Denkmaleinweihung in Hajosch

Quelle: Zentrum

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„Verbundenheit mit der Urheimat, Treue zur neuen Heimat
und ein tiefer Glaube”

„Enge Verbundenheit mit der Urheimat Deutschland, Treue zu der neuen Heimat Ungarn und ein tiefer Glaube an Gott”- so beschrieb Otto Heinek, Vorsitzender der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen die Hajoscher in seiner Rede, als er am 2. November 2016 das Denkmal zur Erinnerung an die Opfer der Verschleppung in der schwäbischen Gemeinde einweihte.

Das Denkmal, das einfache, weiße Bildstöcklein, zu dem ein Steinweg mit Eisenbahnschienen führt, soll daran erinnern, worüber man jahrzehntelang nicht sprechen durfte, und woran sich heute nur noch wenige Zeitzeugen erinnern können. Es soll daran erinnern, dass unschuldige Menschen beschuldigt wurden, sie seien Kriegsverbrecher, nur weil sie Deutsche waren, und deswegen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt worden sind.

Die Grausamkeit des Lagerlebens und die Unmenschlichkeit des Systems, das unzählige Menschen zu Tode arbeiten ließ, hat Erzsébet Menczer, die Vorsitzende der Organisation der in der Sowjetunion gewesenen ehemaligen ungarischen Gefangenen und Zwangsarbeiter in Erinnerung gerufen, als sie zusammen mit Herrn Heinek das Verschleppungsdenkmal enthüllte.

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Hajosch war in besonderem Maße von der Verschleppung zum „malenkij robot“ betroffen. Man schätzt die Zahl der Hajoscher „Russlandgefangenen“ auf 600, darunter viele Frauen, die ihre kleinen Kinder zu Hause lassen mussten. Man dürfe diese Tragödie nicht vergessen, und müsse diese Geschichten von Generation zu Generation weitergeben, damit so etwas nie wieder passieren kann – betonte in seiner Rede Gábor Bányai, Parlamentsabgeordneter und Ehrenbürger von Hajosch.

Das von dem örtlichen Pfarrer Attila Vincze eingesegnete Denkmal steht vor dem Rathaus. Da musste man sich nämlich vor 72 Jahren melden, und man durfte dann nicht mehr nach Hause gehen. Der Weg führte nach Kiskunhalas, und dann mit der Eisenbahn in die Sowjetunion zur „kleinen Arbeit“. Das symbolisieren die Schienen, die in die weite Ferne zeigen, und für viele Gefangenen die Fahrt in den Tod bedeuteten.

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Es gab aber – Gott sei Dank – auch solche, die auch die Rückfahrt erleben durften. Wie haben sie den Hunger, die Kälte, die harte Arbeit überleben können? Was hat sie am Leben erhalten?

Sie wollten einfach nach Hause, zu ihrer Familie, sie hofften und beteten. Sie hofften, dass der liebe Gott ihnen in ihrer Not beisteht. Die Hajoscher setzten ihre Hoffnung in besonderer Weise auch auf die barmherzige Muttergottes, deren Statue ihre Ahnen von der Urheimat mitgebracht haben. Die Maria von Hajosch – so heißt sie im Lied – hat ihr Gebet so oft schon erhört, und wie ein leuchtender Stern zeigte sie auch im Lager von Russland den Weg, der nach Hause führt. Deswegen ist in der Nische des Denkmals eine Kopie der Original-Muttergottes-Statue als Symbol der Hoffnung, die man nie aufgeben darf, und der Liebe, die nie aufhört.

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Das Denkmal, das die Hajoscher Deutsche Nationalitätenselbstverwaltung anlässlich des Gedenkjahres der in die Sowjetunion verschleppten politischen Gefangenen und Zwangsarbeiter – dank einer Bewerbungsmöglichkeit – im Einverständnis mit der Hajoscher Stadtleitung stellen ließ, soll an die Opfer erinnern und die Nachkommen ermahnen. Wie ein Seufzer der Verschleppten steht an der Denkmaltafel geschrieben:

„Unser Leben, die schönsten Jahre für die Sünden anderer gegeben,

Barmherzige Mutter Gottes, Maria von Hajosch, bitte für uns ewiglich.“

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Die Geschichte der Verschleppten soll in allen die Überzeugung stärken, dass man auch in den schwersten Zeiten überleben kann, wenn man mit Gottes Hilfe die Hoffnung nicht aufgibt.

Im Sinne der Andacht, sowie der Herausbildung einer korrekten Erinnerungskultur verlief der ganze Tag vor der Denkmaleinweihung in Hajosch.

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Am Vormittag hielten im Barock-Schloss namhafte Historiker Vorträge über das tragische Schicksal der Ungarndeutschen nach dem zweiten Weltkrieg. Csaba Hajagos, Museologe von Kecskemét, skizzierte auf Grund von Zeitzeugeninterviews bzw. von schriftlichen Quellen die Verschleppungsgeschichte von Hajosch. Gleichzeitig war sein Vortrag die Ankündigung eines Buches über das Schicksal der Hajoscher schwäbischen Bauern 1938-1954, an dem er zusammen mit Zsuzsanna Bereznai und Maria Schön arbeitet. Dr. Eszter Zsófia Tóth schilderte die speziellen und besonders tragischen Züge der Frauenschicksale im GULAG. Dr. Ágnes Tóth, Leiterin des Stiftungslehrstuhls Deutsche Geschichte und Kultur in Fünfkirchen, hielt einen Vortrag mit dem Titel „Integration in der Theorie – Diskrimination in der Praxis. Die Deutschen in Ungarn zwischen 1948 und 1956“. Dr. János Mayer behandelte einige Fragen der Integration der aus der Batschka stammenden schwäbischen Kriegsgefangenen und zur Zwangsarbeit Verschleppten in Westdeutschland. Dr. Michael Prosser-Schell, Professor der Universität Freiburg im Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie und Mitarbeiter des Institutes für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa stellte an einigen Beispielen aus den Materialien und Erhebungen im IVDE Freiburg dar, wie die Internierten versuchten mit Hilfe von gemeinschaftlichen kulturellen und religiösen Aktivitäten Menschen zu bleiben unter unmenschlichen Bedingungen. Die Fragestellungen und Bemerkungen der Anwesenden waren der Beweis dafür, dass es bisher noch nicht gelungen ist, das Thema vollständig aufzuarbeiten.

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Am Nachmittag las der Pfarrer Matthias Schindler zum Gedenken an die nach Russland Verschleppten und an alle Verstorbenen die deutschsprachige Heilige Messe in der katholischen Kirche. Und die vor 300 Jahren vom Bussenberg mitgebrachte „Maria von Hajosch“ schaute vom Hauptaltar auf sie herab…

T. Szauter

Fotos: Robert Ginál

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