„Mein Grundprinzip lautet: in ein System, von dem man profitiert, muss man auch investieren”

Quelle: LdU
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Interview mit Miklós Egri,
dem neuen Vorsitzenden des Kuratoriums der Trägerstiftung
des Ungarndeutschen Bildungszentrums

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Seit etwa einem halben Jahr wird die Trägerstiftung des Ungarndeutschen Bildungszentrums Baja von Miklós Egri geleitet. Der für den Geschäftszweig der strategischen Projekte der Verbraucherdienstleistungen zuständige Direktor der Ungarischen Öl- und Gasaktiengesellschaft MOL absolvierte selber das Gymnasium dieser Bildungseinrichtung. Seinen dort erworbenen Sprachkenntnissen, der dort kennen gelernten deutschen Gemeinschaft, sowie der modernen und offenen Gesinnung habe er unheimlich viel zu verdanken. Die LdU unterhielt sich mit ihm über seine Bindung zur Schule und der ungarndeutschen Gemeinschaft, über Karriere und Pläne.

Wo wurzelt denn Ihre Bindung zum Ungarndeutschen Bildungszentrum?

Diese Bindung geht auf meinen 14. Lebensjahr zurück: Ich stand gerade vor der Schulwahl, als ich mit dem Leo-Frankel-Gymnasium, dem Rechtsvorgänger des Ungarndeutschen Bildungszentrums das allererste Mal in Kontakt kam. Ich lebte damals in Budapest, darum wollte ich in erster Linie in ein englisch-ungarisches zweisprachiges Gymnasium gehen. In diese hauptstädtische Schule wurde ich aber nicht aufgenommen, wohl aber in das Gymnasium in Baja, wo ich mich aber gar nicht angemeldet habe. Ich kam in den nullten Jahrgang, wo wir ein Jahr lang fast ausschließlich Deutschstunden hatten, damit wir die zu dem zweisprachigen Fachunterricht nötigen Sprachkenntnisse erwerben. In unserer Familie konnte übrigens niemand Deutsch, damals hätte ich das „ß” sicherlich mit dem Buchstaben „B” verwechselt. Ich habe jedoch ungarndeutsche Vorfahren: Mein Großvater war der Müller im Branauer Dorf Felsőmindszent, die Sprache, die sich meine Mutter zuerst aneignete, war die deutsche. Auch unsere deutsche Familie blieb von den Schicksalsschlägen nach dem zweiten Weltkrieg nicht verschont. Da aber mein Großvater dank seinem Beruf sehr wohlhabend war und deshalb zahlreiche Kontakte einsetzen konnte, ist es ihm gelungen, den Namen der Familie von der Liste der zu Vertreibenden löschen zu lassen. Von da an hat er aber jedes deutsche Wort in der Familie verboten. Damals hat er jedoch nicht geahnt, dass schon bald die Kommunisten kommen, die ihn als Beispiel vorhalten werden, und dass er schließlich nach einem Kulaken-Prozess gedemütigt und zugrunde gerichtet wird. Sein Entkommen war unglaublich: Der Richter, der in diesem Prozess das Urteil fällte, war früher Notar in der Gegend, dem mein Großvater nach dem Krieg geholfen hat, und der sich damals für das Getreide und das Mehl, das er von meinem Opa bekommen hatte, weinend bedankte. Nach der Gerichtsverhandlung wandte sich dieser Richter an meinen Großvater und riet ihm, sofort zum Bahnhof zu gehen und zu verschwinden, weil er ihm ein zweites Mal bestimmt nicht helfen könne. So kam die Familie nach Budapest. Dies alles habe ich erst als Gymnasiast erfahren. Seltsam also, dass ich durch eine zufällige Schulwahl zu meinen deutschen Wurzeln zurückgefunden habe.

Was haben Sie von diesem Gymnasium bekommen, was sich im Späteren – während Ihrer Studien und in Ihrer Arbeit – als nützlich erwiesen hat, und was Sie anderswo sicherlich nicht hätten erlangen können?

Ganz viel – und das fällt mir auch praktisch jeden Tag ein! Einerseits die fundierten Sprachkenntnisse. Hierfür darf ich nur ein einziges Beispiel nennen: Nach meinem Studium bin ich nach München gezogen, wo ich schließlich 13 Jahre verbracht habe. Dortige Kollegen haben sich anerkennend über meine Deutschkenntnisse, und vor allem über meine gewandte Ausdrucksweise geäußert – obwohl ich an der Schule längst nicht zu den Besten in Deutsch gehörte. Andererseits möchte ich die sensationelle gemeinschaftsbildende Kraft des Gymnasiums hervorheben, und drittens meine Bindung zur ungarndeutschen Kultur – vor allem durch den Volkstanz. Theresia Szauter, die jetzige Hauptdirektorin der Bildungseinrichtung war neu im Lehrerberuf, als ich dieses Gymnasium besuchte. Eines Tages kam sie in unsere Klasse, guckte uns streng an und fragte, welcher Junge von uns der Volkstanzgruppe beitreten „möchte”. Bei so einer Motivation trauten wir uns natürlich nicht, Nein zu sagen. Fünf Jahre lang war ich schließlich Mitglied des Ensembles. Auch dem habe ich sehr viel zu verdanken, und seitdem lebe ich nach dem Motto: „Work hard, party hard!”.

