Kinder von heute sind die Erwachsenen von morgen

Quelle: Zentrum

Möchten Sie über ähnliche Themen erfahren?
Drücken auch Sie ein Like auf die –> Zentrum Facebook-Seite

Der Kindertag ist zwar kein traditioneller Feiertag der Ungarndeutschen, er wird jedoch schon seit 70 Jahren in Ungarn jedes Jahr eigentlich in jeder Ecke des Landes gefeiert. Es ist sehr interessant, dass zum ersten Mal nicht ein westeuropäisches Land, sondern die Türkei einen Tag – der seitdem ununterbrochen und jedes Jahr am selben Tag gefeiert wird – für die Kinder einführte. Der Initiator war der Staatsgründer und „Vater der Republik” Mustafa Kemal Pascha. Es geschah vor 100 Jahren, als er dem 23. April zum ersten Mal unter dem Motto „Kinder von heute sind die Erwachsenen von morgen” den Kindern widmete.

ataturk

Die Gleichberechtigungsbewegungen für die Frauen vom 19. Jahrhundert sowie das Erschaffen der Kinderrechte und ihr Schutz waren auch im 20. Jahrhundert – sind aber auch bis zum heutigen Tag – aktuelle Themen. Es ist bemerkenswert, dass bei den Ungarndeutschen die Gleichberechtigung – was die Arbeitsteilung innerhalb der Familie anbelangt – etwas anderes bedeutete und sie auf die Ansiedlungszeiten zurückzuführen ist. Die Frauen verrichteten oft die gleiche Arbeit wie die Männer, und aus praktischen Gründen trugen auch die Männer Schürzen. Die Kinderkleidung war – vermutlich auch aus ähnlichen Gründen – bis zum Alter von 5-6 Jahren nicht geschlechtsspezifisch, so hatten auch die Knaben Röcke getragen.

fodijozsi_23_bt13

Es kann aber nicht behauptet werden, dass die Kinder damals „entrechtet“ gewesen wären. Ein guter Beweis, wie wichtig die schulische Bildung der Kinder für die Ungarndeutschen war, dass bereits 1780 73 Prozent der schulfähigen Kinder des Landes, die eine Schule besuchten, deutscher Abstammung waren. Neben dem Lernen in der Schule und der Arbeit auf den Feldern und um das Haus sollten sie aber auch entsprechende Freizeit zum Spielen und Singen gehabt haben. Das beweisen auch mehrere Bücher, in denen zahlreiche Kinderlieder, Kinderspiele, Reime und Sprüche aus dem 20. Jahrhundert, die in verschiedenen ungarndeutschen Ortschaften gesammelt worden sind, aufgezeichnet sind.

2008_13000171_10002814_svab_madonna_1943

Die aus den Kolonistenzeiten stammende Arbeitsmentalität war vom Vorteil, als die Arbeitskraft der Kinder und Frauen gebraucht wurde, während die Männer wegen Arbeitsaufenthalt im Ausland die nötigen Arbeiten zu Hause nicht verrichten konnten. So war es auch in den Jahren, als der „türkische Kindertagsverordner” Mustafa Kemal Atatürk in den 1920er Jahren die Hauptstadt Ankara unter anderem von Badesecker ungarndeutschen Maurern neubauen ließ. Zu den Zeiten der Weltwirtschaftskrise gab es in Ungarn auch wenig Arbeit, so waren sie nicht nur in der Türkei, sondern auch bei den Bauarbeiten des Palasts des persischen Schachs, aber auch in westlichen Teilen Europas tätig. Nur Wenige waren so glücklich, dass sie die Familie ins Empfangsland mitnehmen durften.

Weniger Zeit zum Spielen hatten die Kinder auch, als die Männer wegen Einrücken in den Krieg oder wegen der Kriegsgefangenschaft aus den Familien fehlten. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen brachten nicht nur vielen Erwachsenen, sondern auch für ungarndeutsche Kinder Schicksalsschläge, wie Verlust der Heimat, Familienmitglieder oder Verwandten, oder Verlust von Freunden und Spielkameraden. Als Folge des Vorschlags der Internationalen Demokratischen Frauenföderation hat man zuerst am 1. Juni 1950 in den damaligen sozialistischen Ländern der Internationale Kindertag begangen, so hatten die in Ungarn verbliebenen und die in die sowjetische Besatzungszone vertriebenen Kinder in der DDR diesen am gleichen Tag erlebt.

briefmarke

Obwohl in Ungarn ab 1953 dieser Tag immer auf den letzten Maisonntag fällt, feiert man diesen in den meisten ehemaligen sozialistischen Nachfolgestaaten immer noch am 1. Juni. Die Flüchtlingskinder in der BRD hatten vermutlich eine schönere Kindheit und eine bessere Zukunft, was zumindest die Auswirkungen des Wirtschaftswunders und der Möglichkeiten in der demokratischen Staatseinrichtung betrifft. UNICEF empfahl 1954 den 20. September als „Weltkindertag“, was von der ehemaligen BRD übernommen wurde, dieses aber lange Zeit keine wesentliche Rolle spielte. Seit der Wiedervereinigung feiert man in Deutschland den Kindertag zweimal, sowohl am 1. Juni wie auch am 20. September.

IMGP7488

Als Folge der Schicksalsschläge der Vertreibung wurden damals viele Ungarndeutsche aus verschiedenen Ortschaften über drei Länder verstreut. Die beiden deutschen Staaten wurden 1990 wiedervereinigt und 2004 wurde zum Glück auch Ungarn Mitglied der EU. Als Erbe haben die Kinder von gestern und ihre Kindeskinder drei unterschiedliche Tage zum Feiern, zum Glück wäre es dank der vereinten EU kein Problem, diese auch eventuell gemeinsam, nacheinander zu feiern.

Nándor Frei

Magyarwechsle die Sprache

Schlagwörter:

Zum Thema:

© 2004 - 2020 • Ungarndeutsches Kultur- und Informationszentrum, alle Rechte vorbehalten!
logo