{"id":24592,"date":"2016-01-29T15:00:30","date_gmt":"2016-01-29T14:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zentrum.hu\/?p=24592"},"modified":"2016-02-08T17:22:35","modified_gmt":"2016-02-08T16:22:35","slug":"gedenktag-an-die-vertreibung-und-verschleppung-der-ungarndeutschen-in-wudersch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zentrum.hu\/de\/2016\/01\/gedenktag-an-die-vertreibung-und-verschleppung-der-ungarndeutschen-in-wudersch\/","title":{"rendered":"Verantwortung vor der Geschichte"},"content":{"rendered":"<h5>M\u00f6chten Sie \u00fcber \u00e4hnliche Themen erfahren?<br \/>\nDr\u00fccken auch Sie ein Like auf die \u2013&gt; <a title=\"Ungarndeutsche Nachrichten\" href=\"http:\/\/facebook.com\/zentrumhu\" target=\"_blank\">Zentrum Facebook-Seite<\/a><\/h5>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u201eVerantwortung vor der Geschichte\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Im Anschluss an eine feierliche Kranzniederlegung auf dem Alten Friedhof von Wudersch, beim Landesdenkmal zur Vertreibung der Ungarndeutschen, wurde am 70. Jahrestag der Vertreibung und Deportation die heilige Messe in der katholischen Sankt-Johann-von-Nepomuk-Kirche von Pfarrer Gregor Stratmann zelebriert.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/kranzniederlegung-354x266.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-24593\" title=\"Foto: Bajtai L\u00e1szl\u00f3\" alt=\"kranzniederlegung-354x266\" src=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/kranzniederlegung-354x266.jpg\" width=\"354\" height=\"266\" \/><\/a><\/p>\n<p>In seiner Predigt hob Pfarrer Stratmann die \u201eVerantwortung vor der Geschichte\u201c hervor, Voraussetzungen f\u00fcr die Situationen des Erinnerns seien die W\u00fcrdigung des vergangenen Ereignisses durch den Aspekt der nachdenklichen R\u00fcckschau sowie die Erinnerungskultur, also die Frage danach, wie wir nicht nur im Gedenken mit Erinnerungen umgehen, sondern wie wir zu der Wachhaltung dieser stehen und was wir aus diesen lernen. Als Pfarrer von vertriebenen Schlesiern in Deutschland betonte Stratmann, welch wichtige Bedeutung dem Kirchengesangbuch zukam. In den F\u00fcrbitten wurde auf die Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me von heute hingewiesen, um u. a. f\u00fcr rechte Behandlung, die Annahme von Fremdartigem zu beten.<br \/>\nDas Unrecht, das sich in das kollektive Ged\u00e4chtnis dieses Landes eingeschrieben hat, begann vor 70 Jahren. Am 19. J\u00e4nner rollten die ersten Z\u00fcge mit Vertriebenen aus Wudersch. Aus Erinnerungen von Zeitzeugen sowie aus Ausz\u00fcgen von damaligen Beschl\u00fcssen bez\u00fcglich der Vertreibung wurde von Mitgliedern der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen und Wuderschern ein ungarischsprachiges Programm vorgetragen. Als traurigsten Tag der Wuderscher Geschichte bezeichnete Tam\u00e1s Wittinghoff, B\u00fcrgermeister der Stadt, die Vertreibung. \u201eMein Vater war der Meinung, dass wir keine S\u00fcnden begangen haben, dass man uns v\u00f6llig ungerecht ausgesiedelt hat\u201c, zitierte Otto Heinek, Vorsitzender der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, eine Zeitzeugin. (Die Rede ver\u00f6ffentlichen wir im Wortlaut.)