{"id":15788,"date":"2015-03-20T08:37:31","date_gmt":"2015-03-20T07:37:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zentrum.hu\/?p=15788"},"modified":"2015-03-23T09:26:52","modified_gmt":"2015-03-23T08:26:52","slug":"40-tropfen-nach-der-messe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zentrum.hu\/de\/2015\/03\/40-tropfen-nach-der-messe\/","title":{"rendered":"40 Tropfen nach der Messe"},"content":{"rendered":"<h5>M\u00f6chten Sie \u00fcber \u00e4hnliche Themen erfahren?<br \/>\nDr\u00fccken auch Sie ein Like auf die \u2013&gt; <a title=\"Ungarndeutsche Nachrichten\" href=\"http:\/\/facebook.com\/zentrumhu\" target=\"_blank\">Zentrum Facebook-Seite<\/a><\/h5>\n<p>Unter Kulturerbe versteht man nicht nur die Traditionen, die die \u00e4ltere Generation an die j\u00fcngere weitergibt, vererbt; nicht nur Lieder, M\u00e4rchen, T\u00e4nze, Sprachgebrauch und die Vorbereitungen auf die Feiern des Kalenderjahres, sondern viel mehr: die Lebensweise, wie die Angeh\u00f6rigen einer Minderheitengruppe an den Werk- und Feiertagen leben, wie sie sich zueinander verhalten, wie oft und in welcher Form sie sich treffen und wie sie reden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/40-tropfen-gesellschaft-354x266.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-15789 aligncenter\" title=\"Die 40-Tropfen-Mitglieder mit den sch\u00f6nen \u201eZimmedkropfe\u201c, die von Lujzi n\u00e9ni zubereitet wurden (Foto: L\u00e1szl\u00f3 Dobos)\" alt=\"40-tropfen-gesellschaft-354x266\" src=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/40-tropfen-gesellschaft-354x266.jpg\" width=\"354\" height=\"266\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das Beisammensein geh\u00f6rt auch im weiteren Sinne zum immateriellen Kulturerbe, worunter man \u00fcbrigens in erster Linie das \u00fcberlieferte Wissen und K\u00f6nnen versteht.<\/p>\n<p>Es begann in den 90er Jahren, als sich ein Wudigesser Freundeskreis, die Mitglieder des Frauenchores und der deutsche Pater Richard einmal im Monat nach der deutschsprachigen Messe in Maria Eichel im nahe liegenden Weinkeller von Lorenz Martin (Cousin des ehemaligen deutschen Au\u00dfenministers Joschka Fischer) versammelten. Der Dominikanerpater aus Deutschland freute sich sehr, dass er nach der Messe ungebunden mit den Wudigesser Gl\u00e4ubigen in seiner Muttersprache diskutieren konnte. Die aus ungef\u00e4hr 20-25 Personen bestehende Gesellschaft \u2013 au\u00dfer den Chormitgliedern \u2013 bekam nicht zuf\u00e4llig die Benennung \u201e40 Tropfen\u201c. Vor dem Mittagessen waren sie eben zu \u201e40 Tropfen Wein\u201c aus eigenem Anbau eingeladen.<\/p>\n<p>Es gab und gibt heute noch in manchen Siedlungen die Sitte, dass M\u00e4nner nach dem Gottesdienst in eine Gastst\u00e4tte oder in eine Kneipe gehen, um ein bisschen zusammen zu sein und miteinander zu sprechen. \u00c4hnlich war es bei der \u201e40 Tropfen\u201c-Gesellschaft, die sp\u00e4ter nicht nur in Maria Eichel, sondern jeden Sonntag nach der Messe in Wudigess, in der Waldgasse 29 bei meinem Onkel Lorenz Martin und bei meiner Tante Erzs\u00e9bet Mayer-Martin zusammenkam.<\/p>\n<p>Die gem\u00fctliche K\u00fcche, das Esszimmer mit dem gro\u00dfen runden Esstisch und nicht zuletzt die Gastfreundschaft des Wirtes und der Wirtin boten einen idealen Versammlungsplatz f\u00fcr Verwandte und Bekannte, f\u00fcr ein H\u00e4uflein Schwabenvolk. Wenn jemand aus Deutschland in der Kirche zu Besuch war, wurde auch er eingeladen. Und was den G\u00e4sten neben den mit \u201e40 Tropfen\u201c Wein gef\u00fcllten Weingl\u00e4sern angeboten wurde? Das waren Toastbrote in kleinere St\u00fccke geschnitten (zubereitet von Kata Dobos-Fischer) mit Speck, Wurst oder Schinken, darauf Zwiebeln oder Gurken ( vorbereitet von Lenci b\u00e1csi).<\/p>\n<p>Im ersten Jahrzehnt der 2000er Jahre hielt Emmerich Salat, Seelsorger f\u00fcr die Ungarndeutschen aus Pilissz\u00e1nt\u00f3, einmal im Monat in Wudigess die deutschsprachige Messe, er war nat\u00fcrlich auch ein st\u00e4ndiges Mitglied der lustigen Gesellschaft. Einige kamen ausgesprochen nur wegen der Messe und des 40-Tropfen-Treffens aus Budapest und wollten die Gelegenheit auf keinen Fall vers\u00e4umen. Es wurde teilweise ungarisch, teilweise schw\u00e4bisch gesprochen. Die h\u00e4ufigsten Themen waren die Geschehnisse der Vergangenheit, die Verwandtschaft, die Ahnen, die Familienkontakte, die aktuellen Ereignisse der Gemeinde und nicht selten der Inhalt der Predigt oder das Mitwirken des Frauenchores in der Kirche. Die Chorleiterin Theresia Stracz-Nagy war auch regelm\u00e4\u00dfig dabei, sie nahm sowohl die Gratulation als auch eventuell die Kritik aufrichtig an.<\/p>\n<p>Es war interessant, sich die \u201eZeitzeugen\u201c anzuh\u00f6ren, besonders Ferenc Werle konnte viel \u00fcber die Geschichte des Dorfes erz\u00e4hlen. Er sprach stolz dar\u00fcber, dass er als junger Klempner mit seinem Vater u. a. am Kirchturm in Maria Eichel arbeitete. Diese Leute kannten einander von ihrer Kindheit an, auch ihre Ahnen waren Bekannte oder Verwandte. In unserer verfremdeten Internet-Welt, wo man nicht einmal seinen Nachbarn pers\u00f6nlich kennt, hat es mir Spa\u00df gemacht, den \u201eAlten\u201c zuzuh\u00f6ren. Eine alte, anders geartete Welt \u00f6ffnete sich f\u00fcr eine kurze Zeit vor uns. Es war immer erstaunlich, wie gut sich die Generation meiner Mutter erinnern konnte. F\u00fcr sie war es kein Problem aufzuz\u00e4hlen, welches Haus in der F\u0151 utca oder in der Waldgasse welcher Familie geh\u00f6rte. Im Zusammenhang mit der Vergangenheit konnten sie fast alle Fragen beantworten.