Mit dem Kopf und mit dem Herzen erfassen

Quelle: LdU

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Gedenkveranstaltung in Fünfkirchen diente der realen Darstellung ungarndeutscher Geschichte

Die reale Darstellung der Geschichte der Ungarndeutschen im 20. Jahrhundert, die Gestaltung einer korrekten Erinnerungskultur und die weitere Stärkung des Gemeinschaftsbewusstseins – das hat sich die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen und das Valeria-Koch-Bildungszentrum zum Ziel gesetzt, als sie zur gemeinsamen Veranstaltung zum Gedenken an die geschichtlichen Ereignisse des Malenkij Robot und der Vertreibung in das Bildungszentrum nach Fünfkirchen luden. Die Gedenkstunde und den Schulprojekttag am 22. April 2016 beehrten zahlreiche Ehrengäste mit ihrer Anwesenheit, und auch die ganze Schülerschaft des Gymnasiums war an der Veranstaltung anwesend.

Ibolya Hock-Englender, Institutionsleiterin des Valeria-Koch-Bildungszentrums gedachte in ihrer Festansprache mit ganz persönlichen Geschichten aller, die von der Verschleppung oder von der Vertreibung betroffen waren:

Ibolya_Hock-Englender

„Meine Oma mütterlicherseits wurde 1944 nach Lisichansk in die ehemalige Sowjetunion verschleppt. Drei Jahre lang musste sie dort in einem Kohlenbergwerk arbeiten. Sie hat ihre Trachtenröcke gegen Essen getauscht, nur, um zu ihrer Tochter nach Hause zurückkehren zu dürfen. Ihre Tochter – meine Mutter – war damals 7 Jahre alt und hatte während dieser Zeit Erstkommunion. Ein Foto zeugt noch davon, dass alle Erstkommunionsmädchen wunderschön geflochtene Haare hatten, bis auf meine Mutter. Ihre Haare hingen schulterlang, so, wie sie gewachsen sind, weil niemand da war, die ihr hätte die Haare flechten können. Nie werde ich vergessen, dass wir, wenn wir in Deutschland zu Besuch waren, mit einem meiner Onkel immer die ungarische Nationalhymne singen mussten. Die Vertriebenen betrachteten Ungarn als ihre Heimat. Es ist unsere ganz besondere Aufgabe, die Erinnerung wach zu halten!“

Gedenktafel

Im Sinne der Erinnerung enthüllte Ibolya Englender-Hock eine Gedenktafel. Diese stellt Gleise dar, die aus dem Unendlichen kommen und ins Unendliche gehen. Ein einziges Anfangsjahresdatum – 1944 – steht an der Tafel, das Datum der Verschleppung. Und dann nur ein Gedankenstrich. Die Gedenktafel steht für all die Strafmaßnahmen und deren Nachwirkungen, die die Ungarndeutschen erleiden mussten.

1946 bis 1948: die tragischste Epoche der Geschichte der Ungarndeutschen. Mehr als 200 tausend unschuldige Menschen mussten enteignet ihre Heimat verlassen und wurden nach Deutschland vertrieben. Siebzig Jahre danach startete die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen ihre Aktion „Wanderbündel“ zur Schaffung eines korrekten Umgangs mit der Geschichte der Deutschen in Ungarn. Ein Bündel bereist Schulen der deutschen Nationalität in Ungarn, um Kinder und Jugendliche auf die Wichtigkeit der Erinnerungskultur aufmerksam zu machen. Im April 2016 wurde in Schomberg – in einem Branauer Dorf, aus dem im Juni 1948 ein Drittel der Ungarndeutschen vertrieben wurde – mithilfe von Zeitzeugen das symbolhafte LdU-Wanderbündel angefertigt.

Otto Heinek, Vorsitzender der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen schickte an der Veranstaltung im Valeria-Koch-Bildungszentrum das Wanderbündel der LdU mit folgenden Gedanken auf seinen Weg:

Otto_Heinek

„Ich habe mir darüber Gedanken gemacht, was in dieses Bündel nicht reingepackt werden konnte. Das war zum Beispiel die Dorfkirche, in der man getauft wurde, Erstkommunion gefeiert hat und sich das Jawort gab. Es waren die Gräber der Eltern, die man endgültig verlassen musste. Es waren die sauberen Häuser, die gepflegten Felder, die Weingärten, die man nun zurückließ, der Schweiß der Arbeit mehrerer hundert Jahre. Und nicht in das Bündel gepackt werden konnten die Gefühle: das Bangen um die Zukunft, die Qual der Ungewissheit, wohin die Reise wohl geht, was wohl die Zukunft bringen wird. Die Abschiedstränen von den Verwandten und von denen, die bleiben durften. Die zögerliche Bewegung beim Zusperren der Kellertür. Der verzweifelte letzte Blick auf das Elternaus. Und nicht in das Bündel gepackt werden konnte die Frage, die wir immer wieder zu beantworten versuchen: warum? Wir schicken dieses Bündel auf seine Reise – es soll an das Geschehene erinnern, aber vor allem an die Menschen, die als Spielball der Geschichte gehalten und so unendlich viel leiden mussten. Es soll an ihre Tränen, Gedanken und Gefühle erinnern, daran, dass Geschichte nicht aus Jahreszahlen, sondern aus menschlichen Schicksalen besteht.“

Kaestchen_ins_Buendel

Gäste aus Schomberg, die das Bündel anfertigten, stellten die eingepackten Gegenstände vor. Schüler des Valeria-Koch-Schulzentrums packten ein selbstgebasteltes Kästchen mit selbstgeschriebenen Gedichten in das Bündel.

