„Mir waren immer die Interessen meiner Nationalität am wichtigsten”

Quelle: LdU

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Interview mit dem ungarndeutschen Parlamentsabgeordneten
Emmerich Ritter

Nach vier Jahren Dienst als Parlamentssprecher setzt sich Emmerich Ritter seit den Parlamentswahlen 2018 als Abgeordneter für die Interessen der Ungarndeutschen ein. Sein Mandat erhielt er als Spitzenkandidat der Landesliste der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen. Wir unterhielten uns mit ihm über Herkunft, Familie, Hobby und Arbeit.

5.

Über die Kindheit

“Geboren wurde ich in Wudersch, in einer fast rein ungarndeutschen Gemeinde, wo viele – so auch zum Beispiel meine Großeltern – nicht einmal ungarisch konnten, aber dies hatten sie auch kaum nötig. Den friedlichen Alltag ruinierten 1946 die Schicksalsschläge, die das ganze Ungarndeutschtum trafen: 80% der Bevölkerung meines Heimatortes wurde nach Deutschland vertrieben. Auch unsere Familie blieb von all dem nicht verschont: 29 von den 34 Cousinen bzw. Cousins meiner Mutter und noch viele Verwandte mussten ihre Heimat verlassen. Auch meine Eltern saßen schon im Wagon, meine Mutter war aber gefährdet schwanger. Eine junge Ärztin sagte jedoch – großes Risiko eingehend –, dass unter solchen Umständen nicht einmal Tiere transportiert werden dürften. Letztendlich blieben sie. Bis sie aber zu Hause angekommen waren, zogen Fremde in ihr Haus. Es war Januar, und sie mussten im Stall wohnen. Mit uns, Kindern haben unsere Eltern lange nicht über die Vertreibung diskutiert, wir wussten aber natürlich, dass es sich um etwas ganz Schlimmes handelt. All dies erklärt meine Motivation, mich in diesem Bereich einzusetzen.”

Über Studien und Hobby

“Meine beiden älteren Geschwister studierten Wirtschaftswissenschaften. Da auch ich Mathematik gernhatte, entschied auch ich mich für eine ökonomische Mittelschulbildung, und anschließend für ein Ökonomiestudium. Neben dem Lernen habe ich Fußball gespielt, und zwar in der Zentralen Sportschule, deren Gründer teilweise herausragende Sportlehrer aus Wudersch waren. Nach der Uni habe ich der 3. und 2. Nationalliga, sowie im Sportklub des Budapester Verkehrsbetriebs BKV gespielt. Währenddessen habe ich an der Eötvös das Fach Mathe absolviert. Derzeit kam ich mit dem Kleinfeldfußball in Kontakt. Durch unseren Verein namens Aramis wurde in Ungarn der Hallenfußball, sowie auch die Budapester Meisterschaft in dieser Disziplin etabliert. An mehr als 60 von den 100 Spielen der ungarischen Futsal-Auswahlmannschaft war ich der Verbandskapitän. Wir bereisten die Welt, von Rio de Janeiro bis nach Novi Uregonj, von Brasilien bis nach Sibirien. Aramis ist bis heute die einzige Mannschaft, die seit der Etablierung von Futsal durchgehend in der höchsten Klasse spielte, und sogar eine eigene Sporthalle baute.”

2.

