Wenn Menschen zusammenhalten

Quelle: Zentrum

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Im Zusammenhang mit der Stadt Mohatsch/Mohács fällt uns meistens die größte militärische Niederlage Ungarns gegen die Türken im Mittelalter und der 2009 von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe ernannte, in immer weiteren Gegenden bekannte Volksbrauch, der Buschomaskenaufzug (busójárás). Die Stadt hat aber noch mehr anzubieten, wie es sich im Rahmen der ersten Veranstaltung der 6. Saison der Programmreihe Zentrum-Programme im HdU am 12. September herausstellte.

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Zentrum-Direktorin Monika Ambach widmete die Veranstaltung Otto Heinek, dem am 20. August verstorbenen Vorsitzenden der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen. Er unterstützte es auch sehr, dass diese alten Getreidesäcke im Haus der Ungarndeutschen ausgestellt werden. Nach der rührenden Einleitung begrüßte die Direktorin die Mitwirkenden des Abends, den Mühlenbesitzer Norbert M. Bugarszki, Richárd Illés, den Mitglied der Mohatscher Deutschen Nationalitätenselbstverwaltung und Balázs Kiss, einen Schüler der von DNSV gegründeten Harmonikaschule.

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Der Besitzer der Sankt-Nikolaus-Wassermühle schilderte den Wiederaufbau und das heutige Wirken der Mühle in einer sehr fesselnden Geschichte und hielt einen sehr unterhaltsamen Vortrag über die ausgestellten Säcke.
Einst existierten am Csele-Bach 24 Wassermühlen, heute ist seine die letzte erhalten gebliebene. Beim Kauf der aus dem 14. Jahrhundert stammenden Mühlenruine im Jahre 2008 haben er und seine Familie noch garnicht damit gerechnet, dass er diese wieder aufbauen würde. Sein Ziel war nur die Ruinen zu erhalten.

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Nach dem Zweiten Weltkrieg und infolge der Enteignung und Vertreibung der wohlhabenden ungarndeutschen Landwirte fuhr keiner mehr in die Mühle, um seine Getreide zu mahlen, so begann sie zu verfallen. Sie wurde 1951 verstaatlicht, und obwohl sie unter Denkmalschutz steht, hatte sich der Zustand des Gebäudes so drastisch verschlechtert, dass 2008 fast nur noch die Ruinen der Wände standen. Die Konservierungsarbeiten wandelten sich schnell in den Wiederaufbau der Mühle um, als es immer mehr Leute aus der unmittelbaren und weiteren Umgebung ihre Hilfe anboten. Die Familie Bugarszki hatten zwar keine Bindung zu der Mühle und auch kein Fachwissen, wie so eine Mühle wieder hergerichtet werden könnte. Viele Menschen aus der Gegend hatten aber gute Erinnerungen an sie gepflegt, manche spielten hier als Kinder, der Großvater von jemandem verbrachte da seine Gesellenjahre, ein Anderer hatte dort den ersten Kuss bekommen. Der Eine spendete Baumaterialien, der Andere brachte seine Baumaschinen oder half mit seinem Fachwissen oder arbeitete beim Bau mit. Das Gebäude der Mühle wurde innerhalb von einem Jahr völlig neugebaut. Die im nächsten Jahr gefertigten Maschinen loben die Arbeit Siebenbürgischer Meister. Somit wurde Ungarn um eine wieder funktionierende Wassermühle bereichert. Die funktionierende Mühle wurde danach auch mit einer von menschlicher Kraft betriebenen, weltweit einzig existierenden Tretmühle ergänzt. Norbert M. Bugarszki hob noch hervor, dass der ganze Neubau ohne Hilfe von staatlichen oder EU-Fördergeldern erfolgte, das ganze Projekt ist eigentlich nur der enormen menschlichen Hilfsbereitschaft und dem Zusammenhalt zu verdanken.

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Damit endet die Geschichte aber noch gar nicht. Kurz nach dem Wiederaufbau der Gebäude erhielt Herr Bugarszki einen Getreidesack, den er an die Wand als Textilschmuck hängte. Damit löste er einen unaufhaltbaren Spende- und Sammelprozess aus. Dank dessen zählt die Sammlung um die 600 Exemplare an Säcken. Ihm bedeutet dies nicht nur die Erweiterung der Sammlung sondern auch ewiges Lernen. Er veranschaulichte anhand verschiedener, im Veranstaltungsraum ausgestellter Säcken sehr ausführlich, dass ein Sack nicht nur ein Gegenstand ist, sondern auch die Geschichte, Kultur und Lebenseinstellung von mehreren Generationen symbolisieren kann. Die Mehlsäcke, die genau 60 Kilogramm Weizen enthalten konnten, hatten eigentlich die für das Leben unentbehrliche Ernährungsquelle für die Familie beinhaltet. Die sorgfältige schwäbische Präzision zeigt sich auch an der Stärke und Haltbarkeit des Stoffes, da ein Sack seinen Besitzer sogar 60 Jahre lang dienen konnte, und so dicht gewebt wurde, dass nicht mal Wasser aus ihm herausfließen kann. Auf mehrere Säcke wurde nicht nur der Name des Besitzers, sein Wohnort und eventuell seine Hausnummer zierlich gemalt, sondern manche erhielten auch eine besondere Dekoration mit zusätzlicher symbolischer Bedeutung, wie ein Kleeblatt, eine Krone oder einen biblischen Palmenzweig. Da der Sack seinem Besitzer mehrere Jahrzehnte hindurch dienen konnte, können auch manche historische Veränderungen, wie die Auswirkung der Namensmagyarisierungen anhand der darauf gemalten Namen gefolgt werden. Ein gutes Beispiel für schwäbische Sparsamkeit ist der Sack, an dem ein Flicken mit einem anderen überdeckt wurde. Der Sack mit dem Aufschrift Schrempf Ferencz H.Töttös W 200 M beweist, dass viele Säcke auch persönliche Geschichten haben. Während eines Vortrags in der Mühle stellte sich nämlich heraus, dass die Buchstaben „WM” das Monogramm der Mutters einer bis zu Tränen bewegten alten Frau aus dem Publikum war. Von ihrem in Fünfkirchen/Pécs lebenden Bruder erhielt der Mühlenbesitzer den Sack.

