Vertrieben – verschleppt – überwacht

Quelle: Zentrum

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Im Rahmen der Zentrum-Programme im HdU stand am 22. Februar ein bislang noch mangelhaft untersuchtes geschichtliches Thema im Fokus, welches die Ungarndeutschen wesentlich betrifft. Dr. Kathi Gajdos-Frank PhD, seit 2011 Direktorin des Jakob Bleyer Heimatmuseums, untersuchte in ihrer Doktorarbeit an der Andrássy Gyula Deutschsprachige Universität die gegen die Ungarndeutschen gerichtete Tätigkeit der von Anfang an kommunistisch beherrschten Staatssicherheitsdienste. Ihre Ergebnisse stellte sie in einem sehr interessanten Vortrag vor.
IMGP1257 Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Ungarndeutschen zum Malenkij Robot betroffen, es wurden 60000 ungarische Staatsbürger deutscher Abstammung zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt, von denen nur 40% überlebten. Im Frühjahr 1945 fing es mit ihrer Enteignung und am 19. Januar 1946 mit der Vertreibung der Ungarndeutschen an. Frau Gajdos-Frank findet dieses Thema einerseits interessant, andererseits ist es für sie auch  persönlich wichtig, weil ihre väterlicherseits aus Wudersch, mütterlicherseits aus Schorokschar stammenden Großeltern ebenfalls von diesem Leid betroffen waren.

Die Sowjetisierung Ungarns begann unmittelbar nach dem Krieg, die Provisorische Regierung wurde schon am 22. Dezember in Debrecen unter der Obhut von Molotov aufgestellt, der Leiter der Staatspolizei war schon damals Gábor Péter. Es ist auch bemerkenswert, dass die Kommunistische Partei trotz der ziemlich schwachen Wahlergebnissen vom 17% gegen das 57% der Kleinlandwirtenpartei im Februar 1945 nur 30 Tausend, im Oktober 1945 schon 500 Tausend Mitglieder hatte.
IMGP1254 Der Staatssicherheitsdienst wurde auch sehr schnell ausgebaut, PRO – „Abteilung Politische Polizei” wurde schon im Februar unter der Leitung von Gábor Péter in Budapest aufgestellt, ab April 1945 war Woroschilow Vorstandsvorsitzender der Alliierten Kontrollkommission und übte somit die Vollmacht über der ungarischen Regierung aus, so hatten die Sowjets schon damals die Vollmacht im Hintergrund gehabt, was auch im Prozeß der Veränderungen der Staatssicherheitsdienste nachvollziehbar ist. Die 1946 noch von László Rajk geleitete Staatsschutzabteilung der Ungarischen Staatspolizei (ÁVO), wurde im September 1948 zur Staatsschutzbehörde des Innenministeriums (ÁVH) unter der Leitung des Innenministers János Kádár umstrukturiert und wurde im Dezember 1949 schließlich zur Staatsschutzbehörde (ÁVH) und unter die unmittelbare Aufsicht und Lenkung von Mátyás Rákosi und Mihály Farkas gestellt.

IMGP1263 Ein wesentlicher Teil der Forschung über die Tätigkeit dieser Behörden bestand darin, dass die Forscherin die Akten und Dossiers im Archiv der Staatssicherheitsdienste untersuchte. Aufgrund dieser Forschungen erwies sich, dass Ungarndeutsche aus den verschiedensten Gründen „aktenkundig” geworden sind. Es gibt zwei größere Kategorien: 1. Antidemokratische Aussagen, „verdächtige” Ansichten, „Spionage” oder „schwäbische Attentäter”, 2. „Faschistische” Vergangenheit.

Zu der ersten gehörte zum Beispiel der Fall „V-6597, Agitation gegen die Demokratie, J. Ebinger 1948”, wobei es in der Wirklichkeit nur darum ging, dass der Verdächtigte die Ohren von Mátyás Rákosi beschimpfte, oder der Fall V-5775 „A. Harbeit und seine Gefährten” aus dem Jahre 1947, als die aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft entlassenen Soldaten im Zug Richtung Baje über den Krieg redeten, und behaupteten, dass die Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion schlimmer gewesen wäre, als die in der von den Amerikanern besetzten Zone. A. Harbeit und seine Freunde wurden zu 10 Monate Haft verurteilt.

Im Fall „V-77669 A. Stumpf und seine Gefährten” im Jahre 1948 ging es um die Moorer „Attentäter”, die das sowjetische Denkmal zu sprengen versuchten. Den fünf jungen Männern gelang es nur einen 90×30 cm großen Teil aus dem Denkmal zu sprengen. Zwei Personen wurden jedoch sofort zum Tode verurteilt, zwei wurden wegen Minderjährigkeit interniert und einer wurde einfach freigelassen, weil er gute Beziehungen zu den Kommunisten hatte.