<\/p>\n<p>Besonders genoss die 40-Tropfen-Gesellschaft die Witze und Anekdoten von M\u00e1ty\u00e1s Hidas senior, der lange Zeit das \u00e4lteste Mitglied der Gruppe war (er ist mit 97 Jahren 2013 gestorben). Matyi b\u00e1csi erz\u00e4hlte seine Witze mal ungarisch, mal schw\u00e4bisch. Ein Witz kam nach dem anderen, manchmal wiederholten sie sich Woche f\u00fcr Woche, trotzdem lachten wir dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Einen riesengro\u00dfen Erfolg hatten die Gedichte und Gl\u00fcckw\u00fcnsche von Jen\u0151 Szirmai (Staudinger), mit denen er eben dem Geburtstagskind oder demjenigen\/derjenigen gratulierte, der oder die Namenstag hatte. Folgendes Gedicht schrieb er an meine Tante Erzs\u00e9bet Mayer-Martin und an Erzs\u00e9bet Schleer-Mindler im Jahre 2009:<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr zwei Elisa-Beth<\/strong><\/p>\n<p>Sie sind so sch\u00f6n, sie sind so nett.<br \/>\nWie hei\u00dfen sie? Ist doch klar: Elisabeth.<br \/>\nZu Eurem Namenstag sollen wir nicht singen?<br \/>\nEs ist besser, wenn wir Euch aus ganzem Herzen gratulieren.<br \/>\nWir sagen lebet wohl und lebet lang.<br \/>\nVon oben flie\u00dft ein Glockenklang.<br \/>\nDer meldet Gesundheit, Gl\u00fcck und Segen.<br \/>\nWer braucht heute noch mehr zum Leben?<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste Gedicht schrieb er f\u00fcr M\u00e1ty\u00e1s Hidas senior zu dessen 93. Geburtstag am 31. J\u00e4nner 2009. Das zweisprachige Gedicht zeigt gut, dass manchmal beide Sprachen parallel verwendet wurden.<\/p>\n<p><strong>Ein 93-j\u00e4hriger meditiert in zwei Sprachen<br \/>\n<\/strong><br \/>\nHeute bin ich a napt\u00e1r szerint dreiundneunzig,<br \/>\nKopf hoch mas\u00edrozok, ett\u0151l vagyok \u00e9n oly hercig.<br \/>\nAuf mein Alter fittyet h\u00e1nyok, ez\u00e9rt cs\u00edpnek \u00fagy a l\u00e1nyok.<br \/>\nWie ein Junge a F\u0151 utc\u00e1n fel \u00e9s al\u00e1 hetyk\u00e9n j\u00e1rok.<br \/>\nViel gelaufen, viel gesehen, vajh hov\u00e1 lett, mit meg\u00e9ltem?<br \/>\nIfj\u00fas\u00e1gom f\u00e9rfikorom weggelaufen, ezt pedig \u00e9n alig \u00e9rtem.<br \/>\nTag und Nacht csak a munka, robotoltam ohne Pause,<br \/>\nUnd jetzt m\u00e1r megyek langsam Richtung Hause.<br \/>\nDa ich jetzt schon geboren bin, k\u00f6sz\u00f6nt\u00f6k itt mindenkit,<br \/>\nEgy j\u00f3 tan\u00e1csot adok n\u00e9ktek, seid so gut und lebt damit:<br \/>\nA hossz\u00fa l\u00e9tnek mi a titka, wie soll man so lange leben?<br \/>\nA megold\u00e1s r\u00e9m egyszer\u0171, man darf mit dem Atmen nicht aufh\u00f6ren&#8230;<\/p>\n<p>Bei den Gratulationen fehlte das gemeinsame Singen auch nicht und es trug immer zur guten Stimmung bei.<\/p>\n<p>Die \u201eAnwesenheitsliste\u201c der Gesellschaft wird mit der Zeit immer k\u00fcrzer und k\u00fcrzer. Die Zahl der Verstorbenen aus der 40-Tropfen-Gruppe ist \u00fcber 14. Der Hauswirt, Lorenz Martin ist 92, seine Frau, Erzs\u00e9bet Mayer-Martin feierte am 10. M\u00e4rz ihren 85. Geburtstag. Die Mitglieder der 40-Tropfen-Gesellschaft gratulieren ihr allerherzlichst auf diese Weise und w\u00fcnschen ihr alles Gute, Gesundheit und Gottes Gnade und Segen.<br \/>\n<em><br \/>\nMaria Herein K\u0151r\u00f6s<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00f6chten Sie \u00fcber \u00e4hnliche Themen erfahren? 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