Ein kleine Arbeit, die mehrere Jahre dauerte

Quelle: Zentrum

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Im Rahmen des Gulag-Gedenkjahres wurden zahlreiche Projekte und Gedenkveranstaltungen organisiert, Bücher herausgegeben, Forschungen durchgeführt, Filme sowie Filmdokumentationen gedreht. Infolgedessen begann auch eine gewisse Mängelbearbeitung Dank der auch die mit dem Malenkij Robot zusammenhängende Leidensgeschichte der Ungarndeutschen im 20. Jahrhundert dokumentiert wurde. Die Budapester Filmpremiere des Dokumentarfilms Kicsi munkán a Kaukázusban (Auf kleiner Arbeit im Kaukasus) im Haus der Ungarndeutschen erweckte großes Interesse. Auch dass es bei Zentrum-Programme im HdU am 12. März wieder volles Haus gab beweist, wie wichtig die Verarbeitung der Vergangenheit und die Antwortsuche auf bestimmte Fragen sind.

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Der Nationalitätenverein der Ungarndeutschen in Fünfkirchen – Branau (Deutscher Kreis) organisierte im August 2016 eine Forschungsreise ins Kaukasusgebiet. Historiker und Betroffene bereisten Orte in Tschetschenien, Aserbaidschan und Georgien, wohin auch unzählige Ungarndeutsche zwischen 1944-49 zum Malenkij Robot verschleppt wurden.
Das Hauptmotiv des Dokumentarfilms Auf kleiner Arbeit im Kaukasus ist das Vorstellen solcher Arbeitslager, Hospitale und Friedhöfe, wo die Zwangsarbeiter und Internierten litten beziehungsweise viele ihre letze Ruhe fanden.
Die Gruppe reiste mehr als 10.000 Kilometer. Um  besser zu verstehen, wie das System der Arbeitslager aufgebaut war, kommen im Film das Thema erforschende Historiker zu Wort, Daten und Dokumente werden aufgeführt. Stalin hatte schon vor dem Ausbruch des Krieges das System der Zwangsarbeitslager für Kriegsgefangenen und Internierten begonnen aufzubauen. Infolge der Kriegsschäden in der Sowjetunion entstand eine enorme Arbeitskräftemangel. Darum wurden aus den von der Roten Armee besetzten Gebieten, nicht nur Kriegsgefangenen, sondern auch Menschen aus der Zivilbevölkerung massenweise in die sogenannte GUPVI Lager geschleppt, wobei oft nur die Zahl der Personen maßgebend war. Ohne ein Urteil zu erhalten mussten die Gefangenen mehrere Jahre als Zwangsarbeiter leiden. Aus dem Gebiet des historischen Großungarns kamen etwa 300.000 Menschen in Gefangenschaft. Aus dem Karpatenvorland, aus Siebenbürgen, Oberungarn und aus der Vojvodina wurden Menschen wegen ihrer ungarischen Herkunft weggeschleppt. Etwa 130.000 Personen, Männer zwischen 16-45 Jahren und Frauen zwischen 18-30 Jahren wurden alleine vom Gebiet des heutigen Ungarns verschleppt. Etwa die Hälfte der Deportierten wurden wegen ihrer deutschen Herkunft zur sogenannten Malenkij Robot gezwungen. Da die meisten Männer noch als Soldaten an der Front waren oder als Gefangenen auf ihre Befreiung warteten, wurden überwiegend Frauen gefangen genommen. Die meisten ungarischen Gefangenen wurden ins Donjezbecken, nach Kasachstan oder ins Gebiet des Kaukasus transportiert. Wegen der schlechten Umstände, der mangelnden Ernährung und verschiedenen Krankheiten starben sehr viele und wurden in Massengräber beerdigt.

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Anhand der Erinnerungen, der Aussagen der Betroffenen und der in verschiedenen Ortschaften gedrehten Bilder des Filmes tauchte öfters auf, dass die Erneuerung und Pflege der Gräber und Gedenkstätten dem deutschen Staat und verschiedenen deutschen Zivilorganisationen zu verdanken sei. Das Erhalten und die Pflege dieser Grabstätten ist deswegen wichtig, weil dort nicht nur deutsche, sondern auch ungarische Gefangenen ruhen.
Die Gefangenen hatten in verschiedenen Ortschaften Häuser, Straßen, Eisenbahnlinien gebaut, in Bergwerken, Fabriken und in der Landwirtschaft gearbeitet. Viele von diesen Häuser stehen auch heute noch.

An der Filmvorführung war auch Róbert Berghoffer anwesend. Er war 19 Jahre alt, als er in den Ural nach Baschkirien verschleppt wurde. Später wurde das ganze Lager nach Ureki am Ufer des Schwarzen Meeres umgesiedelt. Mit ihm und mit Ilona Rozsnyai, der Regisseurin und Redakteurin des Filmes, führte Zentrum-Direktorin Monika Ambach ein Gespräch.

