Bürgermeister der Stadt. „Ich habe mir oftmals die Frage gestellt, was für Ungeheuer denn in der menschlichen Seele wohl leben? Die Antwort weiß ich zwar immer noch nicht, allerdings muss unser Ziel sein, dass wir daraus lernen.“ Wittinghoff bedankte sich bei Bretzfeld, der deutschen Partnergemeinde von Wudersch, dass diese die Ungarndeutschen vor sieben Jahrzehnten aufnahm, und bei ganz Deutschland, dass es damals den Vertriebenen – auch wenn es nach dem Zweiten Weltkrieg in Ruinen lag – beispielhafte Humanität entgegenbrachte.

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Nach der Gedenkansprache Wittinghoffs trat ein junger Mann ans Mikrofon und las über das Leiden seines Urgroßvaters, Michael Frühwirt aus Wetschesch vor. Anschließend riefen kurze, inszenierte Situationen und Vorlesungen Momente aus dem Leben der Vertriebenen Wuderscher wach.

„Mein Vater war der Meinung, dass wir keine Sünde begangen haben“, zitierte LdU-Vorsitzender Otto Heinek das Lebenstrauma einer Tolnauer Frau, die erst 12 war, als sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester vertrieben wurde. Ihre einzige „Sünde“ sei gewesen, so Heinek, dass sie Deutsche waren und ein Vermögen hatten, das man ihnen wegnehmen konnte. Es gebe kaum eine ungarndeutsche Familie, die vor den Gräueltaten vor 70 Jahren verschont geblieben wäre. Das Gemeinsame an ihnen sei, dass die es alle nicht verstünden, wie ihre geliebte Heimat mit ihnen so umgehen konnte. Diese Traumata müssten in einer neu definierten Erinnerungskultur der Ungarndeutschen aufgearbeitet werden. Die wichtigste Aufgabe der deutschen Nationalität in Ungarn sei die Bewahrung von Muttersprache und kulturellem Erbe, sowie das Aufbauen eines modernen ungarndeutschen Selbstbildes. „Keine leichte Aufgabe“, meinte Otto Heinek, „aber wenn wir zusammenhalten, schaffen wir das.“

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Auch Bundesbeauftragter Hartmut Koschyk hielt in der Kirche eine Gedenkansprache und überbrachte den Ungarndeutschen die Grüße von Bundeskanzlerin Merkel, Außenminister Steinmeier und Innenminister de Maizière. „Kein Unrecht rechtfertigt anderes Unrecht“, zitierte Koschyk Altbundespräsidenten Roman Herzog. Er sprach sich dafür aus, dass ehrliche Erinnerung von besonderer Bedeutung im gesamteuropäischen Verständnis sei. Die Bundesrepublik Deutschland sei Parlament, Regierung und Bevölkerung Ungarns für den vorbildlichen Umgang mit Vertreibung und Deportation dankbar, und es freue Koschyk, dass Deutschlands und Ungarns Beziehungen ehrlich, freundschaftlich und vertraulich seien. Es sei auch erfreulich, dass sich die ungarndeutsche Gemeinschaft dank der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen permanent entwickele. Bundesbeauftragter Koschyk begrüße, dass die Mehrheitsbevölkerung Ungarns die Nationalitäten als Bereicherung ansähe, und dass sich die Mehrheitsbevölkerung auch bereichern lassen wolle. Dies verstünde er unter europäischem Minderheitenverständnis.

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Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán wies in seiner Rede unter anderem auch darauf hin, dass man vor siebzig Jahren offiziell von „Aussiedlung“ gesprochen habe, es habe sich aber um Beraubung der Ungarndeutschen ihres Hauses und ihrer Heimat gehandelt. Niemand hätte Widerstand geleistet, ganze Völker seien in Viehwagons getrieben. Der Ministerpräsident betonte, die ungarndeutsche Gemeinschaft sei unantastbarer Teil der ungarischen Gesellschaft, die während der Jahrhunderte mit den Ungarn zusammen für die gemeinsame Heimat gekämpft, sowie auch das Land nach den Weltkriegen neu aufgebaut hätte.
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„Die Ungarndeutschen können bis auf den heutigen Tag eine Kultur die ihrige nennen, deren Fäden tief in das Gewebe der ungarischen Kultur eingeflochten sind. Wenn wir diese Fäden herauszögen, so würde das gesamte Gewebe zerfallen. Die ungarische schwäbische Gemeinschaft stellt einen organischen und unveräußerlichen Bestandteil der ungarischen Kultur dar. Wenn vor siebzig Jahren die Vertriebenen all das mitgenommen hätten, was die Ungarndeutschen oder Menschen deutscher Abstammung seit ihrer Ansiedlung für die ungarische Wirtschaft und Kultur getan hatten, dann wäre Ungarn heute bedeutend ärmer. Sie hätten zum Beispiel unsere erste nationale Literaturgeschichte – von Ferenc Toldy – mitnehmen können, unter anderem auch das Parlament – Imre Steindl – und das Gebäude des Kunsthistorischen Museums – Ödön Lechner – sowie einen bedeutenden Teil des ungarischen Druckwesens, Maschinenbaus und der Medizin. Ungarn war einst die Heimat von mehr als einer halben Million von Familien, die auf ihre deutschen Wurzeln stolz sowie fleißig waren und auf ihren eigenen Füßen standen. (…) Es hat Millionen von Menschenleben gekostet, bis wir erkannt haben: Wir, die Nationen Europas, sind gemeinsam stark. Der entscheidende Grund für die Vereinigung Europas war gerade, das derart entsetzliche Dinge nie wieder vorkommen dürfen. Die europäische Zusammenarbeit war gerade aus der Erkenntnis geboren worden, dass uns, europäische Nationen, viel mehr Dinge verbinden als trennen“, so Orbán. Heutzutage zerfalle aber die Sicherheit des Kontinents von Tag zu Tag, die auf christlicher Kultur basierende Lebensweise sei gefährdet. Heutzutage sei die Frage, ob wir Europa beschützen können, und ob es Europa bald überhaupt geben wird. In seinem Schlusswort betonte der Ministerpräsident, dass alle Menschen – inner- und außerhalb Europas – das grundsätzliche Recht hätten, in ihrer eigenen Heimat zu leben. „Im Namen der ungarischen Regierung wünsche ich unseren in Ungarn lebenden deutschen Mitbürgern, dass sie das Andenken ihrer Ahnen bewahren und ihre Kinder als in der deutschen Kultur aufgewachsene gute Ungarn erziehen sollen. Ehrfurcht den Opfern. Gebührende Erinnerung an die Leidenden. Ein Verneigen vor der Erinnerung an die Unschuldigen. Anerkennung und Ruhm jenen, die den in Not geratenen Ungarndeutschen geholfen hatten. Alles Gute unseren mit uns zusammenlebenden deutschen Mitbürgern!“, schloss er seine Ansprache.

Otto Heineks Gedenkrede in der Wuderscher Pfarrkirche St. Johannes Nepomuk am 19. Januar 2016, an der Vertreibungs-Gedenkveranstaltung >>>

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