<br \/>\nEhrliche Erinnerung sei Grundvoraussetzung des europ\u00e4ischen Vers\u00f6hnungsprinzips, hob der Beauftragte der Bundesregierung f\u00fcr Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Hartmut Koschyk hervor und w\u00fcrdigte die Minderheitenpolitik Ungarns. Der Gedenktag stehe \u201ef\u00fcr den vorbildlichen Umgang Ungarns mit dem Schicksal von Flucht und Vertreibung\u201c. (Die Rede ver\u00f6ffentlichen wir im Wortaut.)<br \/>\nDie wichtigste tragende S\u00e4ule der b\u00fcrgerlichen Welt sei \u201edie Gerechtigkeit\u201c betonte Ministerpr\u00e4sident Viktor Orb\u00e1n in seiner Rede. Die Leidensgeschichte vor 70 Jahren solle uns erinnern, \u201edass es das unver\u00e4u\u00dferliche Recht des Menschen ist, dort zu leben, wo er geboren worden ist, in der Kultur, in dem Land, in der Siedlung, die sein eigenes Zuhause ist. Und uns m\u00f6ge der Herrgott ausreichend Ausdauer und Geduld geben, damit wir Europa verteidigen und erhalten k\u00f6nnen, und er m\u00f6ge uns gen\u00fcgend Kraft geben, damit wir das Recht darauf, in der eigenen Heimat bleiben zu d\u00fcrfen, auch au\u00dferhalb Europas durchsetzen k\u00f6nnen\u201c, so Orb\u00e1n. \u201eAls ein ewiges Memento f\u00fcr die nach Sibirien zur Zwangsarbeit verschleppten f\u00fcnfundsechzigtausend Menschen und f\u00fcr die zur Aussiedlung verurteilten deutschen Familien\u201c stehe der staatliche Gedenktag der Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen. Das Jubil\u00e4um sei aber nicht nur ein Gedenken, \u201esondern auch ein Aufruf, all das nicht zu vergessen, was die Ungarndeutschen f\u00fcr Ungarn getan haben und bis auf den heutigen Tag tun\u201c. Er wies u. a. auf das reiche deutsche Erbe Ungarns hin, auf die erste ungarische Literaturgeschichte von Ferenc Toldy, auf die Architekten Imre Steindl und \u00d6d\u00f6n Lechner, \u201ederen F\u00e4den tief in das Gewebe der ungarischen Kultur eingeflochten sind. Wenn wir diese F\u00e4den herausz\u00f6gen, so w\u00fcrde das gesamte Gewebe zerfallen. Die ungarische schw\u00e4bische Gemeinschaft stellt einen organischen und unver\u00e4u\u00dferlichen Bestandteil der ungarischen Kultur dar. Wenn vor siebzig Jahren die Vertriebenen all das mitgenommen h\u00e4tten, was die Ungarndeutschen oder Menschen deutscher Abstammung seit ihrer Ansiedlung f\u00fcr die ungarische Wirtschaft und Kultur getan hatten, dann w\u00e4re Ungarn heute bedeutend \u00e4rmer\u201c, betonte der Ministerpr\u00e4sident.<br \/>\nOrb\u00e1n versicherte die Zuh\u00f6rer der Unterst\u00fctzung der Regierung bei der \u201eBewahrung der Identit\u00e4t und der Kultur der in unserer Heimat lebenden deutschen Mitb\u00fcrger\u201c, seit 2014 h\u00e4tten ja die Sprecher der Nationalit\u00e4ten im ungarischen Parlament die M\u00f6glichkeit, sich in ihrer Muttersprache zu \u00e4u\u00dfern. \u201eEs erf\u00fcllt uns mit Freude, dass sich in den vergangenen vier Jahren die Zahl der deutschen Schulen verf\u00fcnffacht und die Anzahl der dort lernenden Sch\u00fcler verdreifacht hat. Und wir sind auch darauf stolz, dass sich die Zahl derer, die sich als zur Gemeinschaft der Ungarndeutschen geh\u00f6rig bekennen, heute schon beinahe die zweihunderttausend erreicht hat\u201c, so Orb\u00e1n.