Über freiwilliges Engagement für die deutsche Nationalität

“Es ist dem Zufall zu verdanken, dass ich in diese Szene hineingeraten bin. 1994 fragte mich meine Schwester, die durch ihren Mann, der aus einer Etyeker deutschen Familie stammt, in diese Sache bereits involviert war, ob ich sie zu einer Besprechung in Wudersch bezüglich der Nationalitätenwahlen begleiten würde. Vorhin war ich eigentlich nur mit meiner Arbeit und mit Fußball beschäftigt. Dies bedeutete aber gleichzeitig auch, dass ich keinen Ärger mit den Dorfbewohnern hatte – darum, und wegen dem Namen ”Ritter” wurde ich dann schließlich zum Vorsitzenden der Wuderscher Deutschen Selbstverwaltung gewählt. Sehr engagiert machten wir uns mit dieser Körperschaft an die Arbeit, und nach einer gewissen Zeit stand ich dann vor der Wahl: entweder die deutsche Selbstverwaltung, oder der Fußball. Schließlich fasste ich den Entschluss, Aramis zu behalten und den Verein finanziell auch weiterhin zu unterstützen, an den Trainings jedoch nicht mehr teilzunehmen. Mit der Zeit haben wir ÉMNÖSZ, den Verband der Deutschen Selbstverwaltungen der Region Nord gegründet, ich wurde der Vorsitzende, und ab der zweiten Wahlperiode war ich auch Mitglied der Vollversammlung der Landesselbstverwaltung. Von den sieben Tagen der Woche habe ich sechs durchgearbeitet, indem ich mich an drei bis vier Tagen ganz gewiss mit den Angelegenheiten meiner Nationalität befasst habe. Mit ÉMNÖSZ gingen wir anhand einer gut überlegten Strategie vor, und es ist uns gelungen, sowohl vor Ort, als auch in der Region schöne Ergebnisse zu erzielen: Die Jahrzehnte hindurch zerstörte Kultur der Ungarndeutschen erwachte allmählich, die Menschen begannen, sich für die Sache zu interessieren, wir starteten verschiedene Wettbewerbe für Kinder, gründeten Chöre, Tanzgruppen und Kapellen, und vernetzten Ortschaften und Menschen mit einander. Eine meiner Herzensangelegenheiten war, den alten Friedhof von Wudersch zu retten: Wir haben etwa 1300 Grabsteine renoviert und dadurch verhindert, dass an jenem Ort ein Wohnhaus oder eine Tiefgarage erbaut wird.”

Über die Familie

“Ich muss über zwei Familien erzählen. Ich bin ein konservativ gesinnter Mensch und hätte deshalb nie gedacht, dass ich mich einmal scheiden lasse und eine zweite Ehe haben werde. Das Leben ist aber nun mal so. Meine erste Ehefrau hatte keine Bindung zum Ungarndeutschtum, und sie war auch nicht religiös. Man sagt zwar, dass die Liebe alles besiegt, aber die diesbezüglichen Uneinigkeiten brachten Probleme bei der Erziehung unserer Kinder mit sich. Ich muss auch gestehen, dass ich damals auch ganz viel Fußball spielte und 3-4 Monate im Jahr unterwegs war. Aus meiner ersten Ehe habe ich zwei erwachsene Töchter und ein Enkelkind. Der Wandel in meinem Privatleben erfolgte, als ich Bürgermeister von Wurdersch werden wollte – nicht, weil ich irgendwelche politischen Ambitionen hatte, sondern einfach, weil ich im Interesse unserer Nationalität die Änderung unbedingt für nötig hielt –, es aber nicht geworden bin. Es kam eine schwere Phase in meinem Leben. Und wenn es einem ganz schlecht geht, kommt ganz unerwartet etwas Gutes: Zu dieser Zeit lernte ich Vera kennen. Sie stammt aus Wudersch und vertritt dieselben Werte. Wir haben eine neue Familie gegründet, innerhalb von fünf Jahren haben wir drei Kinder bekommen, mit denen wir nur deutsch sprechen. Mein Büro ist nur hundert Meter von meiner Wohnung entfernt, jahrelang haben wir jeden Tag zusammen gefrühstückt und zu Mittag gehalten, und ich war jeden Abend bei ihren Betten, als sie einschliefen. Diese Jahre waren einfach traumhaft. Ich war unheimlich stolz auf meine drei Kinder, als sie dieses Jahr im Wuderscher Passionsspiel mitgewirkt haben.”

1.

