{"id":18670,"date":"2015-06-23T12:59:49","date_gmt":"2015-06-23T10:59:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zentrum.hu\/?p=18670"},"modified":"2015-06-23T15:10:53","modified_gmt":"2015-06-23T13:10:53","slug":"rede-von-joachim-gauck-am-gedenktag-fur-die-opfer-von-flucht-und-vertreibung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zentrum.hu\/de\/2015\/06\/rede-von-joachim-gauck-am-gedenktag-fur-die-opfer-von-flucht-und-vertreibung\/","title":{"rendered":"Rede von Joachim Gauck am Gedenktag f\u00fcr die Opfer von Flucht und Vertreibung"},"content":{"rendered":"<h5>M\u00f6chten Sie \u00fcber \u00e4hnliche Themen erfahren?<br \/>\nDr\u00fccken auch Sie ein Like auf die \u2013&gt;\u00a0<a title=\"Ungarndeutsche Nachrichten\" href=\"http:\/\/facebook.com\/zentrumhu\" target=\"_blank\">Zentrum Facebook-Seite<\/a><\/h5>\n<p>Rede des deutschen Bundespr\u00e4sidenten Joachim Gauck am\u00a0Gedenktag f\u00fcr die Opfer von Flucht und Vertreibung\u00a0im Schl\u00fcterhof des Deutschen Historischen Museums.<\/p>\n<p>Berlin, 20. Juni 2015<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/150620-Gedenktag-Flucht-Vertreibung-1-Rede-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-18686\" title=\"Rede von Joachim Gauck im Deutschen Historischen Museum (Foto: bundespraesident.de \/ \u00a9 Carsten Koall)\" alt=\"150620-Gedenktag-Flucht-Vertreibung-1-Rede-1\" src=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/150620-Gedenktag-Flucht-Vertreibung-1-Rede-1-510x339.jpg\" width=\"510\" height=\"339\" srcset=\"https:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/150620-Gedenktag-Flucht-Vertreibung-1-Rede-1-510x339.jpg 510w, https:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/150620-Gedenktag-Flucht-Vertreibung-1-Rede-1.jpg 980w\" sizes=\"auto, (max-width: 510px) 100vw, 510px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u00dcber Entwurzelte wollen wir heute sprechen.<\/p>\n<p>\u00dcber Fl\u00fcchtlinge und Vertriebene, zwangsweise Emigrierte.<\/p>\n<p>\u00dcber Heimatlose einst und Heimatlose heute und morgen.<\/p>\n<p>\u00dcber Menschen, die nicht mehr dort sind und auch noch nicht ganz hier.<\/p>\n<p>\u00dcber Menschen, die etwas vermissen und gleichzeitig froh sind, nicht dort leben zu m\u00fcssen, wohin das Heimweh ihre Gedanken lenkt.<\/p>\n<p>\u00dcber Entwurzelte wollen wir heute sprechen.<\/p>\n<p>\u00dcber Menschen \u2013 gleichg\u00fcltig ob schwarz oder wei\u00df, ob jung oder alt, ob Mann oder Frau, ob Christ, Jude oder Muslim \u2013 \u00fcber Menschen, die alle tief in der Seele dieselbe schmerzliche Erfahrung machten, die der Schriftsteller Jean Am\u00e9ry, Fl\u00fcchtling vor Nazi-Deutschland und \u00dcberlebender von Bergen-Belsen, in die einfache, f\u00fcr die einen tr\u00f6stliche, f\u00fcr die anderen bedr\u00fcckende Formel fasste:\u00a0<q>Man muss Heimat haben, um sie nicht n\u00f6tig zu haben.<\/q><\/p>\n<p>Zum ersten Mal gedenkt Deutschland an einem offiziellen bundesweiten Gedenktag jener Millionen von Deutschen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges zwangsweise ihre Heimat verloren. Zum ersten Mal begeht Deutschland damit auch regierungsamtlich den internationalen Weltfl\u00fcchtlingstag, wie er vor f\u00fcnfzehn Jahren von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde. Auf eine ganz existenzielle Weise geh\u00f6ren sie n\u00e4mlich zusammen \u2013 die Schicksale von damals und die Schicksale von heute, die Trauer und die Erwartungen von damals und die \u00c4ngste und die Zukunftshoffnungen von heute.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnschte, die Erinnerung an die gefl\u00fcchteten und vertriebenen Menschen von damals k\u00f6nnte unser Verst\u00e4ndnis f\u00fcr gefl\u00fcchtete und vertriebene Menschen von heute vertiefen. Und umgekehrt: Die Auseinandersetzung mit den Entwurzelten von heute k\u00f6nnte unsere Empathie mit den Entwurzelten von damals f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Ausgegrenzt, verfolgt, vertrieben wurden Menschen seit Urzeiten. Aus der Geschichte kennen wir Konflikte zwischen Sesshaften und Nomaden, zwischen Einheimischen und Zugewanderten. Und im Nationalstaat des 19. und 20. Jahrhunderts erschienen Minderheiten als potenziell illoyal, als Fremdk\u00f6rper, die es zu assimilieren oder auszutauschen, zu vertreiben oder gar zu vernichten galt. Zeitweise sah die Politik im Bev\u00f6lkerungsaustausch sogar ein probates Mittel der Konfliktl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Der sogenannte\u00a0<q>Bev\u00f6lkerungstransfer<\/q>\u00a0von Millionen Deutschen aus Ostpreu\u00dfen, Pommern, Schlesien, B\u00f6hmen, M\u00e4hren, aus