Heimatverein Schambek/Zsámbék 1981 – 2016

Quelle: Zentrum
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Genau 35 Jahre nach der Vertreibung gründeten am 14. März 1981 in Gerlingen etwa 40 Vertriebene einen „Heimatverein Schambek/Zsámbék“.

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Im lockeren Verbund der Ortsgemeinschaft hatten sich Schambeker, in der „neuen Heimat“ Deutschland auf 103 Gemeinden verteilt, immer wieder zusammengefunden. Vor allem boten dazu Jahrgangstreffen einen Anlass. Ganz bezeichnender Weise jedoch versammelte man sich am häufigsten bei Beerdigungen, um sich alter Verbundenheit zu versichern. Es ist nicht leicht, sich heute in die damalige Lage einzufühlen, in die Fremdheit der hiesigen Dialekte, in den Mangel an Kenntnissen von Schriftsprache und ihrer Grammatik, zu schweigen vom Schreiben in ungarischer Orthographie. Nach der schweren Anfangsperiode, die oft geprägt von Hunger, immer von Heimweh, Arbeitssuche und bald von Sorgen um den Hausbau, war die Eingliederung in die deutsche Gesellschaft und stabiler Aufbau von eigenständiger Existenz gelungen.

Nach Jahren wurde von einigen Aktivisten bald die Notwendigkeit erkannt, über nur gelegentliche Treffen hinaus der Ortsgemeinschaft als Verein mit stabilisierender Satzung gesetzlich straffere Struktur zu geben. Jetzt trat die Notwendigkeit in den Vordergrund, unsere Spuren der ungarndeutschen Herkunft aus Schambek vor dem Untergang zu sichern. Weitgefasste wichtige Ziele traten ins Blickfeld, so die Herausgabe von Heimatbüchern mit der notwendigen, verantwortbaren finanziellen Grundlage. So entstand in Baden-Württemberg ein erster ungarndeutscher Heimatverein mit eigener Satzung. Seine Gemeinnützigkeit wurde von den Behörden anerkannt, d.h. er wurde von der Besteuerung befreit.

Nach den ersten Jahren seines Bestehens hat am 27. Juni 1987 die Gemeinde Nattheim vertraglich die Patenschaft über den Heimatverein Schambek/Zsámbék übernommen, seine Anliegen gefördert und Hilfe geleistet.

Die erste Generation der Schambeker in Deutschland bestand aus staatenlos gewordenen „Vertriebenen“. Ihren ganzen Besitz in der Heimat, die Häuser, Felder usw. hatten überwiegend Umsiedler besetzt, d.h diese kamen mit ihrer ganzen Habe nach Zsámbék. Nach dem Verlust der Heimat und der ungarischen Staatsbürgerschaft blieben wir für Deutschland zunächst Staatenlose. Es wird häufig übersehen, dass uns Deutschland, sofern wir nicht eine ausdrückliche (kostenlose!) Einbürgerung beantragt hatten, wie z.B. von meinen Eltern, nur den Vermerk in den zwar deutschen Pass bekamen „Den Deutschen gleichgestellt“! Kranken- oder Rentenversicherung kannte, außer vielleicht Handwerkern oder Angestellten, die ehemals auf die Landwirtschaft bezogene Bevölkerung gar nicht. Bei diesen Voraussetzungen hatten es uns Lastenausgleich und verschiedene andere Hilfen des deutschen Staates ermöglicht, hier eine neue Heimat aufzubauen. Der Name LDU = Ungarndeutsche Landsmannschaft war solange richtig, als die meisten Schambeker noch nicht deutsche Staatsbürger waren.

In 35 Jahren seit seiner Gründung hat der Heimatverein seine „Hausaufgabe“ hinlänglich gemacht. Seine Aktivitäten sollen hier nicht akribisch erschöpfend dargestellt werden. Wir konnten über die ganze Geschichte der Ansiedlung Schambek, der Herkunft seiner Einwohner, das Brauchtum und über die familienkundlichen Strukturen in einem Ortsfamilienbuch veröffentlichen. Die allgemeine Heimatkunde der Deutschen aus und in Ungarn wurde tatkräftig gefördert. Vom Untergang bedrohtes Brauchtum wurde in Kirchweihfesten, Traubenbällen, Trachtenschauen usw. gepflegt. Wir „erfanden“ z.B. den Schambeker Brautzug, den der Heimatverein 1985 (!) sogar in Zsámbék bei den Ruinen des Münsters als Dorffest aufführen konnte. Reichlich bestückte Heimatstuben in Gerlingen und Nattheim sind entstanden, um Mitgebrachtes fachmännisch zu retten. Die Bedeutung der Schambeker Komponisten von Weltrang, Josef und Johann Gungl, wurde der Vergessenheit entrissen. In Ausstellungen und Vorträgen z.B. über Keramik oder Spitzen wurden zusammen mit der Nattheimer Gemeinde organisiert, Bräuche aus Schambek mit württembergisch schwäbischen verglichen und dergleichen mehr Aktivitäten erfüllten die satzungsgemäßen Ziele und Zwecke des Heimatvereins.

Einbürgerung und Integration der einst aus der Heimat Schambek Vertriebenen ist gelungen: aus einer Gemeinschaft agrarischer Prägung kommend ist es eine Gesellschaft von Arbeitern mit effektiven Bildungsmöglichkeiten entstanden. Hoffnung auf Rückkehr voll Heimweh, die anfänglichen Nöte und Schmerzen der Zersplitterung in der Heimatlosigkeit sind verwunden. Alte vernarbte Wunden brauchen nicht mehr „geleckt“ werden. Mit der „Erlebnisgeneration“ ist auch der Heimatverein ins Alter gekommen. Der Sinn der bisherigen Form hat sich verändert. Er darf jetzt nicht zu operettenhaftem Treffen mit Mohn- und Nussbaigl herabsinken. Das Thema 70 Jahre Vertreibung ist abgeschlossen. Als Schambeker möchten wir 70 Jahre Integration feiern.

Nach fruchtbaren 35 Jahren des Vereinslebens, fast auf den Tag genau, löste sich deshalb der Heimatverein Schambek/Zsámbék schweren Herzens am 12. März 2016 in Nattheim auf. Die Verbundenheit mit unserer ehemaligen Heimat Schambek bleibt bestehen. Noch immer vorhandene Impulse fließen in den Museumsverein in der Gemeinde Nattheim ein, die das Erbe unserer Gruppe weiter schützen und pflegen wird.

P. Martin Anton Jelli OSB
Neresheim

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