IMG_5817 Zur zweiten Kategorie gehörten unter anderem Personen, die zum Beispiel Volksdeutsche waren (sich bei der Volkszählung im Jahre 1941 als Deutsche registrieren ließen), oder vom Waffen-SS  rekrutiert oder zwangsrekrutiert wurden, in der sowjetische Gefangenschaft waren, aus der sowjetischen Gefangenschaft zurückkamen, oder nach Tiszalök oder Kazincbarcika interniert wurden.

Zu dieser Kategorie gehört auch die Untersuchungs-Dossier V-67810, von G. Richter aus den Jahren 1950-53. Georg Richter wurde aus Nadwar zwangsrekrutiert und im Februar 1945 von den Sowjets festgenommen und in die Sowjetunion verschleppt. Im Jahre 1950 wurde er freigelassen, aber von den Kommunisten in Ungarn gleich in Kazincbarcika einfach wegen seiner Herkunft interniert. Erst im Oktober 1953 wurde er freigelassen.
Herr Richter lebt heute in Ulm, seine Zeit als Gefangener schilderte er bei einem Vortrag in Gerlingen. Aus diesem Material, das die grausamen Umstände genauestens schildert, las auch Dr. Gajdos-Frank Teile vor. Die Internierten in Ungarn wurden nicht nur körperlich, sondern auch seelisch gefoltert.

Es wurden auch weitere Kategorien der Überwachten im Vortrag erwähnt. Anhand einer Meldung eines Grenzoffiziers wurde auch die Kategorie Wegen bestimmter „Verbrechen” gegen die „Demokratie” vorgestellt. Dabei ging es um über die Grenze zu Österreich zurückgeflohene Flüchtlinge, die dann als „SS-Banden” bezeichnet wurden. Ein anderes Beispiel zeigt, dass wegen Flucht aus der Truppeneinheit im Juli 1950 eine ganze Familie überwacht wurde. Die Eltern wurden auch verhört, nachdem der in Mundart verfasste Brief an den anderen Sohn in Wien hatte nicht übersetzt werden können. Letztlich konnte die ganze Familie nach der Revolution von 1956 flüchten.
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Manche Menschen wurden nur wegen ihrer ungarndeutschen Abstammung überwacht. Sie galten als „Fremdkörper” in der homogenen Gesellschaft, aber auch ganze Dörfer wurden beobachtet. Die Einwohner von Dörfern an der jugoslawischen Grenze waren auch potenzielle Feinde des Systems. Ungarndeutsche Bauern wurden als Kulaken stigmatisiert und in die Genossenschaften gedrängt.

Erwähnt wurden auch die „Mitarbeiter im Agentennetz”. Die Agenten hatten meistens eine mangelhafte Ausbildung und beherrschten keine Fremdsprachenkenntnisse. Auch Mitarbeiter ungarndeutscher Herkunft gab es, sie wurden in vielen Fällen zwangsrekrutiert, meistens brauchte man sie wegen ihrer Sprachkenntnisse in Deutsch oder Mundart. Es gab auch Vorfälle, wo sie nach einem Auftrag ins Westen, sich absetzten.

IMGP1287 Anhand der Untersuchungen stellte die Forscherin fest, dass es ein Unterschied bei der Überwachung von Staatsbürgern ungarischer Herkunft und der der Ungarndeutschen gab, und dass es in der Kategorie Verbrechen gegen die Demokratie die ungarndeutschen Täter strenger bestraft wurden.

Dr. Kathi Gajdos-Frank fasste ihre Forschungsergebnisse aus der Dissertation im Buch Megfigyelve – Az Állambiztonsági Szolgálatok jelentései a magyarországi németekről 1945 és 1956 között /Überwacht – Die Ungarndeutschen und die Staatssicherheitsdienste 1945-1956/ (Budaörs, 2016) zusammen. Es erschien in ungarischer Sprache mit einer deutschsprachigen Zusammenfassung.

IMG_5820 Es wurde auch die Frage gestellt, ob Ungarndeutsche auch nach 1956 überwacht worden seien. Überwachungen sollen laut Kathi Gajdos-Frank bestimmt auch in den 1960-70er Jahren, schon wegen der westdeutschen und ungarndeutschen Beziehungen geben haben. Aus den Reihen des Publikums meldeten sich auch Personen, die ihre eigenen Geschichten erzählten.

Dieses Thema ist ohne Frage ein sehr wichtiger Forschungsgegenstand, und es soll noch darüber viel gesprochen werden, was auch bei dem Empfang anhand der weiteren Diskussionen seitens des Publikums erwies.

Nándor Frei

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