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Auf der Webseite der Mühle kann man noch weitere Informationen über die Besichtigungsmöglichkeiten des Gebäudes erhalten. Die Quellenorte der Säcke werden auch auf einer Landkarte angezeigt. Die Daten aller Säcke werden in einer regelmäßig aktualisierten Datenbank gespeichert. Die Besichtigung der Mühle ist interaktiv, die Besucher werden aufgefordert, die Geräte auszuprobieren. Norbert M. Bugarszki lenkte die Aufmerksamkeit auch auf den Sack des serbischen Sackbesitzers János Cselinacz. Die verschiedenen Nationalitäten hatten eine positive Auswirkung aufeinander, diese ist auch an diesen Sack zu sehen. Der unterscheidet sich – abgesehen von dem darauf gemalten Namen – gar nicht von den anderen, präzise gefertigten schwäbischen Getreidesäcken.

Aus dem Vortrag von Richárd Illés, dem Mitglied der Deutschen Nationalitätenselbstverwaltung von Mohatsch, war festzustellen, dass die Nationalitäten auch heute einen positiven Einfluss in der Stadt aufeinander haben. Er erzählte die Geschichte der örtlichen deutschen Nationalität und hob hervor, dass das Ziel der Selbstverwaltung sei, dass auch die Mohatscher Ungarndeutschen als Gemeinschaft am Leben der Stadt aktiv teilnehmen. Die Stadt war bislang eher für die Schokatzentraditionen und Tamburamusik berühmt.

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Aus den hier angesiedelten Ungarndeutschen wurden vorwiegend Gastwirte, Gewerbetreibende und Fischer, um den 20. Jahrhundert bildeten sie schon eine fast völlig assimilierte Volksgruppe in der Stadt. Fast bis zur Gegenwart hatten sie kein bemerkenswertes, aktives gemeinschaftliches kulturelles Leben geführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es für die aus den umherliegenden Dörfern in die Stadt ziehenden Schwaben fast unmöglich, zu einer einheitlichen Gemeinschaft zusammenzuschmieden. Zwar zählt die Stadt anhand der Daten der letzten Volkszählung weniger Kroaten (Schokatzen) als Deutschen, jedoch bilden die ersteren eine stärkere, aktivere Nationalitätengemeinschaft, als die Deutschen. Die Deutsche Selbstverwaltung nahm diese Tatsache als Inspiration und organisiert seit 2017 neben den vielen kleineren Veranstaltungen das Donauländische Fischfestival. Das sehr populär gewordene, im Juli stattfindende Festival ist nicht nur ein Fest, wo Fisch gekocht wird, es wurde letztlich – nach des berühmten Buschomaskenaufzugs – zur zweitgrößten Veranstaltung der Stadt. Da Mohatsch genau an der Mitte der um die 3000 Kilometer langen Donau liegt, versuchten die Organisatoren das Festival auf einer internationalen Ebene umzusetzen, so können die Besucher die Kulturen und Fischgerichte von verschiedenen Völkern entlang der Donau kennenlernen. Nicht nur Gastronomie, Musik und Tanzkultur bereichern die Palette, die in der Umgebung liegenden schwäbischen Dörfer haben hier auch eine Möglichkeit, ihr Handwerk oder Gerichte vorzustellen. An Sonntagen vor dem Festival werden die sogenannten Fisch am Sonntag Veranstaltungen gehalten, wo man als Vorbereitung für das Fischfestival die verschiedenen Methoden der Fischverarbeitung und die Zubereitung von verschiedenen Fischgerichten kennenlernen kann. Unter den weiteren, kleineren aber auch sehr populären Veranstaltungen der Selbstverwaltung befinden sich der Schwäbische Straßenball, der Schwäbisch-kroatische Ball, die Emsigen Hände oder das Schweineschlachten, bei denen eigentlich die Interaktion, die aktive Mitwirkung der Gäste zählt. Mit solchen Events hat die Selbstverwaltung das Ziel, eine aktive Gemeinschaft zu bilden. Um die Leute zu erreichen, wird auch auf den sozialen Medien viel Wert gelegt.

Balázs Kiss, Schüler der Harmonikaschule der Mohatscher DNSV, fand den Aufruf der Selbstverwaltung bezüglich der Harmonikaschule auch im Internet. Er meldete sich ohne musikalische Vorkenntnisse an, und nach zwei Jahren erreichte er das hohe Niveau, das auch das Publikum miterleben konnte.
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Beim Betrachten der Ausstellung und der verschiedenen Publikationen der Stadt bekamen die Gäste Sehnsucht, einmal nach Mohatsch zu reisen. In die Stadt, wo – wenn man das Brot als Beispiel nimmt – Menschen wie Norbert M. Bugarszki und Richárd Illés die örtliche Gemeinschaft wie Sauerteig zusammenhalten.

Nándor Frei

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Die Ausstellung ist bis zum Jahresende zu besichtigen. Um vorherige Anmeldung wird gebeten (info@zentrum.hu, +36-1-373-0933).

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Organisiert vom:
Ungarndeutsches Kultur- und Informationszentrum und Bibliothek

Förderer der Veranstaltung:
Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen
Ministerium für Humanressourcen (NEMZ-KUL-18-0398)

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