In memoriam Paschi bácsi – Sebastian Krachenfelser

Quelle: Neue Zeitung

Die Musiker sitzen vor ihren Notenständern, das Spielen eines Ländlers steht an. Alle Blicke heften sich auf Sebastian Krachenfelser, dem Leiter der Kapelle. Paschi bácsi holt tief Luft und zeigt mit seinem Flügelhorn den Takt an, alle Musiker folgen seiner Anweisung und beginnen mit ihm das gemeinsame Spiel. Wie es in einem Artikel hieß, ließ die Interpretationsweise der Hetfeheller Blaskapelle das Jurymitglied aufhorchen, die originalgetreue Technik des Spiels der ungarndeutschen Blasmusik: die authentische Interpretation der Volkstänze, das perfekte Tempo, zu dem man nur in der Lage sei, wenn man hineingeboren wurde.

Krachenfelser Sebestyen-1975-Svabbal,

Paschi bácsis Instrumente verstummten, am 21. Februar 2021 schied ihr Besitzer im stolzen Alter von 94 Jahren aus dem Leben. Sebastian Krachenfelser erblickte am 14. Januar 1927 in Arpad/Nagyárpád das Licht der Welt, im Zuge der Vertreibung wurde er mit seiner Familie nach Ackörweh/Okorvölgy zwangsübersiedelt. Er wuchs mit der ungarndeutschen Blasmusik auf, damals gab es in den Kapellen sowohl Streich- als auch Blasmusikaufstellungen, viele Musiker spielten mehrere Instrumente. Die Kapellen kümmerten sich vor Ort um den Nachwuchs, ältere Instrumentalspieler oder Kapellenleiter haben die musikbegeisterten Jugendlichen unter ihre Fittiche genommen und erteilten ihnen Musikunterricht: Instrumentalkenntnisse, Notenlesen und die stilvolle Interpretation der ungarndeutschen Musik, ihrer musikalischen Muttersprache, wurde ihnen vermittelt. Sebastian Krachenfelsers Lehrmeister war Konrad Freitag, der weitläufig bekannte Kapellenleiter aus Haschad. Seine Instrumente waren das Flügelhorn und die Geige. In Konrad Freitags Kapelle wuchs Sebastian Krachenfelser zu einem reifen Musiker heran. 1948 schloss er sich der Hetfeheller Blaskapelle (Hetvehely) an, mit deren Leitung er beauftragt wurde. Die im südlichen Transdanubien beliebte Kapelle existierte bis in die 80er Jahre in beiden Formationen: als Streich- und als Blaskapelle. Sie spielten auf ungarndeutschen Hochzeiten, bei Schwabenbällen und kirchlichen Veranstaltungen. Sie waren ständige Mitwirkende bei den Schwabenbällen in Fünfkirchen, Kaposvár und Budapest. 1982 waren sie eingeladene Mitwirkende beim Schwabenball in München. Ihre authentische Vortragsweise hielt der Fünfkirchner Rundfunk auf zahlreichen Tonaufnahmen fest.

Regelmäßig und erfolgreich nahmen sie an der landesweiten musikalischen Veranstaltungsreihe des Demokratischen Verbandes der Deutschen in Ungarn „Reicht brüderlich die Hand“ und an den Blasmusiktreffen teil.

Ab den 80er Jahren machte die Kapelle dem Zeitgeschmack gemäß einen kontinuierlichen Wandel durch. Die Streichkapellenformation wurde aufgegeben. Neben der traditionellen ungarndeutschen Musik gab es immer mehr Anspruch auf Unterhaltungsmusik anderen Charakters. So hielten dementsprechend an Stelle einiger Blasinstrumente das Akkordeon, die Gitarre sowie später auch ein Keyboard Einzug in die Kapelle. Die Hetfeheller Blaskapelle gehörte bis zu deren Auflösung im Jahre 2004 zu den Spitzenkapellen ungarndeutschen Charakters in Südtransdanubien.

Sebastian Krachenfelsers außerordentliches musikalisches Talent belegt auch die Tatsache, dass er von 1962 bis 2010 als erster Flügelhornspieler des Fünfkirchner Erzbergmanns-Konzertblasorchesters tätig war.

2007 übernahm er sehr gerne die musikalische Leitung der damals durch Anton Schram gegründeten, authentische ungarndeutsche Blasmusik spielenden Nadascher Blaskapelle Alte Kameraden. Innerhalb der Blaskapelle funktionierte erneut die unmittelbare Traditionsübergabe. Sebastian Krachenfelser hat die handgeschriebenen Notenmanuskripte der Hetfeheller Blaskapelle zur Verfügung gestellt, das reiche Notenmaterial bleibt also somit für die Nachwelt aufbewahrt.

1997 wurde er mit dem Lenau-Preis, 1998 mit dem Josef-Gung‘l-Preis des Landesrats ungarndeutscher Chöre, Kapellen und Tanzgruppen ausgezeichnet.

Er ist in diese Musiktradition hineingeboren, als deren Vertreter er sich ein Leben lang der ungarndeutschen Musik verschrieb. Seine Ausdauer und sein Durchhaltevermögen bleiben legendär. Nun nehmen am 11. März 2021 Familie – Ehefrau, Tochter, Schwiegersohn, Enkeltochter und drei Urenkelkinder –, Freunde und Musikerkollegen von ihm auf dem Fünfkirchner Zentralfriedhof Abschied. Auf seinem letzten Weg werden ihn seine Kollegen aus der Erzbergmannsblaskapelle mit János Ritter an der Spitze musikalisch begleiten. Zahlreiche Tonaufnahmen halten unsere Erinnerungen an die traditionsreiche Blasmusik der Hetfeheller Blaskapelle unter der Leitung von Sebastian Krachenfelser fest.

A. K.

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Auf einem Pokal aus dem Jahr 1972, der im Gebäude der Hetfeheller Selbstverwaltung aufbewahrt wird, stehen die Namen der Mitglieder der einstigen Blaskapelle: Krachenfelser Sebestyén, Glück Vilmos, Wágner Mihály, Geiszkopf József, Reisz Péter, Vági György, Óbudai Antal, Strausz András, Galambos János, Beregi Ferenc, Földesi József, Szabados (Strausz) János, sie alle haben nun schon ihr irdisches Leben beendet.

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