<br \/>\n\u201eEhrfurcht den Opfern. Geb\u00fchrende Erinnerung an die Leidenden. Ein Verneigen vor der Erinnerung an die Unschuldigen. Anerkennung und Ruhm jenen, die den in Not geratenen Ungarndeutschen geholfen hatten.\u201c Auf Viktor Orb\u00e1ns Schlussworte folgte Applaus in der Kirche.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr die Herausbildung eines modernen ungarndeutschen Bildes und Selbstbildes des 21. Jahrhunderts arbeiten<\/strong><br \/>\n<strong> Rede des LdU-Vorsitzenden Otto Heinek am Gedenktag an die Vertreibung in Wudersch<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eMein Vater war der Meinung, dass wir keine S\u00fcnden begangen haben, dass man uns v\u00f6llig ungerecht ausgesiedelt hat. Und mein Vater war der Meinung, dass wir Ungarn sind und alles, was wir haben, hier ist. Wir gehen nach Hause, weil wir hierher geh\u00f6ren. Er war der Meinung, dass das seine Heimat ist, also kommt er heim.\u201d<\/em><br \/>\nEine aus einem Tolnauer Dorf mit ihrer \u00e4lteren Schwester und ihren Eltern vertriebene Frau erinnert sich an ihr Lebenstrauma mit diesen Worten. Sie war damals zw\u00f6lf Jahre alt. Die Familie hat einige Monate in Bayern verbracht und hat sich dann entschieden, nach Hause zu kommen. Sie wollten nach Hause, weil dies ihre Heimat ist. So einfach ist das! In Budapest hat man sie dann verhaftet, Eltern und Schwester kamen f\u00fcr ein Jahr in Abschiebehaft. Das zw\u00f6lfj\u00e4hrige M\u00e4dchen wurde in dieser Zeit von den Gro\u00dfeltern erzogen. Sp\u00e4ter sind dann auch die Gro\u00dfeltern vertrieben worden, die vierk\u00f6pfige Familie durfte aber bleiben.<br \/>\nAn diese Menschen erinnern wir uns heute, an die Abertausende, die man ihrer Heimat, ihres Hauses, ihres ganzen Verm\u00f6gens beraubt hat. Was ihre S\u00fcnde war? Sie waren Deutsche und hatten einen Besitz, den man ihnen wegnehmen konnte. Unter den 200.000 vertriebenen Ungarndeutschen gab es sehr wenige, die Ungarn nicht als ihre Heimat betrachtet h\u00e4tten. Man hat aber einen S\u00fcndenbock gebraucht, verteilbares Verm\u00f6gen, und wollte einen ethnisch homogenen Staat schaffen.<br \/>\nEs gibt kaum eine ungarndeutsche Familie, die durch die Vertreibung nicht betroffen w\u00e4re und die keine \u00e4hnlichen Geschichten h\u00e4tte. Ich habe viele solche Geschichten geh\u00f6rt, gelesen. Sie haben eines gemeinsam: Man versteht nicht, wieso mit ihnen das Land so umgehen konnte, das sie als ihre Heimat betrachtet haben. Wir werden das vielleicht nie verstehen. Es ist aber wichtig, dass wir diese schmerzhaften Geschichten nicht vergessen, dass sie sich als mahnende Zeichen in das Bewusstsein der heutigen und zuk\u00fcnftigen Generationen und in die Erinnerungskultur einpr\u00e4gen.<br \/>\nWir wissen, dass ohne die Kenntnis und die Bew\u00e4ltigung der Vergangenheit jede Identit\u00e4t nur fragil und unvollst\u00e4ndig sein kann. Wir wissen aber auch, dass man keine Identit\u00e4t nur auf die Vergangenheit und auf das erfahrene Unrecht aufbauen kann.<br \/>\nWir leben in einer komplizierten Welt. Unsere soziale, wirtschaftliche, geographische Mobilit\u00e4t ist vollkommen anders als die unserer Gro\u00dfeltern es gewesen war. