Deutsche als Geburtsväter der ungarischen Finnougristik

Quelle: Zentrum

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Neben Englisch und Französisch war Deutsch im 19. und sogar noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert einer der weltweit führenden Wissenschaftssprachen. Dafür war dem deutsch-jüdischen Intelligenz zu danken, wobei zahlreiche Erfindungen und neue wissenschaftliche Erkenntnisse, wie auch die  Relativitätstheorie von Einstein im deutschsprachigen Raum entstanden.

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Dieses galt auch für die Sprachwissenschaft. Linguisten, wie Wilhelm von Humboldt, die Brüder Grimm oder Franz Bopp hatten wesentlich zur Entwicklung dieser Wissenschaft beigetragen. Im Jahr 1816 erschien Bopps bahnbrechende Arbeit Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache. Somit gilt dieses als Geburtsjahr der Indorgermanistik, zugleich war er der Begründer der vergleichenden Sprachwissenschaft. Die Stammbaumtheorie, die die Sprachen der Welt 1853 in Sprachfamilien einordnete, ist dem deutschen Sprachwissenschaftler August Schleicher zu verdanken.

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Die Zeit der Ansiedlung der Deutschen in Ungarn war längst vorbei, die Bestrebungen des ungarischen Sprachnationalismus entfaltete sich damals in immer größeren Ausmaß, als vor genau 184 Jahren mehrere hundert Kilometer entfernt auf deutschem Boden jemand geboren ist, der später als einer der größten ungarischen Sprachforscher galt. Wir schreiben das Jahr 1836 als Josef Budenz am 13. Juni in Rasdorf, in der Nähe von Fulda – in einer der Herkunftsgebieten der Ahnen von vieler Ungarndeutschen – geboren ist. Er war der vierte Sohn des örtlichen Lehrers. Sein Talent zum Lernen wurde früh erkannt, so wurde er zum Weiterlernen angespornt und wurde gleich nach seiner Aufnahme ins Gymnasium in Fulda in die dritte Klasse versetzt. 1855 studiert er schon in Marburg, und im darauffolgenden Jahr an der Universität in Göttingen, wo er sich dem Thema Indogermanistik mit dem Schwerpunkt indogermanischer Sprachvergleichsforschung widmete. Er war erst 22 Jahre alt, als er bereits nach drei Jahren 1858 promovierte. Während seiner Studien in Göttingen lernte er unter Anderem seinen ungarischen Studienkameraden, den Theologen Lajos Nagy kennen, mit dem er in einem Haus wohnte und mit dem er Freundschaft schloss. Auf seine Wirkung wandte er sich auch der Erforschung der ungarischen Sprache zu. Damals war er sich noch Sicher, dass die ungarische Sprache mit dem Türkischen verwandt ist. Noch im selben Jahr entschied er sich nach Ungarn zu kommen. Dabei verhalf ihn sein Theologenfreund, der inzwischen nach Ungarn zurückkehrte. Nagy machte auf den 22-jährigen jungen deutschen Linguist den Zipser Sachsen Paul Hunfalvy  (magyarisiert aus Hunsdorfer) aufmerksam.

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Hunfalvy – wie die meisten seiner Zeitgenossen als Deutscher in Ungarn – erlernte erst während seines Studiums die ungarische Sprache. Er hat sich aufgrund der Ungarischen Nationalbewegungen als Ungar bekannt und sein Wirken ab der 1840er Jahren der ungarischen Sprachwissenschaft gewidmet. 1856 gründete er die erste ungarische sprachwissenschaftliche Zeitschrift Magyar Nyelvészet (Ungarische Sprachwissenschaft) und später die Nyelvtudományi Közlemények (Sprachwissenschaftliche Mitteilungen), in denen auch Budenz seine ungarisch erfasste Abhandlungen veröffentlichte. Als auf seine Einladung der junge Budenz 1858 ankam, war Hunfalvy schon ordentliches Mitglied der Ungarischer Akademie der Wissenschaften.

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Budenz war bestrebt die ungarische Sprache so gut wie möglich zu erlernen, zu jener Zeit konnten aber die Meisten in der Hauptstadt deutsch, und als es bemerkt wurde, dass er die Sprache noch nicht so gut beherrscht, wechselten sie gleich auf Deutsch um. So ging er für ein paar Monate nach Debrezin, dort erlernte er die Sprache und entschied sich auch in Ungarn zu bleiben. Noch 1858 wurde er Lehrer für Latein, Griechisch und Deutsch am Zisterziensergymnasium in Stuhlweißenburg. Inzwischen hat er die ungarische Sprache so gut erlernt, dass er ungarisch in der Zeitschrift Magyar Nyelvészet publizierte. 1861 erhielt er durch die Vermittlung von Hunfalvy eine Anstellung in der Akademiebibliothek in Pesth und wurde korrespondierendes Mitglied der Akademie. Damals war er noch der Meinung, dass sich die ungarische Sprache zwischen den finno-ugrischen und türkischen Sprachen befindet, aber eher mit den türkischen Sprachen verwandt ist. Noch in den 1860-er Jahren beschäftigte er sich zusammen mit Hunfalvy mit den gesammelten wissenschaftlichen Materialien aus dem Nachlass von Antal Reguly, weswegen er seine Ansicht änderte, und zu der Schlussfolgerung kam, dass die ungarische Sprache zur Ugrischen Sprachfamilie gehört. 1871 wurde er ordentliches Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und ab 1872 bekleidete er die erste Universitätsprofessur für finno-ugrische Sprachwissenschaft in Europa. In den 1870-80-er Jahren beteiligte er sich gemeinsam mit Hunfalvy am „ugrisch-türkischen” Krieg gegen seiner einstigen Freund Armin Vámbéry und seine Anhänger. Letztere wollten die türkische Sprachverwandtschaft der ungarischen Sprache beweisen. Wie es heute bekannt ist, gelang den beiden „Deutschungaren” letztlich die Stellung der ungarischen Sprache unter den finno-ugrischen Sprachen zu klären.

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Er schaffte es mit Hunfalyv die ungarische Sprachwissenschaft auf europäisches Niveau zu bringen und eine Reihe von anerkannten Finnougristen auszubilden. Er redigierte ab 1878 die von Hunfalvy übernommene Nyelvtudományi Közlemények bis 1892 als er in Budapest starb.

Nándor Frei

Magyarwechsle die Sprache

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