Freiheit ist wie die Gesundheit, nur wenn sie fehlt, fällt es uns auf

Quelle: Zentrum

Möchten Sie über ähnliche Themen erfahren?
Drücken auch Sie ein Like auf die –> Zentrum Facebook-Seite

Der 27. Juni 1989 ging in die Geschichte Europas ein. Der österreichische Außenminister Alois Mock und Ungarns Außenminister Gyula Horn schnitten vor laufenden Kameras den Eisernen Vorhang in Ungarn bei Ödenburg durch.

FALL DES EISERNEN VORHANG ZWISCHEN UNGARN UND ÖSTERREICH
Die Geschichte des Eisernen Vorhangs ging damals schon auf mehr als 40 Jahre zurück. Die Bezeichnung Grenzwachsystem, durch die Europa in der Zeit des Kalten Krieges geteilt war, stammt aus einer Rede von Winston Churchill in Fulton (USA) aus dem Jahr 1946. Er sprach in dieser berühmt gewordenen Rede über einen sich von Stettin an der Ostsee bis Triest an der Adria erstreckenden Eisernen Vorhang, der Europas Länder voneinander trennt und weswegen sich mittel- und osteuropäische Länder nun in sowjetischer Aufsicht befinden.

Praktisch waren diese Länder Europas von der Sowjetarmee zur Zeit dieser Rede bereits besetzt. Die Besatzung erfolgte ja gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, und sogar ein Teil von Österreich war von den Sowjettruppen bis 1955 besetzt.

772px-Iron_Curtain_as_described_by_Churchill
Der Eiserne Vorhang wurde ab 1948 immer undurchdringlicher ausgebaut und teilte den Kontinent von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer. Er war nicht nur eine physikalische, sondern auch eine politische und wirtschaftliche Trennlinie Europas. Es gab jedoch bestimmte Zeiten, als es möglich war durch den „unmenschlichen Zaun durchzuschleichen”, was auch für den 260 Kilometer langen österreichisch-ungarischen Grenzabschnitt galt.

582px-Cold_war_europe_military_alliances_map_de

Anfang der Besatzung Ungarns, fast unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg begann für Zehntausende von Ungarndeutschen die Kriegsgefangenschaft, die Zwangsverschleppung zur Malenkij Robot, und für Hunderttausende die Epoche der Entrechtung, Enteignung und Vertreibung nach Deutschland, wo sie als Flüchtlinge galten und viele nicht gerade willkommen waren. Viele Männer gerieten unmittelbar nach der Entlassung – ab 1951 – aus der mehrjährigen sowjetischen in die ungarische Gefangenschaft, in das Internierungslager von Tiszalök. Zu der Zeit der Gefangenschaft in Ungarn waren die noch in Ungarn „hinterlassenen” Familien oder Familienmitglieder schon längst aus den eigenen Häusern vertrieben und viele befanden sich wegen der Vertreibung im inzwischen entstandenen Ost- oder Westdeutschland. Die Freilassung und „den Riss für sie im Zaun” hat den Gefangenen aber jemand erkämpft, der selber 1946 aus Ungarn vertrieben wurde.

tiszalok_2_1024

Dieser Mann hieß Dr. Ludwig Leber und war – als die Gefangenen zu ihren Familien in Ungarn, in die DDR und BRD durften – ein CDU-Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg. Der gebürtige Ungarndeutsche ist 1903 in Großturwall geboren und hat sehr viel für das Ungarndeutschtum und auch für Ungarn vor und auch nach seiner Vertreibung getan. Nach seiner Vertreibung 1946 wurde er Leiter der Caritas-Flüchtlingshilfe in Stuttgart. Noch im selben Jahr gründete er die auch heute noch existierende Heimatzeitung der vertriebenen Ungarndeutschen Unsere Post. Die jährliche Herausgabe von Unser Hauskalender sowie auch die Gründung der Ungarndeutschen Landsmannschaft in Baden-Württemberg ist auch ihm zu verdanken. Er bestrebte sich jahrelang um die Freilassung der Gefangenen von Tiszalök. So hat er als CDU-Politiker Gespräche mit Konrad Adenauer darüber geführt, und Briefe an Mátyás Rákosi bzw. letztlich auch an Imre Nagy geschrieben, wonach schließlich alle Gefangenen zu ihren Familien durften und letztlich auch das Lager 1954 aufgelöst wurde.

Dr. Leber hat aber nicht nur seinen Landsleuten in der alten Heimat geholfen. Während der Revolution von 1956 sammelten die ungarndeutschen Vertriebenen in der BRD durch die von Dr. Leber geleitete Caritas-Flüchtlingshilfe und die Landsmannschaft 250 Tonnen an Sachspenden (Medikamente, Nahrungsmittel) und 5000 DM Geldspende. Diese Unmenge von Hilfsgütern wurde in mehreren Transporten über die österreichisch-ungarischen Grenze in die alte Heimat gefahren.

6519ef5dc22dd2b508d8b5820fd2f179_1

Die größte Menschenmasse ungarischer Staatsbürger überquerte den Eisernen Vorhang während und nach der 1956er Revolution im Spätherbst. Das bedeutete eine illegale Flucht von über 200.000 Menschen. Dr. Leber bemühte sich bis zu seinem Tode im Jahre 1974 um die Eingliederung der Ungarndeutschen in die deutsche Gesellschaft, wobei es auch um die 1956er ungarndeutschen Flüchtlinge ging, die nicht mal 5% der „Dissidenten” ausmachten.

Interessant ist es, dass die 1956er Flucht nicht alleine die Revolution ermöglichte, sondern, dass das Grenzüberwachungssystem gerade von Mienen befreit wurde, da es damals geplant war, es mit neueren zu ersetzen. Die Fluchtwellen wurden von der immer strengeren Bewachung der Grenze von den bewaffneten Sowjetsoldaten gestoppt. Ab 1957 wurden neben dem Stacheldraht erneut Mienen gesetzt. Sie wurden erst in den 1970er Jahren durch das sowjetische elektronische Bewachungssystem abgelöst, das bis Ende der 1980er Jahre technisch veraltet wurde. Die Existenz des Eisernen Vorhangs wurde auch seitens der reformkommunistischen Regierungsmitglieder moralisch fragwürdig.

800px-Picnic_határzár2-2

Die Absicht mit dem Eisernen Vorhang war eigentlich den eigenen Bürgern die Grenzüberquerung Richtung Westen zu verhindern. Ab 1987 konnten die meisten ungarischen Staatsbürger – damit auch die Ungarndeutschen – schon einen Weltpass beantragen und in den Westen fahren. Die Reisemöglichkeit war mit bestimmten Genehmigungen nicht mehr nur auf Einladung der westlichen Verwandten jährlich einmal oder mit den Touristenpass jedes dritte Jahr gewährt. Die Öffnung und Auflösung des ungarischen Grenzabschnitts des Eisernen Vorhangs bedeutete vor allem den DDR-Flüchtlingen die Freiheit. Am 19. August erfolgte das sogenannte Paneuropäische Picknick, und der ungarische Grenzabschnitt des Eisernen Vorhangs wurde am 10. September 1989 als erster geöffnet.

ausreisebewegung-ddr-1989_foto_LEMO-F-6-177_uls

Dank des EU-Beitritts leben wir heute in der Europäischen Union ohne Grenzen. Glücklicherweise kann es heute nur in Ausnahmefällen – wie zum Beispiel während der Corona-Krise 2020 – vorkommen, dass Binnengrenzen wieder unpassierbar werden.

Es ist so, wie mit der Gesundheit, nur das Fehlen von Freiheit fällt uns auf. Man sollte jedoch die Schengen-Grenzen nicht als eine Selbstverständlichkeit hinnehmen, die geerbte Errungenschaften sollten bewahrt und den nachkommenden Generationen weitergegeben werden.

Nándor Frei

Foto auf der Hauptseite: mult-kor.hu

Magyarwechsle die Sprache

Schlagwörter:

Zum Thema:

© 2004 - 2020 • Ungarndeutsches Kultur- und Informationszentrum, alle Rechte vorbehalten!
logo