Reinhard Bohse: Von einem, der auszog in eine nicht vergangene Zeit

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Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der Befreiung und der gleichzeitigen Besetzung Ungarns durch die Sowjetarmee begann nicht nur für die nach der Vertreibung in Ungarn verbliebenen Ungarndeutschen, sondern auch für die nach Deutschland Vertriebenen ein neues und schwieriges Leben.

Aus den von westlichen Alliierten besetzten Gebieten Deutschlands wurde die BRD und aus der Sowjetischen Besatzungszone die DDR gegründet. Dank der verschiedenen Organisationen, Vereine und der sogenannten Landsmannschaften konnten die in der BRD lebenden Vertriebenen ihre Bräuche pflegen und auch ihre Identität ausleben. Im Gegenteil dazu war es in der DDR ein Tabu, über die ungarndeutsche Vergangenheit und Vertreibung zu reden oder den Staat bzw. das kommunistische Regime zu kritisieren. Über das Leben in der DDR wurde unzensiert, abgesehen von einigen ausgebürgerten Dissidenten wie Wolf Biermann, praktisch bis zur Wende und Wiedervereinigung nicht offen und auch nicht viel geäußert.

Von einem, der auszog

Aus dem hier vorgestellten Buch von Reinhard Bohse erfährt man aus erster Hand, wie das Leben in einer sozialistischen Diktatur „deutscher Art” zu meistern war. Das Werk kann man als historische Biografie definieren, in dem der Autor die erlebten und subjektiv geschilderten geschichtlichen Ereignisse mit Daten und Fakten, wie in einem Fachbuch mit Fußnoten ergänzt. Bohses Buch ist kein Familienroman. Trotzdem kommt der Leser mithilfe der autobiografischen Perspektive dem Alltag und den wichtigsten politischen Ereignissen der DDR und Osteuropas näher. Nicht nur die Problematik der Mauer, sondern auch die der Kontaktpflege mit den in der BRD lebenden – teils geflüchteten – Verwandten enthüllen sich in historischer Reihenfolge. Bohse wurde gerade um die Zeit des Prager Frühlings im Jahre 1968 in die Nationale Volksarmee der DDR einberufen. In Form von Tagebucheinträgen und Briefen liest man darüber, wie er während dieser Zeit immer mehr auf oppositionelle Gedanken gegen die Diktatur kommt. Trotz dass er studierter Geologe war, war ein Stellenwechsel als Geologe in der DDR-Realität ohne Mitglied der Partei zu sein immer schwieriger. Auch nicht einfacher war es, in Leipzig eine größere Mietwohnung zu finden und diese zu renovieren. Zum Beispiel die Beschaffung einer ordentlich funktionierenden Badewanne ist aus heutiger Sicht der reinste Zirkus gewesen. Auch die Problematik der Rumäniendeutschen wird – durch seine Reiseerlebnisse – während der Ceaușescu-Epoche aufgezeigt.

Langeweile in seinem Berufsalltag führen ihn zur Jazzmusik und in die Literaturszene der DDR. In der Beschreibung seiner Ungarnreise im Sommer 1989 erfährt der Leser über seine Begegnung mit der bekannten ungarndeutschen Dichterin Valeria Koch. Nach einem kurzen BRD-Besuch kommt er aber wieder nach Leipzig, wo die Straßendemonstrationen den Untergang der DDR einleiten. Die Erzählung endet mit dem „Happy End”, der Wiedervereinigung von Deutschland.

Dieses Buch empfehlen wir allen, die das Leben und den Alltag in der Deutschen Demokratischen Republik aus autobiografischer Perspektive kennenlernen möchten.

Reinhard Bohse: Von einem, der auszog in eine nicht vergangene Zeit. Leben diesseits der Mauer. Historischer Report 1945-1989
Leipzig : Edition Hamouda, 2021.
279. S.
Sprache: Deutsch

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