der Batschka und vielen anderen Gegenden in Mittel- und S\u00fcdosteuropa erschien auch den alliierten Regierungschefs Churchill, Truman und Stalin als ad\u00e4quate Antwort auf den Tod und Terror, mit dem Nazi-Deutschland den Kontinent \u00fcberzogen hatte. Als die Potsdamer Beschl\u00fcsse im August 1945 die rechtliche Basis daf\u00fcr schufen, waren allerdings l\u00e4ngst Fakten geschaffen: Millionen Deutsche waren bereits aus dem deutschen Osten, aus Polen, der Tschechoslowakei, aus Ungarn, Jugoslawien, Rum\u00e4nien gefl\u00fcchtet und vertrieben. Und was\u00a0<q>in ordnungsgem\u00e4\u00dfer und humaner Weise<\/q>\u00a0erfolgen sollte, hatte sich in der Realit\u00e4t als Alptraum erwiesen.<\/p>\n<p>Erst flohen sie vor dem Krieg. Bei eisiger K\u00e4lte qu\u00e4lten sich Trecks mit Frauen, Kindern und Alten \u00fcber verstopfte Landstra\u00dfen und br\u00fcchiges Eis, beschossen von Tieffliegern und \u00fcberrannt von der Front. V\u00f6llig \u00fcberladene Fl\u00fcchtlingsschiffe versanken nach Torpedo- und Bombentreffern in der Ostsee. Ungez\u00e4hlte Frauen wurden vergewaltigt.<\/p>\n<p>Dann wurden viele von denen, die zur\u00fcckblieben in der alten Heimat, Opfer von Hass und Vergeltung: entrechtet, enteignet, verhaftet, misshandelt, auf Todesm\u00e4rsche geschickt, ermordet, interniert, herangezogen zur Zwangsarbeit, erst scheinbar <q>wild<\/q>, dann vermeintlich\u00a0<q>geordnet<\/q>\u00a0vertrieben, als\u00a0<q>lebende Reparation<\/q>\u00a0verschleppt in Arbeitslager in der Sowjetunion. Die letzten kehrten erst zwischen 1948 und 1955 zur\u00fcck.<\/p>\n<p><q>Sofern das Gewissen der Menschheit jemals wieder empfindlich werden sollte<\/q>, erkl\u00e4rte der britisch-j\u00fcdische Verleger Sir Victor Gollancz 1947,\u00a0<q>wird diese Vertreibung als die unsterbliche Schande all derer im Ged\u00e4chtnis bleiben, die sie veranlasst oder die sich damit abgefunden haben. Die Deutschen wurden vertrieben, aber nicht einfach mit einem Mangel an \u00fcbertriebener R\u00fccksichtnahme, sondern mit dem denkbar h\u00f6chsten Ma\u00df an Brutalit\u00e4t.<\/q><\/p>\n<p>Insgesamt verloren 12 bis 14 Millionen Deutsche am Ende des Zweiten Weltkrieges durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat. Hunderttausende Menschen kamen durch Kriegshandlungen, Krankheiten, Hunger, Vergewaltigungen, auch durch Entkr\u00e4ftung und Zwangsarbeit in der Nachkriegszeit um. Das Schicksal von weiteren Hunderttausenden ist bis heute ungekl\u00e4rt. Die Bev\u00f6lkerung in jenen Gebieten, die sp\u00e4ter Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik hei\u00dfen sollten, wuchs um nahezu 20 Prozent.<br \/>\nDas sollten wir uns gerade heute wieder bewusst machen: Flucht und Vertreibung ver\u00e4ndern nicht nur das Leben der Aufgenommenen, sondern auch das Leben der Aufnehmenden, nicht nur das der\u00a0<q>neuen<\/q>, sondern auch das der\u00a0<q>alten<\/q>\u00a0Bewohner eines Landes oder Landstriches.<\/p>\n<p>Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung der Deutschen war in unserer Gesellschaft fast immer schwierig und fast immer emotional. Denn unsere Haltung zum Leid der Deutschen war und blieb verkn\u00fcpft mit unserer Haltung gegen\u00fcber der Schuld der Deutschen. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis wir \u2013 wieder \u2013 an das Leid der Deutschen erinnern konnten, weil wir die Schuld der Deutschen nicht l\u00e4nger ausblendeten.<\/p>\n<p>Der Weg dahin war lang und keineswegs geradlinig.<\/p>\n<p>In der sowjetischen Besatzungszone und in der\u00a0<abbr title=\"Deutsche Demokratische Republik\">DDR<\/abbr>\u00a0wurde die Gr\u00fcndung von eigenst\u00e4ndigen Fl\u00fcchtlingsorganisationen von Anfang an untersagt. Erinnerungen der sogenannten Umsiedler an die alte Heimat waren lange Zeit unerw\u00fcnscht. Vertreibung galt als legitime Reaktion auf nationalsozialistische Besatzungs- und Vernichtungspolitik. Kritik an den Vergewaltigungen der Roten Armee und den Vertreibungen durch Tschechen und Polen wurde unterdr\u00fcckt. Bereits 1950 verzichtete die Staatspartei\u00a0<abbr title=\"Sozialistische Einheitspartei Deutschlands\">SED<\/abbr>\u00a0auf die deutschen Ostgebiete, indem sie die Oder-Nei\u00dfe-Linie als deutsch-polnische Staatsgrenze anerkannte, was sogar innerhalb der Partei Verst\u00f6rung ausl\u00f6ste \u2013 und erst recht unter vielen Vertriebenen in der\u00a0<abbr title=\"Deutsche Demokratische Republik\">DDR<\/abbr>.<\/p>\n<p>Weder Verzicht noch Tabuisierung, noch ideologische Umdeutung konnten allerdings Trauer und Trauma vertreiben.\u00a0<q>Man l\u00e4sst den Auszug aus der Heimat nicht unbeweint<\/q>, schrieb Christa Wolf 1976 in ihrem Roman\u00a0<q>Kindheitsmuster<\/q>. Mit 15 Jahren war sie vor der Front geflohen, aus dem ostbrandenburgischen Landsberg, das heute Gorz\u00f3w Wielkopolski hei\u00dft.<\/p>\n<p>Im Westen Deutschlands wurden die Vertreibungen zun\u00e4chst politisch benutzt, um das Vordringen der Sowjetunion, die Untaten der Roten Armee und das Unrecht der sogenannten\u00a0<q>Vertreiberstaaten<\/q>anzuklagen. Zwar hatten die Vertriebenenverb\u00e4nde fr\u00fch auf die Anwendung von Gewalt verzichtet, und der von den Alliierten bef\u00fcrchtete Revanchismus blieb aus. Doch f\u00fcr Christ- wie f\u00fcr Sozialdemokraten galt:\u00a0<q>Dreigeteilt \u2013 niemals<\/q>. Noch 1963 verk\u00fcndete Willy Brandt auf dem Deutschlandtreffen der Schlesier:\u00a0<q>Verzicht ist Verrat<\/q>.<\/p>\n<p>Deutsche \u2013 beileibe nicht nur die Vertriebenen \u2013 verstanden sich damals vor allem als Opfer.<\/p>\n<p>Ein Perspektivwechsel breiterer Kreise setzte erst Mitte der 1960er Jahre ein \u2013 wesentlich vorangetrieben durch die Ostdenkschrift der evangelischen Kirche und den Brief der polnischen katholischen Bisch\u00f6fe an ihre deutschen Amtsbr\u00fcder, der unter der programmatischen \u00dcberschrift stand:\u00a0<q>Wir vergeben und bitten um Vergebung.<\/q>\u00a0Mit dem Warschauer Vertrag 1970 wurde die neue polnische Westgrenze de facto von der Bundesregierung und \u2013 mit knapper Mehrheit \u2013 auch vom Parlament anerkannt. Die damaligen Debatten in der deutschen Gesellschaft waren schmerzlich, aber sie waren notwendig, um neue Wege zu finden.<\/p>\n<p>Viele von Ihnen, die Sie heute hier versammelt sind, d\u00fcrften sich noch an die gro\u00dfe Entt\u00e4uschung, ja Bitterkeit erinnern, mit denen nicht wenige Vertriebene dem faktischen Verzicht auf die Ostgebiete begegneten. Im Herzen fiel es immer noch schwer, die Realit\u00e4ten zu akzeptieren, auch weil die Landsmannschaften ebenso wie Parteipolitiker \u00fcber lange Jahre Anspr\u00fcche verteidigt und Illusionen gesch\u00fcrt hatten. Doch <q>niemand kann heute mehr hoffen, dass die verlorenen Gebiete je wieder deutsch sein werden<\/q>, schrieb Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff.\u00a0<q>Wer anders denkt, der m\u00fcsste schon davon tr\u00e4umen, sie mit Gewalt zur\u00fcckzuerobern.<\/q>\u00a0Die Vertriebenenverb\u00e4nde, die auf Konfrontationskurs zur neuen Ostpolitik der Regierung Brandt gingen, erschienen vielen fortan als St\u00f6renfriede einer au\u00dfenpolitischen Neuorientierung.<\/p>\n<p>Seit den 1970er Jahren lernten die Deutschen zunehmend, ihr Leid einzuordnen in den historischen Kontext. Was ihnen angetan worden war, wurde nun vor dem Hintergrund dessen gesehen, was Deutsche \u2013 zuvor \u2013 Anderen angetan hatten. So empfinde ich auch das Musikst\u00fcck des deutsch-polnischen Jugendorchesters Frankfurt\/Oder, das wir zu Beginn dieser Feierstunde geh\u00f6rt haben. Vertreter der jungen Generation sagen uns hier mit der Sprache der Musik:\u00a0<q>Ja, wir wissen, von wem dieses Unrecht ausging.<\/q>\u00a0Es war doch das nationalsozialistische Deutschland, das Tod und Verderben \u00fcber Europa gebracht hat, das Vertreibung, Gewalt, Besatzungsterror und Vernichtung zur Alltagserfahrung f\u00fcr viele V\u00f6lker Europas werden lie\u00df. Und das einen\u00a0<q>Generalplan Ost<\/q>\u00a0entwickelte, nach dem ganze V\u00f6lker als vermeintlich minderwertig von der Landkarte getilgt und zum Teil ermordet werden sollten.<\/p>\n<p>So wie in den Jahren zuvor die Betonung des Leids der Deutschen dazu gedient hatte, Deutsche zu entschulden, so verdr\u00e4ngte nun allerdings das Bewusstsein von der Schuld der Deutschen jede Empathie f\u00fcr die deutschen Opfer. Heimatverlust wurde weitgehend akzeptiert als vermeintlich zwangsl\u00e4ufige Strafe f\u00fcr die Verbrechen von Deutschen. So dachten auch viele Bewohner der\u00a0<abbr title=\"Deutsche Demokratische Republik\">DDR<\/abbr>, und so hatte es die dort diktatorisch regierende\u00a0<abbr title=\"Sozialistische Einheitspartei Deutschlands\">SED<\/abbr>\u00a0als Deutungsmuster durchzusetzen versucht.<\/p>\n<p>Heute vermag ich nicht ohne eine gewisse Scham daran zu denken. Denn in den 1950er Jahren war ich, wie die meisten Ostdeutschen, durch die westdeutschen Medien informiert \u00fcber die Schicksale von Vertriebenen. Und an den langen Sonnabendnachmittagen meiner Jugend hatte ich die vielen Rundfunkwunschkonzerte vom nordwestdeutschen Rundfunk geh\u00f6rt, hatte Dutzende Male das Ostpreu\u00dfenlied vernommen und selbst die Sehnsucht nach dem\u00a0<q>Land der dunklen W\u00e4lder und kristall\u2019nen Seen<\/q>\u00a0gesp\u00fcrt. Umso unverst\u00e4ndlicher, warum ich, warum wir Einheimischen sp\u00e4ter so bereitwillig verdr\u00e4ngten, dass andere, die Vertriebenen, so unendlich mehr bezahlt hatten f\u00fcr den gewaltsamen, grausamen Krieg als wir. Warum wir, die wir unsere Heimat behalten hatten, aufzurechnen begannen und eigene Bombardierungen und Tote anf\u00fchrten, um uns gegen die Trauer der Anderen zu immunisieren. Mit politischen Thesen blockierten wir die uns m\u00f6gliche Empathie.<\/p>\n<p>Heute wei\u00df ich: Wer die Gef\u00fchle des Anderen abwehrt, wehrt auch die eigenen Gef\u00fchle ab. Offenheit f\u00fcr das Leid des Anderen hingegen f\u00fchrt zu Verst\u00e4ndnis und N\u00e4he. Daran sollten wir auch heute denken, wenn in unserem Ort, in unserem Stadtteil oder in unserer Nachbarschaft Fremde einquartiert werden, die des Schutzes bed\u00fcrfen. Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Leid des Anderen ist eine Grundvoraussetzung mitmenschlichen Zusammenlebens.<\/p>\n<p>Doch Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Leid des Anderen hatten in Deutschland zeitweise nicht einmal die S\u00f6hne und T\u00f6chter der Gefl\u00fcchteten und Vertriebenen. Viele von ihnen wollten nichts h\u00f6ren vom verlorenen Zuhause der Eltern und von ihren Fluchtgeschichten. Es war ihnen peinlich, wenn auf Geburtstagen bei fortgeschrittener Stunde alte Heimatlieder angestimmt wurden und den Verwandten die Tr\u00e4nen in die Augen traten. Heimatliebe war diskreditiert durch die nationalsozialistische Propaganda, durch die romantisch-verkl\u00e4renden Heimatfilme der 1950er Jahre und nicht zuletzt durch die Rhetorik mancher Vertriebenenfunktion\u00e4re. Mitleid mit Vertriebenen galt nicht selten als Relativierung historischer Schuld, als Geschichtsrevisionismus, als eine Umdeutung von T\u00e4tern zu Opfern.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise hat unsere Gesellschaft ihre zeitweilige Abwehrhaltung seit Anfang der 1990er Jahre Schritt f\u00fcr Schritt aufgegeben. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag und der Grenzvertrag zwischen der Republik Polen und dem wiedervereinigten Deutschland schreiben die v\u00f6lkerrechtliche Verbindlichkeit der Oder-Nei\u00dfe-Grenze endg\u00fcltig fest.<\/p>\n<p>Zudem ist Europa wieder zusammengewachsen. Man kann wieder frei in Gegenden reisen, die \u00fcber vier Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden waren. Hunderttausende Vertriebene und ihre Kinder haben seit den 1990er Jahren vor Nicht-Mehr-Elternh\u00e4usern gestanden, vor Nicht-Mehr-Protestantischen-Kirchen, vor Nicht-Mehr-Deutschen-Schulgeb\u00e4uden und auf park\u00e4hnlichem oder verwildertem Gel\u00e4nde, wo sie oft vergeblich nach den Gr\u00e4bern der Verwandten suchten. Und als Deutschland in eben jenen Jahren auch noch mehrere Hunderttausend B\u00fcrgerkriegsfl\u00fcchtlinge aus Jugoslawien aufnahm, fragten sich viele besch\u00e4mt: Mit welcher Begr\u00fcndung k\u00f6nnen wir den eigenen M\u00fcttern und Gro\u00dfm\u00fcttern jene Empathie verweigern, die wir den vergewaltigten Frauen in Bosnien zu Recht entgegenbringen? Die Erfahrung aktuellen Unrechts hat dazu beigetragen, dem weit Zur\u00fcckliegenden mit neuer Empathie zu begegnen.<\/p>\n<p>Wer die Heimat zwangsweise verlassen muss, sp\u00fcrt h\u00e4ufig eine lebenslange Wunde, die nur oberfl\u00e4chlich verheilt und immer wieder aufbricht. Und so haben wir respektieren gelernt, was die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann folgenderma\u00dfen formulierte:\u00a0<q>Es gibt so etwas wie ein Menschenrecht auf die eigene Erinnerung, das man mit Zensur und Tabuisierung schwerlich aus der Welt schaffen kann.<\/q><\/p>\n<p>G\u00fcnter Grass reichten nicht einmal die 800 Seiten der\u00a0<q>Blechtrommel<\/q>, um sich das verlorene Danzig von der Seele zu schreiben. 43 Jahre sp\u00e4ter, Grass war inzwischen 75 Jahre alt, musste er im\u00a0<q>Krebsgang<\/q>\u00a0den Untergang der Heimat noch ein weiteres Mal inszenieren. \u00c4hnlich hatte sich auch Siegfried Lenz mit den Erz\u00e4hlungen \u00fcber Suleyken noch nicht von seiner Heimat gel\u00f6st. Gut 20 Jahre sp\u00e4ter erweckte er Masuren ein weiteres Mal zum Leben, und konnte sich dann nur gewaltsam davon trennen: Er lie\u00df das <q>Heimatmuseum<\/q> in Flammen aufgehen mit allen Exponaten, die nach der Flucht geblieben waren.<\/p>\n<p>Heute gibt es auch viele Nachgeborene, S\u00f6hne und T\u00f6chter, die, inzwischen selbst ins Alter gekommen, dieselbe Frage wieder zulassen, wie sie einst Christa Wolf stellte:\u00a0<q>Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind?<\/q>\u00a0Und so erleben wir Jahrzehnte nach den Ereignissen etwas Wunderbares: die Wiedergewinnung der uns m\u00f6glichen Empathie. Endlich ein tieferes Verst\u00e4ndnis der Nachgeborenen f\u00fcr das Trauma ihrer vertriebenen M\u00fctter und V\u00e4ter, endlich ein tieferes Verst\u00e4ndnis von Einheimischen f\u00fcr ihre Nachbarn und Freunde, die einst als Fl\u00fcchtlinge und Vertriebene gekommen sind. Und endlich eine umfassende Erinnerung an Krieg und Nachkrieg, in der Platz ist f\u00fcr Trauer, Schuld und Scham.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcndung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung im Jahre 2008 ist f\u00fcr mich ein wichtiges Zeichen dieser Entwicklung: Flucht und Vertreibung der Deutschen gehen ein in das Geschichtsbewusstsein der ganzen Nation, eingeordnet in einen Kontext, der uns nicht mehr von unseren Nachbarn trennt, den Kriegsgegnern von einst, sondern eine neue Verst\u00e4ndigung erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Jahrzehntelang geh\u00f6rte die Vertreibung der Deutschen in den Staaten Mittel- und Osteuropas zu den ideologisierten und politisch instrumentalisierten Themen: Vertreibung galt als gerechte Strafe f\u00fcr deutsche Verbrechen und Westdeutschland als Hort von Revanchismus und Revisionismus. Mit diesen Thesen vermochten kommunistische Regierungen sogar Menschen an sich zu binden, die ihnen im \u00dcbrigen tief misstrauten.<\/p>\n<p>Erst nach 1989, als Archive zug\u00e4nglich wurden, ideologische Barrieren fielen, Menschen sich ungehindert austauschen konnten und die Angst vor Grenzrevisionen und R\u00fcckgabeforderungen wich, da konnten auch Polen, Ungarn und andere mitteleurop\u00e4ische V\u00f6lker einen selbstkritischen Blick auf ihre eigene Geschichte werfen. Sogenannte ethnische\u00a0<q>S\u00e4uberungen<\/q>\u00a0sind heute \u00fcberall \u2013 zumindest in Europa \u2013 als Mittel der Politik diskreditiert, Vertreibungen in der Vergangenheit werden zunehmend als Unrecht anerkannt. Daf\u00fcr gibt es eindrucksvolle Zeugnisse, zum Beispiel diese:<\/p>\n<p>\u2022 Der Slowakische Nationalrat bat die Karpatendeutschen bereits Anfang 1991 um Verzeihung f\u00fcr ihre Evakuierung und Vertreibung.<\/p>\n<p>\u2022 W\u0142adys\u0142aw Bartoszewski, der unerm\u00fcdliche Br\u00fcckenbauer zwischen Polen und Deutschland, erkl\u00e4rte 1995 im Deutschen Bundestag:\u00a0<q>Das uns angetane B\u00f6se, auch das gr\u00f6\u00dfte, ist [&#8230;] keine Rechtfertigung [&#8230;] f\u00fcr das B\u00f6se, das wir selbst anderen zugef\u00fcgt haben.<\/q><\/p>\n<p>\u2022 In Ungarn legte das Parlament 2012 den 19. Januar als Nationalen Gedenktag f\u00fcr die Vertreibung der Ungarndeutschen und Donauschwaben fest, nachdem man dort schon im M\u00e4rz 1990 die Vertreibungen verurteilt und sich bei den Opfern und ihren Nachkommen entschuldigt hatte.<\/p>\n<p>\u2022 Das rum\u00e4nische Parlament verurteilte die Deportation von arbeitsf\u00e4higen Rum\u00e4niendeutschen in die Sowjetunion als politische Verfolgung und stimmte j\u00fcngst Entsch\u00e4digungszahlungen auch an Deutsche zu, die nicht mehr im Lande leben.<\/p>\n<p>\u2022 In Tschechien bat die Stadt Br\u00fcnn anl\u00e4sslich des 70. Jahrestages des sogenannten Br\u00fcnner Todesmarsches die Opfer der Vertreibung offiziell um Vergebung.\u00a0<q>Es tut nicht mehr so weh, wenn wir Fehler zugeben<\/q>, erkl\u00e4rte die junge tschechische Autorin Kate\u0159ina Tu\u010dkov\u00e1,\u00a0<q>im Gegenteil, wir empfinden dies als notwendig und reinigend.<\/q><\/p>\n<p>Solange Europa geteilt war, erschien kaum m\u00f6glich, was wir heute immer h\u00e4ufiger erleben: Das Belastende zwischen unseren V\u00f6lkern wird nicht mehr ausgeklammert, Leid nicht mehr gegeneinander aufgerechnet. Wenn Menschen sich ihre Geschichten erz\u00e4hlen, wird Heimatverlust erlebbar als eine gemeinsame existenzielle Erfahrung, als tiefes inneres Mitf\u00fchlen mit dem Anderen, ungeachtet seiner nationalen oder religi\u00f6sen Zugeh\u00f6rigkeit. Und deutsche Vergangenheit ist mehr und mehr ein Teil der Geschichte auch Polens, Tschechiens, der Slowakei, Lettlands und Ungarns geworden \u2013 und im Bewusstsein von Polen, Tschechen und Ungarn nicht selten lebendiger als im Bewusstsein von Deutschen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte diesen Tag nutzen, um unseren Nachbarl\u00e4ndern f\u00fcr ihre souver\u00e4nen Gesten und f\u00fcr ihr neues Vertrauen meinen tief empfundenen Dank auszusprechen.