Lenau-Preis an Professor Dr. Josef Schwing

Quelle: Zentrum

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Der Kulturpreis Nikolaus Lenau wurde 1991 gegründet. Es werden damit in- und ausländische Personen bzw. Gemeinschaften geehrt, die Unvergängliches für und um die ungarndeutsche Volksgruppe geleistet haben. Der Vorstand des Kulturvereins Nikolaus Lenau e.V., Fünfkirchen, hat in seiner Sitzung einstimmig beschlossen, dem aus Ungarn stammenden Germanistikprofessor der Universität Mannheim, Dr. Josef Schwing, in Anerkennung seiner unvergänglichen Verdienste um das Ungarndeutschtum den Kulturpreis Nikolaus Lenau 2015 zu verleihen.

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Die feierliche Preisverleihung fand am 8. April in Fünfkirchen/Pécs statt. Um die musikalische Umrahmung sorgten die Mitglieder des Boschoker Chores, die mit den schönsten Heimatliedern dem aus ihrem Dorf stammenden Preisträger und auch dem Publikum große Freude bereiteten.

Lorenz Kerner, Vorsitzender des Lenau Vereins, begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste. Danach gab er die Entscheidung des Vorstandes über den Lenau-Preis 2015 bekannt und hielt die Laudatio. Zu Beginn skizzierte er den Lebenslauf, danach würdigte er die wissenschaftliche und soziale Tätigkeit des Ausgezeichneten wie folgt:

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Josef Schwing wurde 1932 in dem rein deutschen Dorf Boschok/Palotabozsok im Komitat Baranya in einer wohlhabenden Bauernfamilie geboren. Seine Eltern: Johann Schwing und Anna Hüfner. Die Volksschule besuchte er im Heimatort, das Gymnasium bis zur 6 Klasse in Mohács und Budapest. 1948 wurde auch das Vermögen der Eltern Schwing enteignet, so musste der Sohn Josef die Lerntätigkeit leider beenden. Er war Aushilfskraft bei der Gemeindeverwaltung Palotabozsok, dann Angestellter bei der Ungarischen Eisenbahn. 1952 erhielt er ein Stipendium für das Zalka-Máté-Kollégium in Budapest, französisch-deutscher Klassenzug, wo er das Abitur mit Auszeichnung bestand. Sein Studium setzte er an der ELTE-Universität fort, wo er Französisch und Ungarisch studierte. Er hatte das Studium noch nicht beendet, als 1956 der Aufstand ausbrach.

Josef Schwing floh in den Westen und kam in die Pfalz. Hier fühlte er sich, wie er sagte, von der ersten Stunde an heimisch. Die Pfälzer Mundart beherrschte er nach kurzer Zeit und verstand sich mit den Pfälzern. Weil er keine Beweisdokumente hatte, konnte er das Studium in Deutschland nicht fortsetzen und beenden. Er ging zur BASF, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und wurde Industriekaufmann. Hier lernte er auch seine Frau Hannelore kennen. Aus ihrer Ehe stammen zwei Töchter: Laura und Stefanie. Sie haben zwei Enkelkinder.

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1962 ließ Josef Schwing seine Eltern aus Bozsok nach Deutschland kommen. 1964 gründete er ein eigenes Unternehmen und stellte Dichtungsringe für Betonrohre her. Inzwischen konnte er aus Ungarn auch seine Studienunterlagen besorgen und so das lang ersehnte Germanistikstudium, zuerst in Heidelberg, dann zusätzlich Phonetik und Phonologie in Saarbrücken absolvieren. 1979 hat Herr Schwing seinen Betrieb aufgelöst um in Kaiserslautern beim Pfälzischen Wörterbuch als wissenschaftlicher Mitarbeiter anzufangen. Das Pfälzische Wörterbuch ist das einzige großräumige Wörterbuch in Deutschland, in dem auch das Wortgut der Auslandspfälzer exemplarisch erfasst wurde. Bei Prof. Dr. Max Mangold (Verfasser des DUDEN-Aussprachewörterbuchs), Universität des Saarlandes, promovierte er mit magna cum laude.

Im Alter von 76 Jahren habilitierte er sich an der Universität Mannheim und wurde Privatdozent. 2011 erhielt er den Titel eines apl. Professors. Seitdem lehrt er hier. Die Zugehörigkeit zur Universität Mannheim eröffnete die Möglichkeit für die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit anderen Forschungseinrichtungen, z. B. mit der Universität Debrecen.

Seine Jahrzehnte langen selbstlosen Redaktionsarbeiten für das „Suevia-Archiv“, für das Organ der Donaudeutschen Landsmannschaft „Donaudeutsche Nachrichten“, für verschiedene Festschriften und weitere Publikationen sind legendär. Die große Liebe zu seiner alten Heimat „Schwäbische Türkei“ manifestiert sich vor allem in der wissenschaftlichen Erforschung ihrer deutschen Mundarten und Volkskultur – nach wie vor seine Hauptbeschäftigung.

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Aufgrund seiner lexikographischen Erfahrung durch seine Tätigkeit beim Pfälzischen Wörterbuch wollte Josef Schwing eines doch endlich verwirklicht sehen: die Bearbeitung der deutschen Mundartlandschaft seiner alten ungarischen Heimat. Schon einige Zeit zuvor hatte er in deutschen Ortschaften Ungarns im Rahmen des Projekts „Kontinentalgermanische Winzerterminologie“ Feldaufnahmen durchgeführt. Zu Beginn der neunziger Jahre unter Nutzung der vorhandenen technischen Möglichkeiten ging Josef Schwing zielstrebig an die Arbeit und zeichnete die Mundarten auf Tonkassetten auf. Würden all seine erfassten Daten auf CD-ROM gespeichert werden, so würden diese eine Regalfläche von elf Metern füllen – über viertausend Stunden Tonaufnahmen aus mehr als 200 Dörfern!

Und noch immer bricht der 84jährige Schwing mit dem Auto nach Ungarn auf, um in verschiedenen Dörfern mit Tonaufnahmen seine umfangreiche ungarndeutsche Mundartsammlung zu ergänzen. Diese Aufgabe ist gar nicht so einfach, weil es sich bei den deutschen Mundarten in Südungarn um einen bunten Flickenteppich handelt. Hier finden sich fast alle Mundarten Mittel und Süddeutschlands, wobei die rheinfränkischen Mundarten den Schwerpunkt bilden. Wie sollten nun all diese Mundarten in einem Wörterbuch, erfasst werden, das ja nach Artikelwörtern aufgebaut ist? Josef Schwing fand Dank der modernen Technik die Lösung. Aufgrund seiner Arbeit gehört die Schwäbische Türkei zu den am besten erfassten neuzeitlichen deutschen Sprachinseln. Daneben entstand auch ein Mundartwörterbuch seines Heimatortes: „Wörterbuch der deutschen Mundart von Palotabozsok/Boschok“, welches derzeit über Tausend Seiten umfasst.

„All das tat er für Gottes Lohn, selbstlos, still und fleißig“, schrieb der aus Márkó (Komitat Veszprém) stammende, bekannte ungarndeutsche Operettentenor, Ferry Seidl, in seiner Würdigung zum 80. Geburtstag seines Freundes Joschka Schwing.

Doch Josef Schwing interessierte sich nicht nur für die Sprache, sondern auch für die Volkskunde, das alltägliche Leben, das weltliche und kirchliche Brauchtum, die Arbeitswelt, die Baudenkmäler in den Dörfern der Schwäbischen Türkei. Zu all diesen Themen hat er Tausende Fotos gesammelt und selbst aufgenommen, darunter außerordentlich wertvolle historische Bilder. Diese Bilddokumentation ist eine wahre Fundgrube für die ungarndeutsche Volkskunde. Da finden sich Bilder von historischen Häusern, Kirchen, Menschen in ihren Trachten und vielem mehr. Ein ganz wertvoller Teil der Sammlung sind die 117 Originalaufnahmen der Rußlandverschleppten von 1944–1948. Alle Bilder sind in einer Datenbank erfasst und werden demnächst auch im Internet zugänglich sein.

