Es gibt keine Gewinner in einem Krieg, es gibt letztendlich fast nur Opfer

Quelle: Zentrum

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Im Mittelpunkt der Veranstaltung der Reihe Zentrum-Programme im HdU am 8. Juni 2016 stand eine persönliche Geschichte. Genauer gesagt ging es um Kriegserlebnisse, Gefangenschaft und Heimkehr. Udo Pörschke fand das Kriegstagebuch seines Großvaters, das ihn dazu bewegte weitere Recherchen zu führen, und letztendlich einen Dokumentarfilm aus den gesammelten Informationen zu drehen.

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Udo Pörschke ist 1968 in Bamberg geboren, nach dem Lehramtsstudium unterrichtete er an Schulen in Bayern, in Mexiko und danach im Jahre 2011 in Bonnhard/Bonyhád. Heutzutage lebt er weiterhin in Bonnhard und ist als freier Schriftsteller tätig. Seit 2005 veröffentlicht er Kurzgeschichten in Anthologien.

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Trotz seiner reichen Lebenserfahrungen begegnete er den Themen Flucht und Vertreibung zuerst im Jahre 2011 in Bonnhard, als er dort Lehrer wurde und über die Geschichte der Ungarndeutschen erfuhr. Ihm selber – noch als Kind – war es nie im Bewusstsein, dass er auch ein Kind von Vertriebenen ist, sein Vater stammt aus Königsberg – heute Kaliningrad (Russland), seine Mutter aus dem schlesischen Schweidnitz – heute Świdnica (Polen). Geschichten wurden in der Familie nie erzählt, die jüngsten Bilder stammen aus 1966 aus Bamberg, über die Eheschließung seiner Eltern.

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Erst nach dem Tod seines Vaters im Jahre 2013 hat sich sehr vieles in ihm verändert. Als sein Vater ihm mitteilte, dass er an Krebs erkrankt sei und ihm nicht mehr viel Zeit bleibe, und ihm die noch bislang unbekannte Familienunterlagen, darunter auch das Soldbuch seines sehr geliebten Großvaters gab, begann seine Forschung und Veränderung. Im Soldbuch versteckte sich ein Kriegstagebuch, dass er zuerst entzifferte und entschied sich eine Spurenreise anhand des heftähnlichen Tagebuches zu begehen.

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In seiner Familie wusste man nicht mal, in welchem Land sein Großvater in Kriegsgefangenschaft war. Er beging eine 3000 Kilometer lange Reise, eigentlich die Reise seines Lebens. Pörschkes Reise startete in Alt Madlitz, wo sein Großvater als Funktechniker eingestellt war und um den 20. April 1945 den Befehl bekommen hatte die Geräte zu zerstören und Richtung Berlin zu ziehen. Pörschke folgte den Spuren und traf dort einen älteren Mann, der seit seiner Kindheit in der Ortschaft lebte und über die Geschehnisse von damals erzählen konnte. Anhand des Tagebuches war er unter anderem in Deutschland in Halbe, Kummersdorf, Brusendorf, Trebbin, Göritz, in Polen in Neuhammer, Schweidnitz und in Zabrze. Ein Freund hatte ihm mit einer einfachen Videokamera begleitet, letztlich aber wurde daraus ein Dokumentarfilm mit dazu komponierter Musik.

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Er hat während seiner Recherchen Zeitzeugen gefunden und ist unter anderem auch polnischen Leuten sehr-sehr dankbar. Einer der berührendsten Momente des Film ist, als der zur Zeit der Aufnahme 95 Jahre alte ehemalige Soldat über eine Konfrontation während der Flucht von den Russen mit einer jungen flüchtenden Mutter spricht. Der Film wurde von der Story her mit großer Betroffenheit empfangen und es stellte sich heraus, dass diese nicht nur eine Geschichte eines einzelnen Mannes, sondern die Geschichte von Millionen ist. Krieg, Flucht und das Gefühl die Heimat zu verlieren sind universelle Themen. Ganz ähnlich sollte das Schreckensgefühl für Deutsche aus Schlesien, für Ungarndeutsche gewesen sein und können viele Menschen in Syrien genauso fühlen. Vor der Filmvorführung betonte Udo Pörschke, dass sein Großvater Opfer des Krieges, nicht aber Opfer der Gegner gewesen sei.

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Aus dem Film konnte man zahlreiche interessante Informationen erfahren. Das Publikum konnte dabei Daten und Fakten über das riesige Radargerät „Würzburg-Riese” erhalten und dass eine der Ortschaften die Geburtsstelle der Weltraumfahrt ist, da Wernher von Braun zuerst in Kummersdorf mit Raketen experimentiert hat bzw. dass es nicht nur in Stalingrad ein Kessel gab, sondern auch einer in der nähe von Berlin. Es gibt keine Gewinner in einem Krieg, es gibt letztendlich fast nur Opfer. Ergreifend war für das Publikum auch als es geschildert wurde, wie Udo Pörschke in der Herkunftsstadt und nach dem Geburtshaus seiner Mutter forschte, und wie er sich dabei fühlte. Der Film endet mit der Ankunft des damals über 40 Jahre alten Großvaters im Jahre 1949 in Weiden und mit einigen Worten über die darauffolgenden „Schweigejahren”.

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Da das Thema selber sehr anreizend ist, wurden viele Fragen an Herrn Pörschke gestellt. Es stellte sich heraus, dass aus dem Film und den gesammelten Informationen eine Art Sachbuch geschrieben und veröffentlicht wird. Es war auch interessant zu hören, dass ihm während seiner Recherchen Privatpersonen (unter anderem Polen) viel mehr geholfen hatten, als die Behörden. Er hatte sich oft Hilfe von Vereinen, die sich mit geschichtlichen Themen befassen, erhalten. Bei der Forschung war für ihn die in heutigen Tagen verfügbare Technik sehr nützlich gewesen, zum Beispiel bei der Suche nach den Ortschaften und Kontaktpersonen hatte er das Internet benutzt.

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Mit Hilfe der heutigen Technik ist diese Spurenreise nun dokumentiert, aufbewahrt und bleibt für die Nachwelt erhalten. Jedoch ist ein solcher Vortrag, vom Erlebnis her viel persönlicher und bleibt auch besser im Gedächtnis des Publikums, das sich noch intensiv über das Gesehene austauschte.

Nándor Frei


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