„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen”

Quelle: Zentrum

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Wie geht man im Allgemeinen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit um? Wie wurde und wird heute diese Epoche in der Öffentlichkeit und auf familiärer Ebene in Deutschland interpretiert? Die Aufarbeitung dieser Themen ist auch für uns Ungarndeutsche sehr wichtig, denn zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges und auch folglich waren praktisch alle aus der Volksgruppe auf irgendeine Weise – denkt man an die kollektive Bestrafung der Volksgruppe – betroffen.

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Es gebe in der Thematik noch vieles aufzuarbeiten und zu erforschen, damit dies erfolgreich erfolgen kann, dazu trage auch der offene Diskurs enorm bei, deutete Monika Ambach, Direktorin des Ungarndeutschen Kultur- und Informationszentrums und Bibliothek (Zentrum), in ihrer Einführung zu der Veranstaltung am 29. September an. Der Abend in der Reihe Zentrum-Programme im HdU kam in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Budapest zustande. Sie begrüßte Historikerin Prof. Dr. Dorothee Wierling, die während des Abends im Rahmen eines spannenden Vortrags darüber erzählte, wie man mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, dem Krieg und dem Holocaust umgegangen ist und heute umgeht.

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Nach ihren Studien und ihrer Promovierung an der Ruhr-Universität Bochum habilitierte die Professorin 2000 an der Universität in Potsdam mit einer Arbeit über die erste Nachkriegsgeneration in der DDR. Sie war Mitarbeiterin mehrerer wissenschaftlichen Institute bzw. war an mehreren Universitäten in Deutschland und im Ausland tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte legte sie auf die Sozial- und Mentalitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts, die Probleme der Oral History und die Geschlechter- und Generationsgeschichte.

Wierling hob in der Einleitung ihres Vortrags „Vergangenheitsbewältigung”. Deutsche Geschichte und Geschichten nach 1945 hervor, dass der aus den 1980er Jahren stammende Begriff Vergangenheitsbewältigung schon an sich problematisch sei. Das Wort Bewältigung würde hier andeuten, dass man durch das Eingeständnis historischer Schuld und Anerkennung der Opfer die Vergangenheit neutralisieren könnte und sie wieder gut zu machen wäre. Demnächst erörterte die Historikerin, dass sie den Schwerpunkt des Vortrages auf die Geschichte der Westdeutschen in der Bundesrepublik bis 1990 setze und nur gelegentlich auf die Situation der Bürger in der DDR eingehen würde. Ihr Vortrag beruhte auf drei Voraussetzungen: Erstens sprach sie über die Geschichte und nicht über die Vergangenheit, wobei sie unter Geschichte eher die Herstellung von Zusammenhängen und die Deutungen versteht und unter Vergangenheit die Abfolge von Ereignissen meint. Zweitens ging sie auf die private Ebene der Geschichtserzählung und nicht auf die abstrakte, öffentliche Ebene des Staates ein, die in Geschichtsbüchern formuliert ist. Drittens unterschied sie drei historische Phasen und damit auch drei Generationen.

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Bezüglich der ersten Phase sprach sie über die Generation der Mitlebenden, also über die zwischen 1945 und 1960 erfolgten (späteren) Interpretationen seitens der Erlebnisgeneration der Hitlerdiktatur. Hierbei hob sie hervor, dass in den 1950er Jahren eine gewisse emotionale Kälte und ein Mangel an Mitgefühl seitens der Deutschen gegenüber den deutschen Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten bzw. gegenüber den Osteuropäern und den europäischen Juden vorgeherrscht habe. Die meisten verstanden sich nur als Opfer oder Mitläufer der Diktatur, wobei ca. 20 Prozent der Bevölkerung Mitglieder der NSDAP waren. Viele einfache, ehemalige Wehrmacht-Soldaten, wie auch der Vater der Historikerin, erzählten über den Krieg als eine Reise nach Polen, Frankreich, in die Sowjetunion etc., die er glücklicherweise überlebte, wobei er die Schattenseiten des Krieges, das sinnlose Töten und Sterben auch nicht verleugnete.

Während der zweiten Phase, am Ende der 1960er Jahren bis 1989, hat sich vieles verändert. Infolge des Eichmann-Prozesses 1961 und der drei Jahre später darauffolgenden Auschwitzprozesse begann die juristische Aufarbeitung und historische Forschung der industriell betriebenen Massenmorde. Hierbei sei die Generation der Mitlebenden – also die Eltern der Nachkriegsgeneration – von letzterer nun als Mittäter, als Mitwisser, im günstigsten Fall als gleichgültiger Mitlebender unter Verdacht geraten, so Wierling. Die Generation der Kriegskinder – zu der auch die Historikerin gehört – setzte sich mit der NS-Vorgeschichte der Eltern kritisch auseinander. Mit dem offenen Bekenntnis des Schuldes und das Gedenken an die Opfer seien zu den 1980er Jahren die Westdeutschen von dieser Generation laut Wierling als „Weltmeister im Schuld-Bekennen” verwandelt worden.

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Die dritte Phase begann mit der Wiedervereinigung Deutschlands, wobei die inzwischen älter gewordenen westdeutschen Kriegskinder ein Bekenntnis zum Schuldbekenntnis seitens der Ostdeutschen sofort verlangten ohne in denen die Opfer des Stalinismus richtig erkannt zu haben. Dazu kam noch eine Selbst-Umdeutung bei vielen seitens der Westdeutschen, als traumatisierte Kriegskinder. Wierling sprach auch über die nach 1970 geborenen Generation, die sich als „Kriegsenkel“ geäußert haben, bei denen oft das angenommene Auftauchen der genetisch vererbten Kriegstraumen der Großeltern wiederkehren würde.

Die Professorin schloss ihren Vortrag mit einem Zitat von William Faulkner, das in dem Buch Kindheitsmuster von Christa Wolf als Motto zu lesen ist: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen”.

Nándor Frei

Fotos: Ludwig Grund

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