Der Tag, an dem diesmal nicht nur die Pädagogen gefeiert werden

Quelle: Zentrum

Möchten Sie über ähnliche Themen erfahren?
Drücken auch Sie ein Like auf die –> Zentrum Facebook-Seite

Nach dem Kindertag am letzten Maisonntag dachten bestimmt viele Eltern schon daran, dass langsam das Schuljahr zu Ende geht, manchen fiel es vielleicht ein, dass sich auch der Tag der Pädagogen nähert. Wegen der Corona-Krise waren die letzten 3 Monaten des Schuljahres 2019/2020 nicht für die Kinder und Pädagogen, sondern vermutlich für die Eltern am schwierigsten zu meistern. Denn sie mussten neben dem Homeoffice auch als Pädagogen während des Homeschooling fungieren. Es ist kaum vorstellbar, wie es bei denen ablief, die nicht von Zuhause arbeiten durften.

8-format1001

Ohne effektive Zusammenarbeit mit den Pädagogen war das Lernen und Lehren höchstwahrscheinlich unmöglich, dazu fiel auch die ganztägige Betreuung der Kleineren den Eltern zu. Hoffentlich verlief dieses im Zeichen des gegenseitigen Verständnisses, der Geduld und Ausdauer. Man sollte also den Tag der Pädagogen, der dieses Jahr beinahe seit 70 Jahren in Ungarn gehalten wird, diesmal gemeinsam feiern.

Die Pädagogen werden in Ungarn schon seit 1952 auf Beschluss des Ministerialrates jährlich immer am ersten Junisonntag gefeiert. Zu diesem Anlass ist es üblich, dass die pädagogischen Leistungen mit unterschiedlichen Auszeichnungen anerkannt werden, aber die größte Anerkennung für sie ist und bleibt die Dankbarkeit der Kinder.

17003302_1040106_734cc39bc83e841a64114d78f90aa113_wm

Für die Ungarndeutschen war das Unterrichtswesen und die Bildung der Kinder schon seit der Ansiedlung wichtig. Nicht selten brachten die Kolonisten neben den eigenen Pfarrern auch den Lehrer aus der Urheimat mit, und waren bestrebt neben der Kirche auch das Schulgebäude so schnell wie möglich aufzubauen. Die Ratio-Educationis-Verordnung von Maria Theresia standardisierte 1777 das Schulwesen im Land und gewehrte der entsprechenden Bevölkerung der Siedlungen den Unterricht in der Muttersprache. Im Vergleich zu den anderen Völkern Ungarns besuchten die deutschen Bauernkinder in einer viel höheren Anzahl die Schulen. Die Sprachverordnung von Joseph II., als das Deutsche die neue Amtssprache wurde, erweckte in der ungarischen Nationalbewegung den Sprachnationalismus. Obwohl der aufgeklärte Herrscher die meisten seiner Gesetze – darunter auch die Sprachverordnung – kurz vor seinem Tod aufhob und die Amtssprache wieder Latein wurde, wurde in Ungarn infolge des Sprachnationalismus die allgemeine Amts- und auch die Unterrichtssprache ab 1844 das Ungarische. Die Periode des Neoabsolutismus nach der Revolution von 1848/49 brachte für die Ungarndeutschen im Bereich des Unterrichtswesens eine günstige Phase, denn die Magyarisierungsbestrebungen waren durch den Staatsapparat aufgehoben. 1851 besuchten in Ungarn – ohne Siebenbürgen – sowie auf den Territorien der Woiwodschaft, Kroatien und Slawonien 12,5 Prozent der Schüler Schulen mit deutschsprachigem Unterricht. Damals war der Anteil der Deutschen in der Gesamtbevölkerung 11,8 Prozent. In der Epoche des Dualismus (1867-1918) wurde die Magyarisierung des Unterrichts immer wichtiger. 1879 wurde zuerst in den Volksschulen, 1883 in den Mittelschulen und 1891 in den Kindergärten die ungarische Sprache als obligatorisches Unterrichtsfach eingeführt. Auch in der Ausbildung der Kindergärtnerinnen war ungarische Sprache und Literatur ein Pflichtfach.