Über die Zeitspanne zwischen 2014 und 2018 als Parlamentssprecher

„Bei den Parlamentswahlen 2014 war es gar keine Frage, dass wir unseren damaligen LdU-Vorsitzenden, Otto Heinek in das Hohe Haus als Abgeordneten entsenden möchten. Als es sich aber allmählich herauskristallisierte, dass wir statt einen Abgeordneten nur einen Sprecher haben werden, tauchte ein Problem auf: Wer Vorsitzender war, durfte nicht den Posten des Parlamentssprechers bekleiden. Und da hat man mich gefragt. Niemand von uns wusste, welche Aufgaben mit dieser Rolle verbunden sind, dennoch fasste ich den Entschluss, den Schritt zu wagen und den Posten zu übernehmen. Ich fühlte mich kompetent: Einerseits, weil ich mich lange Jahre sehr engagiert für die Angelegenheiten meiner Nationalität einsetzte, andererseits, weil ich aus den Plänkeleien in der Vergangenheit sehr viel lernen konnte. Ich musste zwar meine Existenz aufgeben, aber es war mir klar: Wenn wir jetzt nichts unternehmen, können wir ‚den Laden dichtmachen‘. Ich möchte zwei wichtige Errungenschaften aus der Zeitspanne 2014-2018 hervorheben. Die eine ist die Schaffung von Konsens zwischen den Nationalitäten Ungarns. Derzeit konnten wir nämlich nur als Ausschuss (Parlamentsausschuss der Nationalitäten Ungarns) auftreten, darum war es im Sinne des Erfolgs unheimlich wichtig, frühere Konflikte beiseite zu legen und den bestmöglichen Kontakt zwischen den 13 Nationalitäten – vor allem aber zwischen den Parlamentssprechern und den Vorsitzenden der Landesselbstverwaltungen – herzustellen. Dies haben auch alle begriffen, und obwohl es natürlich auch weiterhin Diskussionen gegeben hat, konnten und können wir immer einen Kompromiss finden. Das zweite wichtige Ergebnis ist meines Erachtens, dass es uns durch regelmäßige Abstimmungen mit den Oppositions-, und anschließend auch mit den Regierungsparteien gelungen ist, zu erreichen, dass die Angelegenheiten der Nationalitäten kein Thema des politischen Geplänkels sind. Als Resultat dessen gibt es bezüglich der Angelegenheiten der Nationalitäten immer einstimmige Parlamentsentscheidungen. Dies ist – finde ich – besonders wichtig, denn in einer Demokratie kommt es natürlicherweise immer wieder zu politischen Änderungen, und daher kann es gut vorkommen, dass der eine oder andere Politiker, der das Gefühl hat, dass in der vergangenen Wahlperiode bestimmte Angelegenheiten im Sinne einer anderen politischen Einstellung geregelt wurden, für uns wichtige Entscheidungen annulliert. Unsere Aufgabe ist, vor allem die Rahmen, Gesetzen und Möglichkeiten zu behandeln, die die Interessen der Nationalitäten landesweit betreffen. Die Vorschläge, die wir unterbreiten, beruhen in der Regel auf einer engen Zusammenarbeit mit Experten der jeweiligen Bereiche, den endgültigen Beschluss fasst aber immer die Politik. Meine Aufgabe hierbei ist, eine Art Vermittler zu sein, der selbstverständlich in gewissem Maße in den Themen bewandert sein muss. Über die Lösung von wirtschaftlichen Fragen hinaus nahm ich jahrelang von der Herausgabe von Büchern über den Bau von Kapellen bis hin zur Herausgabe von Noten für Blaskapellen an ganz vielen Projekten teil, und all daraus erwarb ich sehr viele Erfahrung. Das ist ein interessantes Spiel, das strategisches Denken erfordert.“