<\/p>\n<p>Unbehagen gegen\u00fcber den Fremden gab es zu allen Zeiten. Wir erleben es heute, wir erlebten es nach 1945, obwohl es sich bei den Fl\u00fcchtlingen um Landsleute handelte, die in derselben Kultur verankert und Teil derselben nationalen Geschichte waren. Fremd \u2013 das lernen wir daraus \u2013 ist jeweils derjenige, der neu in eine schon bestehende Gruppe hineinkommt und als Eindringling empfunden wird. Gr\u00fcnde f\u00fcr Distanz oder Ablehnung finden sich immer.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge und Vertriebenen nach Kriegsende wurden h\u00e4ufig diskriminiert und beschimpft als Polacken, Zigeuner, Rucksackdeutsche oder Habenichtse, wurden gebrandmarkt als r\u00fcckst\u00e4ndig und hatten sich angeblich dem Nazi-Reich besonders angedient. So fand die mangelnde Solidarit\u00e4t noch eine zynische Begr\u00fcndung.<\/p>\n<p>Nicht nur die Beschimpfungen aus den Schilderungen jener Jahre kommen mir seltsam vertraut vor: Fast niemand wollte sein Haus mit den\u00a0<q>Fremden<\/q>\u00a0teilen, bei Bewerbungen um freie Arbeitsstellen wurden Einheimische bevorzugt, die kulturellen Unterschiede weckten nur selten Neugier und Interesse. Noch jahrelang feierten Einheimische ihre eigenen Feste und Gottesdienste und r\u00fcmpften die Nase \u00fcber fremde Dialekte und fremde Ger\u00fcche.<\/p>\n<p>Es dauerte lange, bis Deutschland ein mit sich selbst ausges\u00f6hntes Land wurde. Ein Land, in dem die einen Heimat behalten und die anderen Heimat neu gewinnen konnten. Ein Land, in dem sich die einen nicht fremd und die anderen nicht ausgegrenzt f\u00fchlten.<\/p>\n<p>Die Erfahrung gelungener Integration von Fl\u00fcchtlingen blieb kein Einzelfall. Westdeutschland hat im Laufe der Jahrzehnte fast vier Millionen Fl\u00fcchtlinge aus der\u00a0<abbr title=\"Deutsche Demokratische Republik\">DDR<\/abbr>\u00a0aufgenommen. Es hat zehntausenden Gefl\u00fcchteten aus den kommunistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas eine neues Zuhause geboten, Fl\u00fcchtlingen aus B\u00fcrgerkriegsgebieten, Milit\u00e4rdiktaturen und zerfallenden Staaten, ob sie Griechenland oder T\u00fcrkei hie\u00dfen, Iran oder Jugoslawien. Deutschland hat also viel Erfahrung mit Fl\u00fcchtlingen und Vertriebenen, eine positive Erfahrung, auf die wir im \u00f6ffentlichen Diskurs viel zu selten zur\u00fcckgreifen. Dabei t\u00e4te uns R\u00fcckversicherung gut, wenn wir uns heute mit neuen Herausforderungen konfrontiert sehen.<\/p>\n<p>Noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren so viele Menschen entwurzelt wie augenblicklich: Gerade haben die Vereinten Nationen neue, erschreckende Fl\u00fcchtlingszahlen bekanntgegeben. Ende 2014 waren es weltweit 59,5 Millionen Menschen, 8 Millionen mehr als nur ein Jahr zuvor. Nie zuvor wurden so viele Fl\u00fcchtlinge gez\u00e4hlt. Die allermeisten sind Vertriebene im eigenen Land: rund 40 Prozent der Bev\u00f6lkerung in Syrien, Hunderttausende im Irak, im S\u00fcdsudan, im Kongo und in Nigeria. Die H\u00e4lfte aller Fl\u00fcchtlinge sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre \u2013 besonders bedr\u00fcckend! Selbst Europa erlebt einen massiven Anstieg von Binnenfl\u00fcchtlingen. In der Ukraine stieg ihre Zahl auf fast 650.000.<\/p>\n<p>Viele Fl\u00fcchtlinge bleiben in der N\u00e4he der Heimat, weil sie auf eine schnelle R\u00fcckkehr hoffen. Ich habe einige von ihnen getroffen: syrische Familien in einem Lager in der T\u00fcrkei. Aber immer mehr Menschen nehmen immer l\u00e4ngere, gef\u00e4hrlichere und kostspielige Fluchtwege in Kauf, um einen Neuanfang zu wagen: Viele streben nach Europa, dem Ort ihrer Sehnsucht, dem Kontinent der Freiheit und des Wohlstands, der ihnen und ihren Familien erm\u00f6glichen soll, ein besseres Leben ohne Gewalt, Angst und Hunger zu f\u00fchren. Ich habe einige von ihnen getroffen: junge Menschen aus Westafrika in einem Lager in Malta.<\/p>\n<p>Sie sind wochen-, monate- und manchmal jahrelang unterwegs und wehrlos Pl\u00fcnderern, Erpressern und Schleusern ausgeliefert. Sie werden ausgebeutet, ausgeraubt, gefoltert, sexuell missbraucht. Und sie riskieren ihr Leben, wenn sie sich auf \u00fcberladenen Lastwagen durch die Sahara und auf schrottreifen Frachtschiffen und untauglichen Schlauch- und Holzbooten auf das Mittelmeer wagen. Viele werden durch die Flucht erst recht traumatisiert.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge von heute sind nicht allein politische Nachfahren der Verfolgten w\u00e4hrend der nationalsozialistischen Diktatur, nicht allein Nachfahren der Vertriebenen bei Kriegsende. Sie sind auch Wahlverwandte jener verfolgten und verarmten Menschen in den D\u00f6rfern und St\u00e4dten des 19. Jahrhunderts, an die Edgar Reitz in seinem Film\u00a0<q>Die andere Heimat<\/q>\u00a0eindringlich erinnerte. Wir haben es fast vergessen: Auch Deutschland war einmal ein Land voller verzweifelter, hoffender Auswanderer. Fast 5,5 Millionen Deutsche trieb es zwischen 1812 und 1912 trotz lebensgef\u00e4hrlicher \u00dcberfahrten \u00fcber den Atlantik zu einem ungewissen Neuanfang in Amerika. Sie flohen vor der Not, und sie flohen vor politischer Repression und religi\u00f6ser Intoleranz \u2013 so wie die Fl\u00fcchtlinge und viele Migranten heute.