Historisches Neuland zu betreten ist nun für jedermann möglich

Quelle: Zentrum

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Zwei Studienbücher über
die vergangenen 100 Jahren der Ungarndeutschen vorgestellt

Es war für das Team des Ungarndeutschen Kultur- und Informationszentrums und Bibliothek im September eine große Freude, die achte Veranstaltungssaison der Reihe Zentrum-Programme im HdU zu starten. So können auch wieder Gäste – wenn auch mit Begrenzungen wegen Corona – im Haus der Ungarndeutschen empfangen werden, betonte Zentrum-Direktorin Monika Ambach in ihrem Grußwort am 1. Oktober.

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Diesmal wurden zwei Neuerscheinungen über die ungarndeutsche Geschichte vorgestellt. In der Anwesenheit der Redakteure und Autoren stellten die Fachbücher zwei, aus ungarndeutschen Kreisen bekannte Persönlichkeiten, Dr. Kornél Pencz, Vorsitzender des Arbeitskreises ungarndeutscher Familienforscher (AKuFF), und Dr. Kathi Gajdos-Frank, Direktorin des Jakob Bleyer Heimatmuseums in Wudersch, vor.

Zuerst wurde der von den Historikern Dr. Ferenc Eiler und Dr. Ágnes Tóth redigierte – und teils auch verfasste – Studienband A magyarországi németek elmúlt 100 éve /Die vergangenen 100 Jahre der Ungarndeutschen/ von Kornél Pencz vorgestellt. Schon den Titel des Bandes fand der Familienforscher sehr treffend, denn diese 100 Jahre, so Pencz, könne man als eine einheitliche Epoche nehmen, in der ein Prozess mit bestimmten Stationen zu verfolgen sei. Vor einem Jahrhundert fing das Ungarndeutschtum nämlich an, auf dem Gebiet des verbliebenen Trianon-Ungarns sich mit Jakob Bleyer politisch zu organisieren, und heute leben wir in einem Land, wo man schon über entsprechende Nationalitätenrechte sowie kulturelle Autonomie sprechen kann. Der Studienband ist auf gar keinem Fall als „leichte Bettlektüre” zu bezeichnen, die behandelten Themen sind sehr ernst, man kann nicht über „populäre Geschichtsschreibung” sprechen. Die untersuchten politischen und nationalpolitischen Teilthemen wurden mit fachwissenschaftlicher Gründlichkeit unter die Lupe genommen. Als Rahmen zu denen gilt die 70 Jahre übergreifende erste Studie Magyarország nemzetiségpolitikája (1918–1989) /Die Nationalitätenpolitik Ungarns (1918–1989)/ von Ferenc Eiler über die wandelnde Nationalitätenpolitik des Landes.

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Als Lieblingsthemen hob Pencz zwei Studien hervor. In dem von András Grósz Keresztutakon. Adalékok a katolikus egyház és a magyarországi németség két világháború közötti kapcsolatához /An Scheidewegen. Beiträge zu den Beziehungen der katholischen Kirche und den Ungarndeutschen zwischen den beiden Weltkriegen/ geht es darum, wie die verschiedenen Amtsträger – sowohl aus dem höheren als auch aus den niedrigeren Kreisen – der Kirche mit den Fragen der Nationalitätenschulen und Sprachbenutzung umgingen. Die Studie Tempora mutantur… A svábok kitelepítése és a katolikus alsópapság – Buda környéki példák /Tempora mutantur… Die Vertreibung der Schwaben und der niedere katholische Klerus. Beispiele aus der Umgebung von Buda/ von János Bednárik behandelt die unterschiedliche Haltung der Pfarrer in Schambek und Schaumar während der Vertreibung.

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Pencz sprach außerdem über weitere interessante Studien wie A helyi közigazgatás viszonya a német kisebbségi törekvésekhez (1920–1944) /Die Einstellung der Lokalverwaltung gegenüber den Bestrebungen der deutschen Minderheit (1920–1944)/ von Réka Marchut. Die Historikerin untersuchte, wie unterschiedlich die Vertreter der örtlichen Behörden die offiziellen positiven Nationalitätenverordnungen behandelten, was auch aus der Studie Az anyanyelvi oktatás kérdése. Tendenciák és nézőpontok a főváros környéki német településeken (1919–1945) /Die Frage des muttersprachlichen Unterrichts. Tendenzen und Gesichtspunkte in deutschen Gemeinden in der Umgebung von Budapest (1919–1945)/ von Péter Ferenc Somlai zu folgern ist. Die Prozesse der Zwischenkriegszeit und nach dem Zweiten Weltkrieg werden in weiteren fünf Studien behandelt. Die untersuchten 100 Jahre werden mit dem die nahe Vergangenheit behandelnden Beitrag Német nemzetiségi önkormányzatiság Magyarországon (1994–2014) /Das deutsche Selbstverwaltungswesen in Ungarn (1994–2014)/ von Balázs Dobos abgeschlossen.

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Bislang unerforschte Gebiete wurden von Ágnes Tóth nicht nur in der Studie Emberek – sorsok – hivatalok – eljárási módok. A magyarországi németek családegyesítésének és/vagy visszahonosításának lehetőségei (1948–1953) /Menschen – Schicksale – Ämter – Verfahrensweisen. Die Möglichkeiten der Ungarndeutschen hinsichtlich der Familienzusammenführung und/oder Repatriierung (1948–1953)/, sondern auch in dem von ihr verfassten Buch mit dem Titel Németek Magyarországon 1950–1970 /Deutsche in Ungarn 1950–1970/ behandelt, welches als zweites Werk vorgestellt wurde.

Museumdirektorin Dr. Kathi Gajdos-Frank – und die Autorin selbst – definierte diese Publikation als politische Gesellschaftsgeschichte, in der unter anderem die verschiedenen Verordnungen und Handlungen der kommunistischen Machthaber, die Auswirkungen und Reaktionen der Vertreter und der Angehörigen der Volksgruppe untersucht und aufgedeckt werden. Gajdos-Frank hob hervor, dass bei dieser Arbeit ein absolutes „Neuland” der historischen Untersuchung und Dokumentation betreten worden sei, da auch Perspektiven des einfachen Menschen untersucht wurden. Nicht nur während der Vertreibung, sondern auch danach, bei der Sowjetisierung Ungarns wurden die bislang zusammenhaltenden, einheitlichen Gemeinschaften der Ungarndeutschen zerschlagen. Die Volksgruppe „verstummte” in der Öffentlichkeit, es war kaum geduldet, deutsch zu sprechen. Die Ungarndeutschen konnten sich nur an ihrem Glaube und an den noch verbliebenen Kontakten festhalten. Von den kommunistischen Machthabern war sogar die Kirche als gefährlich eingestuft. Das verängstigte Verhalten der Ungarndeutschen war ab den 1950er Jahren, bis in die 1980er zu sehen. Die Museumdirektorin kann sich auch noch aus ihrer Kindheit daran erinnern, wie nach der Messe „das Dorfradio erklang”, als ihre Schorokscharer Großmutter immer direkt ihre Landsleute suchte und mit denen schwäbisch zu plaudern traute. Im Band kann man auch über die Entstehung, Geschehnisse und die Auflösung des Zwangsarbeitlagers in Tiszalök lesen. Hier wurden Ungarndeutsche unmittelbar nach ihrer Entlassung aus der Sowjetunion (Malenkij Robot) noch weitere Jahre zu Zwangsarbeit in der eigenen Heimat eingesetzt. Ihre Entlassung und die endgültige Auflösung des Lagers im Jahre 1956 ist einem ehemaligen Vertriebenen, der schon als CDU-Politiker tätig war, Dr. Ludwig Leber zu verdanken.

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Über die Zeitungen Freies Leben und Neue Zeitung kann man auch sehr ausführlich lesen. Die Umstände der untersuchten Epoche widerspiegeln sich darin, dass die Verwendung der deutschen Ortsbezeichnungen in der Neuen Zeitung von den Machthabern als nationalistisch beurteilt wurde. Die Schwierigkeiten werden auch in den entsprechenden Kapiteln über Nationalitätenunterricht und den von Dr. Friedrich Wild geleiteten Demokratischen Verband der Ungarndeutschen beschrieben. Dem Verband wurde bei den Entscheidungen der Machthaber von oben eher eine Statistenrolle zugeteilt. Ihr Spielraum war auf kultureller Ebene begrenzt und Dr. Wild und seine Mitarbeiter mussten ständig zwischen zwei Fronten balancieren: Zwischen der Staatspartei und den eigenen Volksgruppenmitgliedern. Trotz der Schwierigkeiten nahm die langsame Entfaltung der Gemeinschaftsgründung der Ungarndeutschen ihren Lauf.

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Darüber und über die Thematik der Bänder konnte das Publikum nicht nur während der Vorträge, sondern beim anschließenden Empfang mit den anwesenden Wissenschaftlern interessante Diskussionen führen.

Nándor Frei

Magyarwechsle die Sprache

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