375px-Ratio_Educationis_1777

Die Ausbildung von Kindergärtnerinnen und die Existenz der Kindergärten in Ungarn, aber auch im ganzen Kaiserreich geht auf die Tätigkeit von Gräfin Therese von Brunswick zurück. Die Familie Brunswick sollte ursprünglich aus Braunschweig (altdeutsch Brunsvic) stammen. Den ungarischen Grafenstand erhielten sie von den Habsburgern. Die Mutter, Elisabeth Freiin Wankel von Seeberg, war eine Hofdame am Wiener Hof. Die Taufpatin der Gräfin war 1775 höchstpersönlich Kaiserin Maria Theresia. Die Gräfin war eine vielseitige, begabte Persönlichkeit. Vom weltberühmten Freund der Familie, Ludwig van Beethoven, mit dem sie im regen Briefwechsel stand, erhielt sie Klavierunterricht. Er widmete sogar die Sonate in Fis-Dur op.78 ihr. Die Gräfin heiratete niemals und hatte ihr Wissen sowie ihre Begabung dem Gemeinwohl der ungarischen Gesellschaft gewidmet. Nach ihren Auslandsreisen und Studien stellte sie nach deutschem Vorbild nicht nur den ersten Weihnachtsbaum im Land auf, sondern eröffnete 1828 die erste Kinderbetreuungseinrichtung unter dem Namen „Engelsgarten” in Ofen. Der erste Betreuer hieß Matthäus Kern, die Unterrichtssprache war in den ersten Jahren Deutsch. Sie gründete unter anderem elf Kindergärten, eine Berufsschule und eine Mädchenbildungsanstalt bzw. 1836 einen Verein für die Einrichtung von Kindergärten. Ab 1848 setzte sie sich auch für die Förderung der ungarischen Sprache und die Sache des ungarischen Nationalismus ein. Als sie 1861 starb, existierten schon 80 vorschulische Einrichtungen in Ungarn. Dank ihrer aktiven Mitwirkung läuft seit 1837 in Ungarn die Kindergärtnerinnen-Ausbildung ununterbrochen, die ab dem 1. September 1959 mit einem Diplom absolviert werden kann.

Korompai grÛf Brunszvik TerÈz (eredetileg Brunswick) magyar grÛfnı, az elsı magyarorsz·gi Ûvod·k megalapÌtÛja volt.   (Forr·s: WikipÈdia)

Was die Bildungseinrichtungen der Nationalitäten und deren Sprachförderung heutzutage anbelangt, würde sich dafür die Gräfin höchstwahrscheinlich auch mit voller Kraft einsetzen. Es gab sogar noch in den 1950-60er Jahren viele ungarndeutsche Familien, in denen die Kinder die ungarische Sprache erst im Kindergarten erlernten. Heute ist die Lage anders. Trotz vieler Bemühungen ist es gar nicht so einfach, da die Aufgabe der deutschen Spracherziehung fast vollständig in der Verantwortung der Bildungseinrichtungen liegt. Für wie wichtig es gehalten wird, sieht man auch an die Bestrebungen der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen. Laut der Vollversammlungssitzung am 22. Februar 2020 kann die Zahl der von deutschen Selbstverwaltungen getragenen Bildungseinrichtungen dieses Jahr schon mehr als 60 sein.

2

Dabei soll man aber nicht vergessen, dass ohne wesentlicher Unterstützung der Eltern – wie auch im Homeschooling in den vergangenen Monaten- das bestmögliche Erlernen der Sprache und das der Stärkung der Identität erschwert erfolgen kann.

Nándor Frei

Magyarwechsle die Sprache

Schlagwörter:

Zum Thema:

© 2004 - 2020 • Ungarndeutsches Kultur- und Informationszentrum, alle Rechte vorbehalten!
logo