Eine Ausstellung – angefertigt von Schülerinnen und Schülern des Valeria-Koch-Bildungszentrums – erinnert an die Grausamkeiten der Verschleppung und des Malenkij Robot.

Ausstellung

Parlamentsabgeordneter Dr. János Hargitai eröffnete die Ausstellung und teilte den Gästen seine Gedanken bezüglich der tragischen Geschichte der Ungarndeutschen mit:

Janos_Hargitai_2

„Schaffung einer korrekten Erinnerungskultur – diese Mission, dieses Ziel der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen halte ich für besonders wichtig. Notwendig ist das, weil diese Erinnerungskultur im Moment nicht existiert – und eine korrekte erst recht nicht! Befasst sich jemand in unserem Lande mit diesem Thema befasst, so sind es immer noch die Worte des einstigen Politikers der Bauernpartei im Parlament, Imre Kovács, die am lautesten klingen. Kovács sprach sich nämlich damals dafür aus, dass die Deutschen schuldig seinen und mit einem Bündel – so, wie sie gekommen sind – aus dem Lande verschwinden sollten. Dieses Bündel ist nun hier hinter mir. Der Schomberger Josef Rott half uns, dieses Bündel und dadurch die schwere Last von vielen Ungarndeutschen kennenzulernen. Wenn wir uns um die Schaffung einer korrekten Erinnerungspolitik bemühen, wissen wir, dass die Wahrheit oft nicht einmal die Angehörigen unserer Volksgruppe kennen. Über dieses Thema haben sogar unsere Eltern geschwiegen. Auch ich könnte viel über die Vertreibung meiner eigenen Familienmitglieder erzählen, die dann in ihre Heimat zurückgeflüchtet sind, um für uns ein neues Leben in Großnaarad zu schaffen. Ich möchte also meine Hochachtung vor den Initiatoren von Erinnerungsveranstaltungen wie diese und vor Initiatoren der Aktion Wanderbündel aussprechen. Ich danke Ihnen dafür, dass ich mit Ihnen gemeinsam der Opfer gedenken durfte!“

Skype_Monika_Ambach

Die Veranstaltung in Fünfkirchen endete mit einer virtuellen Vernetzung mit dem Művész Kino in Budapest: Monika Ambach, Direktorin des Ungarndeutschen Kultur- und Informationszentrums berichtete per Skype über die gleichzeitig laufende Filmvorführung und Preisverleihung von Abgedreht! 2016.

Viele Anwesende der Veranstaltung in Fünfkirchen schlossen sich dem landesweiten TrachtTag an und trugen Kleidungsstücke und Accessories einer ungarndeutschen Volkstracht.

Agnes_Pesti-Amrein_Jozsef_Weigert

Die feierliche Gedenkstunde war in einen Schulprojekttag eingebettet, der den Titel „Malenkij Robot – kleine Arbeit?“ trug und auf die Verschleppung fokussierte. Das Fragezeichen im Titel stehe – so Agnes Pesti-Amrein, Leiterin des Gymnasiums und Josef Weigert, Direktor des Ungarndeutschen Pädagogischen Instituts des Valeria-Koch-Bildungszentrums – wie ein Schrei dafür, dass man sich über die Schicksalsschläge der Ungarndeutschen Gedanken machen muss, und dass dies auch Jugendliche thematisieren, bearbeiten und verarbeiten müssen. Dem Projekttag ging eine Vorphase der Sammelarbeit und Recherche in den eigenen Dörfern der Schüler voran. Bearbeitete Ergebnisse über geschichtlichen Hintergrund des Malenkij Robot, über das Leben und die Arbeit in den Zwangslagern, sowie über die Auswirkungen der Verschleppung wurden am Projekttag präsentiert. Alle SchülerInnen der Gymnasialabteilung nahmen an Stationenarbeit, an Filmvorführung, an Vorlesungen von Historikern und an Diskussionen teil. „Mich haben die selbst geschriebenen Gedichte der Schüler am meisten bewegt – sagte Josef Weigert. – Diese brachten wir in einer Ausstellung unter, und einige davon wurden sogar in einer literarischen Zusammenstellung auf der Bühne vorgetragen. Man liest sie und man beginnt fast zu weinen. Ich glaube, unsere Schüler haben diese Gräueltaten des 20. Jahrhunderts sowohl mit dem Kopf, als auch mit dem Herzen erfasst.“

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