Minderheiten unter der Lupe

Quelle: Zentrum

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Über die Situation der Minderheiten in den europäischen Ländern wurde am 29. September 2016 an der Andrássy Universität Budapest im Rahmen der internationalen Konferenz Minderheiten in Europa diskutiert. Besonderheit dieser Veranstaltung war, dass nicht nur die Referenten ihren Vortrag hielten und anschließend das Publikum Fragen stellen konnte, sondern auch einige Studierende eine Antwort auf den Beitrag gaben und durch ihre Nachfragen neue Perspektiven gewonnen werden konnten.

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Den ersten Vortrag hielt Prof. Bernhard Vogel, deutscher Ministerpräsident a.D., in dem er die Geschichte der Einigung von Europa kurz skizzierte, um das heutige, neue Nationalbewusstsein zu erklären. Als ehemaliger Politiker konnte er dem Publikum nahelegen, dass Parteien sich zurzeit nur darum bemühen, Wähler zu gewinnen, aber verfehlen ein Ziel zu setzen, das sie verfolgen können. Er hob ihre Notwendigkeit hervor und wies darauf hin, dass die wichtigen und unerlässlichen Entscheidungen in Deutschland zuerst bei der Bevölkerung auch auf keine Zustimmung gestoßen hätten. Bezüglich der Zukunft der Europäischen Union befürwortet er keinen Bundesstaat als solcher, sondern einen loseren Staatenbund und schloss seinen Vortrag mit den Worten: „Man muss nur Mut haben, die Schwierigkeiten zu lösen, schließlich haben wir früher auch schon Schwierigkeiten gelöst.”

Hartmut Koschyk MdB, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, nannte die für jede Nationalität bedeutende Begriffstrias: die Verbindung von Heimat, Identität und dem Glauben. In diesem Zusammenhang berichtete er über die Geschichte der verschiedenen Minderheiten in Europa, auch über die eingefrorenen ethnischen Konflikte in Jugoslawien, die nach der Wende wieder auftauten. Er betonte, dass, im Zusammenhang mit verschiedenen Nationalitäten, der Begriff „Toleranz” vermieden werde sollte, da er für Dulden und Ertragen stehe und eine innerliche Ablehnung andeutet. Stattdessen sollte „Akzeptanz” verwendet werden, die auch die Bereitschaft in der Gesellschaft fördert, sich selber nicht zu leugnen. Ferner schilderte er die Rolle Ungarns in Minderheitenfragen, weil dieses Land bedeutungsvolle Impulse für die anderen Länder und der Europäischen Union gegeben hat und immer noch gibt, vor allem was die Gesetzgebung und die Bildung betrifft. Die auf den Vortrag folgenden Anregungen der Studierenden der Andrássy Universität und der Universität Passau betrafen die nationalen Minderheiten in Deutschland und ihre fehlende Präsenz im Unterrichtsstoff, die Identität des Einzelnen, das Recht auf Heimat, sowie das Entstehen von neuen Minderheiten.

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Nach diesem umfassenden Überblick wurden die Themen auf die einzelnen Länder gerichtet. Zuerst berichtete Prof. Ferdinand Trauttmansdorff, österreichischer Botschafter a.D. in Prag, über die sechs gesetzlich anerkannten Volksgruppen in Österreich: Slowenen, Kroaten, Ungarn, Roma und Sinti, Tschechen und Slowaken. Prägend war der Jahre lang andauernde, sogenannte „Ortsnamen-Streit”. Nachdem neben den deutschen auch kroatische und ungarische Ortsschilder bei einigen Gemeinden angebracht worden waren, forderten die Angehörigen der slowenischen Minderheit dasselbe in der slowenischen Sprache und dies erreichten sie schließlich auch. Auf die studentische Frage bezüglich der Stereotypisierung in Österreich antwortete Prof. Trauttmansdorff, dass sie bei den gesetzlich anerkannten Volksgruppen eher weniger zu beobachten, jedoch eine steigende Tendenz des Antisemitismus zu sehen sei.

Danach folgte der Vortrag von Otto Heinek, dem Vorsitzenden der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen. Als Erstes zählte er die verschiedenen Bezeichnungen der deutschen Nationalität in Ungarn auf und verwies auf ihre Bedeutung für die Identität. Dann folgte eine Zusammenfassung der Geschichte der Ungarndeutschen, er griff den Gedanken von Hartmut Koschyk wieder auf, indem er die ungarischen Minderheitengesetze der 90er Jahre als positives Beispiel für die Nachbarländer einordnete. Otto Heinek betonte auch die Wichtigkeit der Bildung und nannte die niveauvollen Bildungszentren und Institutionen der Ungarndeutschen. Er berichtete über die steigende Zahl dieser Volksgruppe, über die Verschiebung der Schwerpunkte vom Land zur Hauptstadt, aber er äußerte auch seine Sorge bezüglich der Auswanderung. Auf die Anregungen der Studierenden sprach er über die Möglichkeit der jungen Ungarndeutschen, im Rahmen der Gemeinschaft Junger Ungarndeutschen und des Ausschusses für Jugend sich politisch zu engagieren.

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Anschließend machte Benjamin Józsa, Geschäftsführer des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien in Hermannstadt, das Publikum mit der deutschen Nationalität in Rumänien vertraut, indem er als Einstieg drei persönliche Geschichten erzählte, die sich auf das Angehören zu einer Minderheit bezogen. Er beschrieb die Situation und Optionen der Deutschen in Rumänien, die während des Sozialismus gute Gelegenheiten hatten an einer deutschsprachigen Bildung teilzunehmen und den Wissenstransfer zwischen Deutschland und Rumänien, der mittlerweile einseitig geworden ist. Des Weiteren stellte er die Lage der Volksgruppen in diesem Land als ein friedliches Nebeneinander-, und kein Untereinandersein dar, und hob hervor, dass man Europa nicht aufbauen, nur gestalten müsste. Als Antwort auf die Frage bezüglich der Auswanderung sprach Benjamin Józsa schließlich über die Revitalisierungstendenzen, also darüber, wie in Deutschland unter anderem im Fernsehen darum geworben wird, dass Migranten nach Rumänien zurückkehren.

Diese europaweite Darstellung der Lage der Minderheiten mit dem Einbezug der Studierenden trug dazu bei, dass das Publikum nicht nur mehr von diesem Thema erfuhr, sondern es sich auch damit kritisch auseinandersetzte, seine Erfahrungen auf das Gehörte reflektierte und somit sehr vieles von dieser Konferenz mit auf den Weg nahm.

Aliz Horváth

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