Ein Theaterstück als Enttabuisierung der Vergangenheit

Quelle: Zentrum

Möchten Sie über ähnliche Themen erfahren?
Drücken auch Sie ein Like auf die –> Zentrum Facebook-Seite

Die Tragödie der Verschleppung zur Malenkij Robot und die Vertreibung der Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutete die kollektive Bestrafung einer ganzen Volksgruppe. Zur Malenkij Robot wurden um die 200.000 Menschen verschleppt, darunter gab es mindestens 60.000 Ungarndeutsche. Die Vertreibung erlitten um die 170.000 Ungarndeutschen. Man kann behaupten, dass es kaum eine ungarndeutsche Familie gab, die nicht von einer dieser Schicksalsschläge betroffen war. Diese enorme Zahlen sind kaum zu begreifen, die Geschehnisse können vielleicht durch die Untersuchung von Einzelschicksalen viel besser verstanden werden. Nach der Wende erfolgte auch in Ungarn eine breitere historische und literarische Aufarbeitung der dieser Geschehnisse, dramaturgische Bearbeitungen sind aber viel weniger bekannt.

1 (1)

Anknüpfend zum nationalen Gedenktag der Vertreibung und Verschleppung der Ungarndeutschen (am 19. Januar) entschied das Ungarndeutsche Kultur- und Informationszentrum und Bibliothek, dass die Reihe Zentrum-Programme im HdU in diesem Jahr mit einer besonderen theatralischen Lesung beginnt. Am 22. Januar wurde das Stück mit dem Titel Ich habe hier nichts mehr zu suchen! von Robert Balogh aufgeführt, das vor allem wegen seiner besonderen Vortragsform außergewöhnlich ist. Im Stück spielte Andreas Kosek den heimkehrenden Vertriebenen, Ildikó Frank die alte schwäbische Frau und Zoltán Ágoston den Ehemann. Die Monologe der drei Personen bilden die ganze Handlung des Stückes.

7_20200122_181326_HDR

Ein vertriebener Ungarndeutscher kehrt nach 51 Jahren in sein Heimatdorf zurück, wo gerade die von vertriebenen Ungarndeutschen spendierte neue Glocke geweiht wird. Statt der lauten Veranstaltung entscheidet er sich aber letztendlich für einen Spaziergang zum Friedhof, um die Gräber seiner Ahnen aufzusuchen. Danach führen ihn seine Füße automatisch „nach Hause”. Besser gesagt zum Haus, aus dem er vertrieben wurde. Und dort öffnet ihm seine Jugendliebe die Tür.

10_20200122_191137

Aus der Perspektive der Erzählenden entfalten sich auch die Geschehnisse der Verschleppung zur Malenkij Robot und der Vertreibung nach Deutschland, die der Flucht zurück nach Ungarn und das Weiterleben sowohl im alten, als auch in der neuen Heimat. Die bislang nicht ausgesprochenen Gedanken des in die BRD Vertriebenen kommen auch zum Vorschein, wie kritisch und ironisch er über das jetzige Heimatdorf und dessen Bewohner, ja sogar über seine eigene Vergangenheit denkt. Die innerlichsten Gedanken des Ehemannes und jetzigen Hausbesitzers, der in der Vergangenheit bei der Vertreibung der Schwaben aktiv mitwirkte, werden auch durch Monologen enthüllt.

A bejegyzés megtekintése az Instagramon

„Ich habe hier nichts mehr zu suchen!“ – Aufführung des Stückes über Vertreibung und Wiederkehr von Robert Balogh. Wir waren begeistert! Es spielten: Andreas Kosek, Ildiko Frank und Zoltán Ágoston. #theater #zentrum #zentrumhu #zentrumprogrammeimhdu

Zentrum (@zentrumhu) által megosztott bejegyzés,

 

Die Veranstaltung im Haus der Ungarndeutschen war aber nicht nur wegen der außergewöhnlichen Aufführung besonders. In dem von Zentrum-Direktorin Monika Ambach moderierten anschließenden Gespräch kam neben den Mitwirkenden auch der ungarndeutsche Autor des Stückes, Robert Balogh, zu Wort. Die literarische Tätigkeit des 1972 in Fünfkirchen geborenen Schriftstellers begann 1993. Mit ungarndeutschen Themen sind unter Anderem die Werke Schvab evangiliom (2001), Schvab legendariom (2004) und Schvab diariom (2007) erschienen. Wie in der Trilogie, so kommt seine enttabuisierenden Offenheit auch in diesem Theaterstück stark zum Ausdruck. Während des Gesprächs sprach der Schriftsteller auch darüber, dass was ihm als Kind im Dorf seiner Großeltern merkwürdig vorkam oder sogar fremd wirkte, später in das Fokus seiner Interessen geriet. Er notierte viele Geschichten seiner Familie, die – wie auch für dieses Theaterstück – oftmals als Grundlage für seine Werke dienen. Die Umsetzung des Textes vom Ungarischen ins Hochdeutsche lobt die Arbeit von Ildikó Frank und Andreas Kosek, die auch bald in der deutschen Zeitschrift Spiegelungen erscheinen wird.

9_IMGP0960

Um die Vergangenheit besser aufzuarbeiten, soll man auch Themen berühren, die vielleicht als Tabus gelten. Es ist keine Übertreibung, wenn man sagt, dass dieses Theaterstück ein würdiges Denkmal den ungarndeutschen Opfern der Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg stellt bzw. auch zur Versöhnung beitragen kann.

Nándor Frei

Fotos: Ludwig Grund

Fotogalerie >>>

〰〰〰〰〰

Förderer der Veranstaltung:
Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen
Ministerpräsidentenamt • Staatssekretariat für die Beziehungen zu den Kirchen und zu den Nationalitäten
Fondverwalter Gábor Bethlen
NEMZ-KUL-20-0474

Organisiert vom:
Ungarndeutsches Kultur- und Informationszentrum und Bibliothek

szponzorok_2019 (1)

Magyarwechsle die Sprache

Schlagwörter:

Zum Thema:

© 2004 - 2020 • Ungarndeutsches Kultur- und Informationszentrum, alle Rechte vorbehalten!
logo