Welchen Weg haben Sie nach dem Abitur eingeschlagen?

Meine Studien habe ich in Fünfkirchen, an der ökonomischen Fakultät der Universität begonnen. Zwei Semenster lang habe ich meinen Mitstudenten Deutschstunden erteilt, um ihnen zu den zum Diplom nötigen Sprachprüfungen zu verhelfen. Ich habe auch deutschsprachige Ökonomiestudien absolviert und deutsche Fachsprachprüfung abgelegt. Zwischenzeitlich habe ich ein Zusatzstudium an der juristischen Fakultät angetreten, und anschließend folgte eine einjährige Studienreise in den Vereinigten Staaten, wo ich an einer Privatuniversität ein MBA-Diplom erworben habe. Dort bewarb ich mich ‘mal um einen Studentenjob. Mit der diesbezüglichen Organisation befasste sich ein Kollege, der ursprünglich aus Deutschland kam. Plötzlich entdeckte er in meinem Lebenslauf einen Eintrag darüber, dass ich ein Sommerpraktikum bei der Beschaffungsabteilung von Siemens in München absolviert habe. Er wechselte sofort auf Deutsch, und ich bekam sofort die bestmögliche Stelle. Ich hatte also auch noch in den USA einen bedeutenden Vorteil von meinen in Baja erworbenen Sprachkenntnissen. Nach dem Studium in Amerika wurde mir ein tatsächlicher Job bei Siemens angeboten, so arbeitete ich ab 2001 13 Jahre lang in Deutschland, wo ich auch eingebürgert wurde. Die Spitze erreichte ich, als ich in einem der vier Managerteams eines sechstausend Arbeitnehmer beschäftigenden internen Dienstleistungszentrums für die strategischen Projekte zuständig war: Ich beschäftigte mich damit, dass ich Tätigkeiten, die in unser Geschäftsprofil passten, in Länder verlegt habe, wo die Lohnkosten niedriger waren.

Wohin ging es dann weiter?

Dann kam Ungarn. Nach 14 Jahren Aufenthalt im Ausland musste ich eine schwerwiegende Entscheidung treffen – damals aber schon mit meiner Familie zusammen –, und zwar, ob ich meine bereits reife Karriere aufgebe und es zu Hause versuche. Wir hatten natürlich sehr viele Freunde und Bekannte zu Hause, aber am beruflichen Alltag in Ungarn war ich bis dahin noch nie beteiligt. Vor gut fünf Jahren begann für mich also ein völlig neuer Lebensabschnitt. Nach einem dreiviertel Jahr bei der Ungarischen Entwicklungsbank habe ich schließlich den Posten des für Corporate Services zuständigen Direktors von MOL erhalten.

Scheint es eine richtige Entscheidung gewesen zu sein, nach Hause zu ziehen?

Ja! Einerseits, weil hier das Wetter viel schöner ist. Dies mag vielleicht unwichtig sein, aber wenn man beispielsweise in München lebt, wo es sehr oft regnet und trüb ist, kennt man die negativen Wirkungen dessen. Andererseits kann ich nun meine Freunde – mit denen wir alles dort fortgesetzt haben, wo wir vor 14 Jahren aufgehört haben – viel häufiger treffen. Die Entscheidung fiel mir sicherlich darum nicht leicht, weil es praktisch darum ging, ob wir mit meiner Familie nach Hause ziehen oder für immer im Ausland bleiben. Ich war aber der Ansicht, dann kommen zu müssen, wenn man gerufen wird. Meine langjährigen Erfahrungen auf globalem Gebiet galten vor fünf Jahren als ganz besondere, somit konnte ich mir sicher sein, in Ungarn verhältnismäßig viel bessere Möglichkeiten zu bekommen, als in Deutschland. Denn die Kenntnisse und die Arbeitskultur, die sich derjenige angeeignet hat, der aus dem Ausland zurückkehrte, bedeuten für unsere Gesellschaft eine längerfristige Stärkung. Ich betrachte die Welt einfach aus einer ganz anderen Perspektive. Und diese Chancen möchte ich auch meiner Tochter geben, darum spreche ich mit ihr seit ihrer Geburt nur auf Deutsch. Daraus resultiert, dass sie diese Sprache perfekt beherrscht und momentan eine österreichische Schule besucht.

Sie haben einen überaus verantwortungsvollen Job. Woher kommt dennoch die Motivation, zuerst die Mitgliedschaft, und schließlich auch den Vorsitz im Kuratorium der UBZ-Trägerstiftung zu übernehmen?