Als Parlamentsabgeordneter

„Zwischen den Möglichkeiten eines Sprechers und eines Abgeordneten gibt es gewaltige Unterschiede. Ich selber hätte es nie gedacht, dass diese so groß sind! Als Abgeordneter, als Vorsitzender des Nationalitätenausschusses, als Mitglied des Haushalts- und des Hauptausschusses werde ich ernst genommen, ein jeder spricht mit mir auf Augenhöhe. Meine Rolle ist übrigens eine ganz spezielle – der Fall ‚Erster unter den Gleichen‘: Ich bin nämlich von Parteien unabhängig und vertrete eine Nationalität, und gelte deshalb in manchen Fällen als begünstigt. Ich glaube, das ist für uns eine riesige Chance. Natürlich sind mit dem Stimmrecht auch gewisse Schwierigkeiten verbunden, die wir allmählich gemeinsam klären müssen. Jedenfalls konnte die deutsche Gemeinschaft darum ein Abgeordnetenmandat erzielen, weil wir trotz unserer unterschiedlichen politischen Ansichten und Meinungen dazu fähig waren, uns auf die Angelegenheiten und Interessen unserer Nationalität zu konzentrieren.“

Über die Gewichtigkeit des Stimmrechts

„Bereits vor etwa anderthalb Jahren befasste ich mich sehr intensiv mit der strategischen Frage, wie ich von meinem Stimmrecht Gebrauch machen werde. Mit ganz vielen Leuten diskutierte ich auch darüber. Im Sommer des vergangenen Jahres formulierten wir schließlich das diesbezügliche Grundprinzip: Wenn wir die Nationalitätenpolitik der jeweiligen Regierung für korrekt halten, werde ich in allen weiteren Angelegenheiten im Sinne der Regierung stimmen. Wenn jedoch die Nationalitätenpolitik der Regierung nicht unseren finanziellen und sonstigen Erwartungen entspricht, zwingt uns die Regierung selber, in die Opposition zu treten. Dies haben wir übrigens auch vor der LdU-Vollversammlung artikuliert. Damit die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen und ihre Organisationen nicht gezwungen werden, wegen die Gesellschaft teilende Angelegenheiten Entscheidungen zu treffen, die unsere ungarndeutsche Gemeinschaft spalten, muss ich bei den Abstimmungen von dem täglichen politischen Geplänkel frei vorgehen. Wenn es bezüglich der ominösen Stop-Soros-Sache und der Verfassungsänderung – die die Nationalitäten übrigens gar nicht betreffen – begründete Gegenargumente gegeben hätte, mich anders zu verhalten, hätte ich eine Ausnahme gemacht. Niemand hatte sich aber gemeldet.“

Über die Fidesz-Mitgliedschaft

„Noch vor den Parlamentswahlen habe ich meine Parteimitgliedschaft suspendiert, und unlängst trat ich aus Fidesz aus, obwohl die Mitgliedschaft für mich auch bislang nicht von Bedeutung war. Ich bin natürlich immer noch konservativ gesinnt, gläubig, und daran wird sich auch nichts ändern, nichtdestotrotz konnte und kann ich mit Menschen mit anderen politischen Einstellungen zusammenarbeiten. Ich wollte übrigens nie irgendeiner Partei beitreten. Ich trat damals nur darum Fidesz bei, weil die Partei ausschließlich Mitglieder als Bürgermeisterkandidaten antreten ließ. Dies bedeutete aber auch schon damals nicht, dass ich immer mit allem einverstanden war. Mir waren immer die Interessen meiner Nationalität am wichtigsten. Es kam auch schon früher mehrere Male vor, dass ich jene Ansichten von Fidesz, die die Interessen der Nationalitäten verletzten, auch öffentlich kritisierte. Man wollte mich sogar von der Partei ausschließen. Ich bin zwar der Meinung, dass es zwischen der Suspension der Parteimitgliedschaft und dem Austreten keinen wesentlichen Unterschied gibt, bin ich nun auch formell ausgetreten, um auch dadurch zu demonstrieren: für mich ist meine ungarndeutsche Identität das einzig wichtige Maß.“

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