<\/p>\n<p>Wir stehen vor einer gro\u00dfen Herausforderung, einer Herausforderung von neuer Art und neuer Dimension. In den letzten f\u00fcnf Jahren sind mindestens f\u00fcnfzehn neue Konflikte entflammt oder wieder ausgebrochen \u2013 in Afrika, im Nahen Osten und auch in Europa. Die staatlichen Strukturen ganzer Regionen drohen zu zerfallen. Je l\u00e4nger B\u00fcrgerkriege, islamistischer Terror, bewaffnete Konflikte zwischen Regierungen und Rebellen oder Separatisten dauern, je mehr sich Anarchie, Armut, Korruption und Perspektivlosigkeit breit machen, desto mehr Menschen werden ihre Familie, ihre Freunde, ihre Heimat verlassen. Die Fl\u00fcchtlingszahlen d\u00fcrften \u2013 auch mittelfristig \u2013 weiter steigen.<\/p>\n<p>Angesichts dieser dramatischen Entwicklung haben wir unseren Blick zu weiten. Fl\u00fcchtlingspolitik ist l\u00e4ngst mehr als Innenpolitik. Fl\u00fcchtlingspolitik reicht l\u00e4ngst hinein in unsere Au\u00dfen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik.<br \/>\nBeginnen wir mit dem, was selbstverst\u00e4ndlich sein sollte: Es ist meines Erachtens eine moralische Pflicht aller Staaten Europas, Fl\u00fcchtlinge vor dem Tod im Mittelmeer zu retten. Wir w\u00fcrden unsere Selbstachtung verlieren, wenn wir Menschen, die vor den Toren unseres Kontinents auf dem Wasser treiben, sich selbst \u00fcberlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Es sollte meines Erachtens auch eine selbstverst\u00e4ndliche moralische Pflicht aller Staaten Europas bleiben, Menschen eine sichere Zuflucht zu gew\u00e4hren, die \u2013 wie es das Grundgesetz in Artikel 16a und die Bestimmungen des Genfer Fl\u00fcchtlingsschutzes festhalten \u2013 aus politischen, ethnischen, religi\u00f6sen und rassischen Gr\u00fcnden verfolgt werden. Einen derartigen Schutz halte ich nicht f\u00fcr verhandelbar und solange f\u00fcr verpflichtend, bis diese Menschen gefahrlos in ihre Heimat zur\u00fcckkehren oder auch in Deutschland oder anderswo an einem anderen sicheren Ort bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Deutschland hat gelernt im Umgang mit Asylbewerbern: Heute reagieren wir ganz anders auf den Anstieg der Fl\u00fcchtlingszahlen als noch vor zwanzig Jahren. Es freut mich, wie viel Anteilnahme zahlreiche B\u00fcrger unseres Landes f\u00fcr B\u00fcrgerkriegsfl\u00fcchtlinge und politisch Verfolgte aufbringen, wie viele Patenschaften \u00fcbernehmen, Sprachkenntnisse vermitteln, Asylbewerber bei Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen begleiten, ein Zimmer zur Verf\u00fcgung stellen. Der Blick auf das Leiden der Anderen \u2013 er hat sich in unserem Land gesch\u00e4rft.<\/p>\n<p>In der Diskussion \u00fcber den Umgang mit Fl\u00fcchtlingen ist noch viel zu kl\u00e4ren. Zun\u00e4chst gilt es, sich \u00fcber die Fakten zu verst\u00e4ndigen. Fast die H\u00e4lfte der Asylbewerber kommt zurzeit noch aus dem Westbalkan, dessen L\u00e4nder zum Teil vom Gesetzgeber trotz mancher Bedenken als sichere Herkunftsstaaten eingestuft wurden. Die Anerkennungsquote von Fl\u00fcchtlingen aus diesem Raum liegt bei 0,1 bis 0,2 Prozent. Die andere H\u00e4lfte der Asylbewerber in Deutschland aber stammt aus L\u00e4ndern, in denen Krieg, Terror oder eine Diktatur herrschen \u2013 augenblicklich kommen sie vor allem aus Syrien, Eritrea und dem Irak. Die Anerkennungsquoten liegen zwischen 70 und mehr als 90 Prozent.<\/p>\n<p>Es sind neben vielen Muslimen auch Christen und Jesiden darunter. Menschen, die aus ihren D\u00f6rfern vertrieben, zu Bekehrungen und Schutzgeldzahlungen gezwungen wurden. Deren Kinder auf der Flucht verdursteten und verhungerten, und deren Frauen als Beute verkauft wurden. Es sind unbegleitete Minderj\u00e4hrige darunter, Kinder und Jugendliche, die Angeh\u00f6rige in bewaffneten Konflikten oder auf der Flucht verloren haben. Sie alle suchten ein freies und ein sicheres Land. Ein Land, in dem sie ihren Glauben aus\u00fcben k\u00f6nnen, nicht missbraucht und nicht gewaltsam unterdr\u00fcckt werden. Ein Land, in dem sie ihr Leben in Freiheit selbst bestimmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir wissen, dass weder Deutschland noch Europa allen, die dies w\u00fcnschen, eine Zuflucht und eine Zukunft bieten k\u00f6nnen. Fl\u00fcchtlingspolitik muss daher \u00fcber die Europ\u00e4ische Union hinaus reichen. Wir haben st\u00e4rker als bisher unmittelbare Nachbarstaaten von Krisengebieten zu unterst\u00fctzen. Wir haben uns st\u00e4rker als bisher um eine Stabilisierung der L\u00e4nder Nordafrikas und besonders auch des Westbalkan zu k\u00fcmmern. Schlie\u00dflich muss uns weiterhin an einer gezielteren Bek\u00e4mpfung der Fluchtursachen vor Ort gelegen sein \u2013 allerdings im Wissen darum, dass alles, was wir tun, kaum Erfolge zeitigen wird, solange Regierungen den Aufbau einer friedlichen, sicheren und lebenswerten Zukunft f\u00fcr ihre V\u00f6lker nicht st\u00e4rker in die eigene Hand nehmen.