Die Familie Wuschik-Szőke

Quelle: Neue Zeitung
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Ödenburger Familien im Porträt

Die Familie Wuschik-Szőke

Unlängst lernte ich Dr. László Szőke kennen. Er war Schulkollege meines Onkels, dadurch kannte er auch meine Mutter gut. Ich war sehr erfreut, dass er auf viele offene Fragen meinerseits eine Antwort wusste, denn mich interessiert die Vergangenheit dieser Stadt, die Orte, über die meine Mutter auch oft sprach. So kam es, dass László seine Lebensgeschichte erzählte.

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Lászlós Vater, János Szőke, stammt aus Murakeresztúr, seine Mutter, Janka Wuschik, aus Ödenburg. Ihre Eltern hatten aber einen langen Weg bis hierher. Der Großvater mütterlicherseits, Andreas Traugott Wuschik, gehörte der sorbischen Minderheit an, lebte in Malsitz (Neumalsitz), in der Nähe von Bautzen. Er war Zuckerbäcker von Beruf und fand in Königsberg (heute Kaliningrad) Anstellung. Dort lernte er Johanna Preuss kennen und lieben und bald heirateten die beiden. 1876 siedelte sich das Ehepaar in Ödenburg an, wo Traugott Wuschik auch bald in einer Bonbonfabrik zu arbeiten begann. 1885 verschwand er auf Nimmerwiedersehen in Deutschland und seine Frau musste die vier Kinder alleine aufziehen. Frau Wuschik hat sich etabliert und wurde bald eine angesehene und gefragte Hebamme in der Stadt. 1903 legten sie und ihre Kinder den Bürgereid ab, dessen deutschsprachiger Text folgendermaßen lautete: „Ich, Johanna Wuschik, geb. Preuss, schwöre zu Gott dem Allmächtigen, dass ich zu Sr.k.u.kön. apostolischen Majestät, dem Könige von Ungarn und der Verfassung der Länder der ungarischen Krone treu sein werde…“

Die Eltern von László, János Szőke und Janka Wuschik, heirateten 1916. Dieser Ehe entstammten fünf Kinder, eines von denen war der 1921 geborene László. Wie er erzählte, hatte er eine schöne, unbeschwerte Kindheit: Die Familie machte oft Ausflüge in das nahe gelegene Gebirge von Ödenburg, aber auch in die Berge in Österreich. Zu Letzterem brauchte man nur einen Ausweis um 60 Fillér für den Grenzübertritt, und etwas Kleingeld. Der offizielle Wechselkurs war damals 1,1:1, doch in Ödenburg bekam man schon einen Schilling für 0,8 Pengő. Die Wanderungen um Ödenburg endeten im Allgemeinen in einem Wirtshaus, in dem die Erwachsenen bei einem Bier, die Kinder bei einem „krachedli“ = Kracherl, einem Himbeersaft, den Tag ausklingen ließen. Beliebte Ausflugsziele waren damals im Ödenburger Gebirge der Herrentisch oder der Himmelsthron, beide an der österreichisch-ungarischen Grenze gelegen, wo abends die Grenzwache beider Länder gerne das Tanzbein schwang.

Nachdem László seinen Vater früh verloren hatte, musste die Familie jede Arbeit annehmen, um ein Zubrot zu verdienen. László gab seinen Mitschülern Nachhilfestunden, seine Mutter strickte für ein Geschäft Pullover, aber gespart wurde auch bei den Lehrbüchern. László kaufte diese gebraucht, in einem Antiquariat. Nach der Matura studierte László an der Universität in Ödenburg Hüttenwesen. Da musste die Familie wieder auf vieles verzichten: Die Inskribierung kostete damals 85 Pengő. Diese Summe stand aber den Szőkes nicht zur Verfügung, deshalb verkaufte die Mutter ihr Klavier. Während des Krieges ging es keinem besonders gut, es herrschte überall Lebensmittelknappheit. Die Familie hatte Glück, László absolvierte sein Praktikum in einem Bergbau, so stand ihm eine Extraportion Schmalz zu, was für die Familie ein fürstliches Geschenk war.

1943 bekam László mit dem Diplom für Hütteningenieur in der Tasche an der Universität in Ödenburg am Lehrstuhl für Metalltechnologie eine Stelle, die er aber bald verlassen musste: 1944 bekam er einen Einrückungsbefehl zur Artillerie. Es ging bald Richtung Deutschland, nach Paderborn, wo er zum Bau eines Flugplatzes eingeteilt wurde. Zu Ostern befand er sich schon in amerikanischer Gefangenschaft. Er nutzte diese Situation aus und lernte Englisch, was ihm später bei seinen Publikationen und wissenschaftlichen Arbeiten zugute kam. Alles nimmt einmal ein Ende, so auch die Gefangenschaft. Im März 1946 machte der Zug mit den Gefangenen Richtung Ungarn in Wiener Neustadt halt, wo László Augenzeuge war, wie die vertriebenen Ungarndeutschen tränenüberströmt in Waggons nach Deutschland transportiert wurden.

In Ödenburg angekommen, wurde er mit weiteren Schicksalsschlägen konfrontiert: Die Bombardements hatten Teile der Stadt dem Erdboden gleichgemacht, auch seine Mutter war während eines Bombenangriffes ums Leben gekommen. László nahm seine Arbeit an der Universität wieder auf, doch leicht hatten es damals die Leute nicht. Infolge der Geldabwertung bekam er manchmal für seinen Monatslohn bloß fünf Eier. Deshalb hat er beschlossen, sich einen Weingarten zu pachten, den zu bewirtschaften, um sich etwas leisten zu können.

Bald wurde László von der Universität entlassen, die Begründung lautete: „In der amerikanischen Gefangenschaft hat er viele kapitalistischen Ideen kennen gelernt und sich diese angeeignet.“ Er fand aber bald in Budapest, in den Manfred Weiß-Werken in Tschepele eine Stelle. Da lernte er seine zukünftige Ehefrau Margit Ankovics kennen. Sein Wissen wurde bald anerkannt, viele Studienreisen und Auslandsaufträge sind Entschädigung für manche Enttäuschungen und praktisch eine Wiedergutmachung in Form eines erfolgreichen Berufslebens.

László ist seiner Heimatstadt Ödenburg immer treu geblieben, viele Urlaube mit der Familie, mit seinen Kindern, Erzsi und László, zeugen auch von dieser Treue.

Judit Bertalan

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