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Quelle: Zentrum

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Die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen verkündete am 2. Juli, dass das Nationalitätengesetz aus dem Jahr 2011 am 16. Juni 2020 modifiziert wurde. Das modifizierte Gesetz entspricht zwar nicht allen Anforderungen der LdU, es ist jedoch äußerst wichtig, dass auch die Vertreter der Nationalitäten – unter anderem der Ausschuss der Nationalitäten in Ungarn, der Verband der Landesselbstverwaltungen der Nationalitäten – an der Vorbereitung der Vorlage des Gesetzes mitgearbeitet haben, und die LdU die Gesetzvorbereitung betreuen und begutachten durfte. Die Tatsache, dass auch die LdU an der Vorbereitung des Gesetzes beteiligt war, klingt heute, gut 30 Jahre nach der Wende, in einem Rechtsstaat, das ein Mitgliedsstaat der EU ist und in dem die deutsche Volksgruppe einen Abgeordneten im Parlament hat, gar nicht als etwas Außergewöhnliches. Die Vertretung der Eigeninteressen der nationalen Minderheiten in Ungarn war aber noch vor einigen Jahrzehnten gar nicht so selbstverständlich.

Vor der Wende, besonders im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Ungarndeutschen massenweise enteignet, entrechtet und vertrieben wurden, gab es praktisch kein Forum für ihre Vertretung. Die in Ungarn verbliebene Hälfte der Volksgruppe mit den aus Deutschland zurückgeflohenen Tausenden zählte damals um eine Viertelmillion Menschen, von denen sich nicht mal 3.000 Ungarndeutsche bei der Volkszählung 1949 zur deutschen Nationalität zu bekennen trauten. Sie wurden de jure erst ab der Verordnung von 1950 mit den anderen Staatsbürgern Ungarns gleichgestellt.

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Die Gleichberechtigung der deutschen Minderheit begann de facto erst mit der Gründung des Kulturverbands der deutschen Werktätigen in Ungarn am 1. Oktober 1955. Damals hatten die anderen Nationalitäten schon längst einen Verband, die „Südslawen” seit 1945, die Slowaken seit 1948 und die Rumänen seit 1949. Diese durften im neuen sozialistischen System bereits ziemlich früh entsprechende Unterrichtseinrichtungen, auch Gymnasien gründen. So existiert das rumänische Gymnasium in Jula ab 1950, dessen Direktor der spätere erste Generalsekretär des deutschen Verbandes, Dr. Friedrich Wild, war.

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Dr. Friedrich Wild wurde vor 110 Jahren in Borsec (Bad Borseck) in Siebenbürgen, im heutigen Rumänien geboren. Er war ein wahres Sprachtalent, und beherrschte mehr als vier Weltsprachen. Als er in amerikanischer Kriegsgefangenschaft geriet, war er Dolmetscher, bevor er das Amt des Generalsekretärs annahm, war er Lektoratsleiter an der Universität zu Wesprim gewesen. Während seiner Amtszeit als Generalsekretär 1955-1973 musste er an zwei Fronten durchsetzen. Einerseits war die Volksgruppe von den Geschehnissen der ungarischen Nachkriegsjahre sehr stark traumarisiert und musste aus dieser Betäubung wieder – um der vollständigen Assimilation zu entgehen – erweckt werden. Andererseits galt in der offiziellen Nationalitätenpolitik bis 1968 das Prinzip des Automatismus. Dieses basierte auf der Erwartung, dass sich die Nationalitätenprobleme während des Aufbaus des Sozialismus automatisch von alleine lösen und die Nationalitäten in die Mehrheitsgesellschaft vollständig integrieren würden. Leider haben sich beide „Gegenwirkungen” teilweise erfolgreich durchgesetzt. Unter den Ungarndeutschen war die primäre Motivation – fast wie zur Zeit der Ansiedlung im 18. Jahrhundert – das tägliche Brot zu erwerben und schnellstmöglich wieder ein eigenes Dach über den Kopf zu schaffen. Viele erhofften noch das einstige, enteignete Haus wieder zu besitzen oder zumindest zurückkaufen zu können. Der Spielraum für Dr. Wild und den Verband war aber von der Parteiführung stark auf die kulturelle Ebene begrenzt. Ihm ist zu verdanken, dass Freies Leben bis zum 20. Oktober 1956 als die erste ungarndeutsche Zeitung nach dem Zweiten Weltkrieg erscheinen durfte. Er plante sogar 1956 noch eine deutsche Tageszeitung herauszugeben, wonach infolge der Revolution erst am 20. September 1957 die erste Ausgabe der Neuen Zeitung, als Nachfolgerin der früheren Wochenzeitung erschien. Ab diesem Jahr wurde auch der Deutsche Kalender herausgegeben.