<\/p>\n<p>Betrachten wir also vor allem unsere M\u00f6glichkeiten in Deutschland und in Europa, hier, wo wir Einfluss haben und unmittelbar Verantwortung tragen. Wir haben die Seenotrettung im Mittelmeer zwar wieder verst\u00e4rkt, aber viele andere Fragen immer noch nicht gekl\u00e4rt: Wie bek\u00e4mpfen wir Banden krimineller Schlepper? Wie sehen neue, sichere Formen der Anerkennung von Fl\u00fcchtlingen aus? Wie werden die Fl\u00fcchtlinge in Europa gerechter verteilt, wie wird in allen Mitgliedstaaten ein Asylsystem mit \u00e4hnlichen Standards aufgebaut? Wie gehen wir menschlich mit abgelehnten Asylbewerbern um?<\/p>\n<p>Kurzum: Wie stellen wir sicher, dass wir, bedingt durch die Dimension des Problems, mehr tun? Und zwar mehr von allem: mehr aufnehmen und mehr helfen, zugleich aber besser steuern, schneller entscheiden, und ja, auch konsequenter abweisen \u2013 damit wir aufnahmef\u00e4hig f\u00fcr diejenigen bleiben, zu deren unbedingtem Schutz wir uns verpflichtet haben und die unserer Hilfe st\u00e4rker als andere bed\u00fcrfen.<\/p>\n<p>In j\u00fcngster Zeit ist n\u00e4mlich erneut die Frage zu h\u00f6ren: Wie viele Fl\u00fcchtlinge kann unsere Gesellschaft \u00fcberhaupt verkraften? Eine Nation lebt vom Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, vom Vertrauen, der Kooperation und vom Mitgef\u00fchl unter ihren B\u00fcrgern. Fl\u00fcchtlinge und andere Zuwanderer erh\u00f6hen einerseits die soziale und kulturelle Vielfalt und vergr\u00f6\u00dfern die Innovationskraft der Gesellschaft. Andererseits wissen wir aus j\u00fcngsten Untersuchungen, dass gegenseitige R\u00fccksichtnahme und die Bereitschaft zur Solidarit\u00e4t innerhalb einer Gesellschaft auch zur\u00fcckgehen k\u00f6nnen, wenn etwa die Zahl der Fl\u00fcchtlinge und Zuwanderer in Ballungsr\u00e4umen zu schnell und zu stark steigt oder die kulturelle Distanz allzu gro\u00df erscheint.<\/p>\n<p>Zugleich d\u00fcrfen wir aber die M\u00f6glichkeiten von Fl\u00fcchtlingen und die Chancen f\u00fcr unsere Gesellschaft nicht verkennen. Erinnern wir uns daran, welch gro\u00dfen Anteil Fl\u00fcchtlinge und Vertriebene am erfolgreichen Wiederaufbau Deutschlands hatten. Eben diesen Geist, der den Neuanfang sucht und die Zukunft gestalten will, erkenne ich auch bei vielen Fl\u00fcchtlingen von heute.<\/p>\n<p>\u00dcber Entwurzelte wollten wir heute sprechen.<\/p>\n<p>\u00dcber Fl\u00fcchtlinge und Vertriebene, zwangsweise Emigrierte.<\/p>\n<p>Und wir sehen: Wir geraten mitten hinein in ein gro\u00dfes Thema der Weltpolitik und zugleich mitten hinein in ein gro\u00dfes politisches und moralisches Dilemma.<\/p>\n<p>In der Abw\u00e4gung zwischen Idealen der Humanit\u00e4t und Realpolitik kann es keine ideale L\u00f6sung geben. Die gibt es fast nie. In der Politik k\u00f6nnen wir uns nur entscheiden zwischen guten und weniger guten L\u00f6sungen, manchmal sogar nur zwischen schlechten und weniger schlechten L\u00f6sungen.<\/p>\n<p>Vor 70 Jahren hat ein armes und zerst\u00f6rtes Deutschland Millionen Fl\u00fcchtlinge zu integrieren vermocht. Denken wir heute nicht zu klein von uns. Haben wir Vertrauen in die Kr\u00e4fte, \u00fcber die dieses Land verf\u00fcgt. Wir brauchen immer auch ein Selbstbild, das uns tr\u00e4gt. Und wir werden uns selbst auf Dauer nur akzeptieren k\u00f6nnen, wenn wir heute alles tun, was uns m\u00f6glich ist. Warum sollte ein wirtschaftlich erfolgreiches und politisch stabiles Deutschland nicht f\u00e4hig sein, in gegenw\u00e4rtigen Herausforderungen die Chancen von morgen zu erkennen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00f6chten Sie \u00fcber \u00e4hnliche Themen erfahren? Dr\u00fccken auch Sie ein Like auf die \u2013&gt;\u00a0Zentrum Facebook-Seite Rede des deutschen Bundespr\u00e4sidenten Joachim Gauck am\u00a0Gedenktag f\u00fcr die Opfer von Flucht und Vertreibung\u00a0im Schl\u00fcterhof des Deutschen Historischen Museums. Berlin, 20. 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