Möchten Sie über ähnliche Themen erfahren?
Drücken auch Sie einen Like auf die –> Zentrum Facebook-Seite
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Zentrum-Programme im HdU bot Otto-Heinek-Preisträgerin und Historikerin Dr. Viktória Muka dem Publikum einen differenzierten Einblick in die Geschichte der Fronleichnams-Blumenteppiche in Wudersch und im Ofner Bergland. Der Vortrag am 22. April 2026 im Haus der Ungarndeutschen führte die Anwesende in die 1920er und 1930er Jahre und beleuchtete eine Tradition, die vielen als selbstverständlich erscheint, deren Hintergründe jedoch bislang nur unzureichend erforscht sind.
Im Mittelpunkt stand eine bei den Ungarndeutschen weit verbreitete Praxis: das Legen von Blumenteppichen an Fronleichnam. Diese Tradition ist bis heute ein prägendes Element der lokalen Volksfrömmigkeit und dient zugleich als Ausdruck kollektiver Zugehörigkeit. Gleichzeitig zeigte der Vortrag, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihren Ursprüngen lange hinter ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zurückblieb.
Besonders eindrücklich dargestellt wurde, wie sich die Wahrnehmung der Blumenteppiche im Laufe der Zeit veränderte. Ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre entwickelten sie sich zu einer bedeutenden touristischen Attraktion, die zahlreiche Besucher anzog. Dieses wachsende Interesse von außen beeinflusste auch die lokale Gemeinschaft: Die Tradition wurde zunehmend Teil eines bewussten Selbstverständnisses der Bevölkerung.
In diesem Zusammenhang entstand auch der bis heute wirkende Mythos vom „mitgebrachten Erbe“. Lange wurde angenommen, dass die Tradition bereits von den deutschen Siedlern im 18. Jahrhundert nach Ungarn gebracht worden sei. Die Forschungsergebnisse zeigen jedoch etwas anderes: Tatsächlich lassen sich Blumenteppiche in Wudersch anhand schriftlicher Quellen erst ab 1920 eindeutig nachweisen, und auch europaweit treten sie erst ab dem späten 18. Jahrhundert auf.
Dr. Muka machte deutlich, dass dieser Herkunftsmythos eng mit den identitätspolitischen Bestrebungen der sogenannten „deutschen Bewegung“ in der Zwischenkriegszeit verbunden ist. Kulturelle Praktiken wie die Blumenteppiche wurden gezielt genutzt, um ein kollektives Selbstbild zu stärken und eine gemeinsame Herkunft zu betonen. Dabei entwickelte sich die Tradition von einer religiösen Praxis zu einem Symbol kultureller Identität.
Auch die weitere Entwicklung wurde thematisiert: Während des Zweiten Weltkriegs spiegelten sich politische Veränderungen teilweise sogar in der Gestaltung der Blumenteppiche wider. Nach der Vertreibung der Deutschen aus Ungarn blieb die Tradition jedoch bestehen und wurde in der „neuen Heimat“ weitergeführt. Sie diente weiterhin als wichtiges Element der Erinnerung und Identitätsbildung.
Der Vortrag von Dr. Muka zeigte, dass Traditionen nicht statisch sind, sondern sich im Laufe der Zeit verändern und neu interpretiert werden. Die Wuderscher Blumenteppiche sind somit nicht nur ein religiöses Brauch, sondern auch ein Beispiel dafür, wie Geschichte, Erinnerung und Identität miteinander verflochten sind.
Anna Schulteisz




Foto: Ludwig Grund
〰〰〰〰〰
Organisator:
Ungarndeutsches Kultur- und Informationszentrum und Bibliothek
Förderer der Veranstaltung:
Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen
Ministerpräsidium über den Bethlen-Gábor-Fondsverwalter (NKUL-KP-1-2026/3-000224)