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Eine fast hundertjährige Forderung der ungarndeutschen Germanistik, die Erfassung und Deutung der ungarndeutschen Ortsnamen, ging mit der Veröffentlichung „Die deutschen mundartlichen Ortsnamen Südtransdanubiens“ in Erfüllung. Es erschien im Universitätsverlag Debrecen. Im Vorwort schreibt Josef Schwing: „Die auf den Ortseingangsschildern stehenden deutschen Ortsnamen sind zum Großteil falsch in die deutsche Schriftsprache transportiert. Diese unbefriedigende Situation ließ in mir den Entschluss reifen, die Ortsnamen nicht in einem Wörterbuch, sondern einem selbständigen Buch zu dokumentieren. In den Komitaten Baranya, Tolna und Somogy wurden in 220 Orten Tonaufnahmen durchgeführt.“

Große Anerkennung der internationalen Fachwelt wurde ihm zuteil für sein vor fünf Jahren zweisprachig erschienenes interdisziplinäres Werk über „Die Namen der Stadt Pécs“. Professor Dr. István Hoffmann von der Universität Debrecen sagte: „Pécs ist die Stadt der Bücher“, die einzige Stadt Ungarns, über deren historische Namen ein ganzes Buch erschienen ist. Das Buch wurde am 15. Dezember 2009 in der Fünfkirchner Komitatsbibliothek vorgestellt. Im Vorwort des Buches schreibt Josef Schwing: „Die Diözese feiert heute – im Jahre 2009 – ihr tausendjähriges Bestehen, und 2010 wird das mit dem Titel, „Weltkulturerbe“ ausgezeichnete Pécs „Europäische Kulturhauptstadt“. Zu diesen besonderen Ereignissen möchte ich mit meinem Beitrag dieser großartigen abendländisch geprägten Stadt in meiner alten Heimat, die ich schon seit früher Kindheit bewunderte und liebte, die Ehre erweisen.“

Die umfangreiche Sammlung aus den vergangenen drei Jahrhunderten von József Madas über die Grundstücke, Häuser und Gassen von Fünfkirchen wurde erst mit ihrer Digitalisierung, Strukturierung in einer Datenbank (viersprachig, 40.000 Datensätze, 11.000 Personennamen, 700 Berufsbezeichnungen u. v. m.) und ihrer Veröffentlichung im Internet durch Josef Schwing für die Forschung zugänglich.

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Josef Schwing hat auch ein „sehr großes Herz“, er hat sich jahrelang mit Erfolg für die kostenlose Beschaffung von Computern mit Zubehör, Bildschirmen, Druckern, Kopierern und Scannern für zahlreiche Institutionen bemüht. Die Universitäten Fünfkirchen, Veszprém und Debrecen erhielten insgesamt über 400 komplette Computerausstattungen. Der Malteser Hilfsdienst und die Caritas in Ungarn sowie bedürftige Menschen erhielten persönlich mit diesen Transporten beachtliche Mengen an Kleidung. Sein Wagen war während der Fahrt nach Ungarn stets voll beladen mit Büchern für Schulen sowie mit Kleidern. Nach der Wende 1990 beteiligte er sich an den großangelegten Hilfsaktionen landwirtschaftlicher Geräte und Saatgut für deutsche Landwirte in Ungarn, die ihr Feld zurückbekamen und selbst bewirtschafteten.

Für seine vielfältigen Verdienste wurde Professor Dr. Josef Schwing mehrfach geehrt:
2007 erhielt er vom Johann-Eimann-Kulturrat die Johann-Eimann-Plakette.
2008 wurde er vom Bundespräsidenten Prof. Dr. Horst Köhler mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.
2015 bekam er vom Innenminister Baden Württembergs, Reinhold Gall, den Donauschwäbischen Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg.