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Ilona Rozsnyai erzählte, was für ein erschütterndes Erlebnis es für sie war im Oktober 2015 in Serbien an einem Massengrab – wo 9.000 Donauschwaben ruhen – zu drehen. Danach stoß sie auf den Begriff Malenkij Robot und seitdem beteiligt sie sich aktiv an der Arbeit des Deutschen Kreises in Fünfkirchen. Bald danach, während des Gulag-Gedenkjahres 2015/16 gelang es dem Kreis das Projekt Lagerlinie (Lágerjárat) zu starten, in dessen Rahmen ein zeitgetreuer Rinderwagon, in dem einst die Gefangenen transportiert wurden, auf verschiedenen Bahnhöfen Ungarns ausgestellt wurde. Ihr Anliegen war damit auch Jugendliche anzusprechen, da ein ausgestellter Gegenstand wesentlich zur visuellen Imagination beitragen kann. Dabei kamen sie auf die Idee des Filmes, deren Vorbereitungen mehr als ein Jahr lang dauerten. Während der Dreharbeiten erhielten sie viel Hilfe von den örtlichen Bewohner, ihre Arbeit wurde auch dadurch erleichtert, dass sie als Diplomatengruppe reisten. Ilona Rozsnyai würdigte die Tätigkeit der Mitarbeiter der deutschen Kriegsgräberfürsorge, die Pflege der Grabstätten, die in den bestimmten Ortschaften von den Ortsbewohnern übernommen und die Aufgabe vom Vater auf Sohn weitergegeben wird.

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Róbert Berghoffer wurde mit seinem Cousin im Winter 1944 aus Rákoscsaba von russischen Soldaten zum Malenkij Robot gebracht. Sie mussten den Weg nach Ceglédbercel zu Fuß zurücklegen, wo die Insassen des Lagers Nr. 1852 gesammelt wurden. Seine Gefangennahme und Einwagonierung erfolgte auch schnell und unerwartet. 50 Menschen wurden in einem ungeheizten Wagon gepfercht. Die Reise war mehr als unmenschlich, die Lebensmittel waren knapp und von schlechter Qualität. Um ihren Durst zu stillen, sammelten sie Schnee. Die Reise dauerte mehr als 2-2,5 Monate. Im Lager in Baschkirien hatten sie fast keinen Kontakt zu der örtlichen Bevölkerung. Es war enorm kalt, 1.200 Personen wurden in einem Raum untergebracht, in dem es nur einen einzigen Ofen gab. Es überraschte sie, dass ihre Wächter Wolgadeutsche Soldatinnen waren, von denen die Gefangenen, die über Deutschkenntnisse verfügten, Informationen erhalten konnten. Sie wurden ihren Fähigkeiten nach in Kompanien unterteilt, ein jeder dieser hatte einen Brigadeführer und einen Dolmetscher. Sie mussten vorwiegend Bauarbeiten verrichten.

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In Georgien hatten sie schon bessere Umstände – sie durften sich frei bewegen, hatten sogar eine Kapelle, die auch die örtlichen Bewohner anhören durften. Sie erhielten auch eine bescheidene Bezahlung, wovon sie Fisch kaufen konnten. Fliehen durfte man natürlich nicht, wer es aber versuchte, wurde strengstens bestraft.

Monika Ambach sprach auch József Kampfl in den Reihen des Publikums an, dessen Vater in Tbilisi ein Gefangener war. Laut József Kampfl hat sein Vater offen und viel über das Erlittene erzählt. Er hatte vor mit seinem Vater in den 1980er Jahren zum Lager zu fahren, leider ist aber sein Plan damals gescheitert. Deswegen war es ihm sehr wichtig an der Reise des Deutschen Kreises teilzunehmen und würdig zu gedenken.

Die Direktorin stellte Róbert Berghoffer zum Schluss die Frage, wie es sich anfühlte die Nachricht zu erhalten, wieder nach Hause fahren zu dürfen. Er hatte während der Zeit der Gefangenschaft nur zweimal gehofft, dass er nach Hause fahren kann. Das erste Mal in Baschkirien, wo es aber nur um den Umzug nach Georgien ging. Beim zweiten Mal ging es wirklich um die Heimreise, wobei sich die Gefangenen etwas Unbeschreibliches fühlten.

Die Erinnerungen des heute 94 Jahre alten Róbert Berghoffers schwinden nicht, er erzählt offen über alle Momente der damaligen dunklen Zeiten. Genau deshalb ist das von ihm geschriebene Buch Tabu lesenswert, wie auch der Dokumentarfilm Kicsi munkán a Kaukázusban sehr sehenswert ist.

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