Mit dem Kuratorium kam ich kurz nach unserer Heimkehr in Kontakt. Ich habe von Frau Szauter eine Einladung zum Schwabenball der Schule bekommen, und erst an dieser Veranstaltung ist es mit klar geworden, dass ich praktisch in eine „Falle” gelockt wurde. Im Kuratorium der Stiftung ist nämlich derzeit ein Platz frei geworden, und der damalige Vorsitzende wollte jemanden haben, der sich gerne, motiviert, agil und innovativ für die ungarndeutsche Gemeinschaft und die Bildungseinrichtung selbst einsetzt. „Zufälligerweise” haben wir gerade beim Tisch des Vorsitzenden Platz bekommen. Mein Vorgänger, Attila Csontos erläuterte mir die mit der Kuratoriumsmitgliedschaft verbundenen Aufgaben. Das müsste gehen – dachte ich mir. Wie bereits betont, habe ich nämlich dieser Schule enorm viel zu verdanken. Mein Grundprinzip ist: in ein System, von dem man profitiert, muss man auch investieren, damit dieses System nachhaltig funktionieren kann. So bin ich also Mitglied des Kuratoriums geworden.

Seitdem sind einige Jahre vergangen, und seit Ende 2018 sind Sie nun der Vorsitzende dieses Gremiums.

Genau. Attila, das Kuratorium selbst, und auch die Leitung der Institution waren der Meinung, dass im Interesse der Bildungseinrichtung, sowie im Sinne der Erneuerung eine neue Leitung nötig wäre. Man suchte nach einer Person, die über gewisse Erfahrungen als Leiter hat, die gut deutsch kann, in beiden Kulturen bewandert, jung und dynamisch ist, und auch einen Überblick über diese mächtige Institution hat. Mir wurde quasi eine bereits entschiedene Frage gestellt, aber um ehrlich zu sein, habe ich nicht lange gezögert. Moralisch hatte ich einfach keine andere Wahl, als diese Aufgaben zu übernehmen. Ich hatte drei Leitgedanken: Erstens, dass ich an dieser Schule gelernt habe, und mich darum verpflichtet fühle, mich dafür einzusetzen. Zweitens bin ich der Meinung, dass die deutsche die erfolgreichste Nationalität Ungarns ist, und das ist etwas, worauf wir aufzupassen, was wir weiterzuführen haben. Dies funktioniert einzig und allein mithilfe eines guten Bildungssystems. Die Kinder und Jugendlichen, die im UBZ aufwachsen, werden ihre souveränen Ansichten über die Welt haben, werden tolerant sein, werden sich für ihre Umgebung engagieren, und werden eine feste Bindung an die ungarndeutsche Gemeinschaft haben. Drittens bin ich als Wirtschaftsfachmann der Meinung, dass Ungarn – gerade wegen seiner Geschichte – ein Land ist, das der deutschen Kultur sehr nahesteht. Eben deshalb haben sich bei uns auch relativ viele deutsche Firmen niedergelassen. Ein Investor fühlt sich viel angenehmer, wenn er sich mit seinen Fachleuten in seiner Muttersprache unterhalten kann; und wenn er Arbeitnehmer aus Deutschland holt, stehen deren Familien in Ungarn deutsche Bildungseinrichtungen zur Verfügung. Kurzum: unsere Stiftung hat eine nationalwirtschaftliche Relevanz.

Kann man – seitdem Sie der Vorsitzende sind – über eine neue Ära der Trägerstiftung sprechen?

Ich schätze die Tätigkeit meines Vorgängers, wie auch die der früheren Schulleitung, die die jetzige Struktur ausgebaut hat, hoch. Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, alles, was momentan gut und erfolgreich funktioniert, langfristig beizubehalten. Dies klingt aufs Erste ganz plausibel, doch das ist es nicht! Es wird Tag für Tag sehr hart dafür gearbeitet, dass all unsere Schülerinnen und Schüler die bestmögliche Bildung erteilt bekommen, damit sie im Leben möglichst weit kommen. Darüber hinaus wird Jahr für Jahr hart dafür gekämpft, kompetente Schüler zu bekommen. Unsere Aufgabe liegt also darin, die nötige Reklame zu sichern, damit viele über die bisherigen Ergebnisse des UBZ-s erfahren, wir wollen nämlich die begabtesten Kinder haben, und deren Kompetenzen weiter verbessern. Das Ungarndeutschtum verfügt sowohl kulturell, als auch wirtschaftlich über ein großes Potential, und mein Anliegen ist, darüber landesweit zu berichten. Diesbezüglich pflege ich zu sagen: Es ist super, wenn man Gutes tut; doch viel besser ist, wenn man darüber auch noch spricht; aber am besten ist es, wenn andere darüber sprechen!

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