Vorsitzender Lorenz Kerner betonte, dass so eine erfolgreiche Laufbahn ohne einen festen familiären Hintergrund unvorstellbar wäre. Frau Hannelore steht ihrem Mann bis heute treu, verständnis- und liebevoll zur Seite, sie ist Ehefrau, Mutter, Hausfrau und von Anfang an unermüdliche Mitarbeiterin in einer Person.

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Nach der Preisüberreichung vom Vorsitzenden stellte sich der Geehrte tief gerührt vor das Mikrofon und bedankte sich für die Auszeichnung: „Die Gefühle, die ich empfinde, lassen sich nicht mit Worten beschreiben. Diese Auszeichnung hat für mich ein besonderes Gewicht, weil sie die erste in meiner alten Heimat ist, in einer Stadt, die zweitausend Jahre abendländische Kultur ausstrahlt.“

Anschließend hielt er einen mit großem Interesse aufgenommenen Festvortrag über berühmte deutsche Persönlichkeiten in der Schwäbischen Türkei, Künstler, Wissenschaftler, die „aus unseren Reihen“, aus dem Dorf, aus einfachen Verhältnissen kamen und Großes geleistet haben: u. a. Heinrich Stephan und Stefan Kerner (Máriakéménd), Josef Schobert Sebes (Nagypall), Johann Evangelist Fuß (Tolna), Anton Uhl (Baranyaszentgyörgy), Josef Schober (Gödre). Auch aus Deutschland stammende große Persönlichkeiten, denen Ungarn sehr viel zu verdanken hat, wurden vorgestellt: der aus Hessen stammende Freiheitskämpfer Karl August Graf zu Leiningen-Westerburg (einer der in Arad hingerichteten 13 Generäle), der ebenfalls aus Hessen stammende Sprachwissenschaftler Josef Budenz, Begründer der modernen finnisch-ugrischen Sprachwissenschaft, und schließlich ein großer Sohn der Pfalz, Wilhelm Koppenbach von Bergzabern (damals Grafschaft Zweibrücken), 1360–1374 Bischof der Diözese Fünfkirchen/Pécs und dort Gründer der ersten Universität Ungarns.

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Zum Schluss dankte der Vorsitzende des Lenau-Vereins, Lorenz Kerner, dem Geehrten mit folgenden Worten:
„Geehrter Herr Prof. Dr. Josef Schwing, lieber Landsmann, lieber Freund,
heute, am 8. April 2016, dankt Dir das heimatverbliebene deutsche Volk Ungarns mit dem Lenau-Preis 2015
für deine uns erwiesene verantwortungs- und liebevolle Verbundenheit,
für deinen „Dienst an der Heimat und für die Landsleute“, wie Du es in deinem Wahlspruch formuliert hast,
für deinen unermüdlichen, großartigen und selbstlosen Einsatz für die Bewahrung unserer Muttersprache, Traditionen und Tugenden.
Kurzum: mit deinen unvergänglichen Verdiensten für und um unser Ungarndeutschtum hast Du den Kulturpreis Nikolaus Lenau mehr als verdient.“

Die Veranstaltung endete mit einem Empfang in den Pfälzer Stuben, wo die Gäste den von Herrn Schwing mitgebrachten Pfälzer Wein (natürlich die Sorte Kerner Spätlese aus Bergzabern!) kosten konnten. Im Foyer lagen Bücher in großer Auswahl, u. a. die neueste Ausgabe des Archivs der Suevia Pannonica, zum Mitnehmen bereit.


Zum Schluss möchte ich als Chronist persönlich werden. Während seiner Feldaufnahmen in der Schwäbischen Türkei stand ich Josef über Jahrzehnte zur Seite. Ich besuchte um die zweihundert deutschen Orte und lernte sehr viele gastfreundliche und hilfsbereite Landsleute kennen.

Über eine angenehme, harmonische Zusammenarbeit mit Dir, lieber Josef, entwickelte sich in dieser Zeit eine großartige, unvergessliche Freundschaft. Ich wünsche Dir noch viele Jahre gute Gesundheit und wissenschaftliches Vergnügen zu Deinem monumentalen Projekt.

Josef Schäffer

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