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Die deutschsprachige Rundfunksendung für die Ungarndeutschen konnte ab der Jahreswende 1956/57 ausgestrahlt werden und auch über die immer populären Schwabenbälle in deutscher Sprache berichten. Der erste Landesschwabenball wurde im Mai 1958 organisiert, 1000 Gäste aus dem ganzen Land nahmen daran teil. Die ansteigende Popularität lässt sich auch daran messen, dass im darauffolgenden Jahr schon 6000 Gäste aus nah und fern kamen. Die Entstehung vieler deutscher Kulturgruppen ist auch der Wild-Ära zu verdanken, als die ungarndeutsche Musik und Gesang in immer mehr Ortschaften wieder erklang und auch zahlreiche Tanzgruppen die alten Trachten wieder anzogen.

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Leider hat sich die sprachliche Assimilation trotz der Entfaltung des kulturellen Lebens fortgesetzt. Die deutsche Sprache hat ihr einstiges Prestige als Weltsprache verloren. Von der Mehrheitsbevölkerung wurde öfters nicht mal geduldet, wenn jemand in der Öffentlichkeit Deutsch sprach. So waren die jüngeren Generationen auch nicht bestrebt die Muttersprache der Eltern zu bewahren, oder zumindest Hochdeutsch zu lernen. Ab 1960 wurde im Zuge einer Schulreform des Bildungsministeriums der Schultypus mit ausschließlichem Unterricht in der Muttersprache durch einen gemischtsprachigen Unterricht ersetzt. So gab es 1967 im ganzen Land nur eine einzige Grundschule mit deutschem muttersprachlichem Unterricht. Deutsche Nationalitätensprache als Lehrfach wurde in 122 Grundschulen unterrichtet. Dazu gab es nur drei Gymnasien mit Nationalitätenunterricht: je eins in Budapest, Baje und Fünfkirchen. Die Lage hat sich ab 1968 verändert, als das Prinzip des Automatismus aufgegeben wurde und die Regierung erkannte, dass die sprachliche Assimilation verhindert werden sollte.

Als er vor 30 Jahren am 25. Juni 1990 starb, konnte er noch die Wende und den Beginn einer neuen Epoche für die Ungarndeutschen erleben.

1993 wurde ein neues Nationalitätengesetz verabschiedet, 1995 entstanden in 164 Siedlungen deutsche Nationalitätenselbstverwaltungen und nach der Auflösung des Verbands der Ungarndeutschen wurde die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen gegründet. Im Haus der Ungarndeutschen wurde anlässlich des 100. Jahrestages der Geburt von Dr. Friedrich Wild am 17. November 2010 eine Gedenkveranstaltung organisiert.

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Über die Vergangenheit können wir heute leicht Urteile fällen, dass dies und jenes damals falsch gemacht worden ist und wir es anders gemacht hätten. Die Tänze, Lieder und Musikstücke blieben aber dank der in den 1950er Jahren und in den darauffolgenden Jahrzehnten gegründeten Kulturgruppen erhalten. Aber ob und wie unser sprachliches und kulturelles Erbe für die Zukunft gerettet wird, liegt alleine nur an uns.

Nándor Frei

Magyarwechsle die Sprache

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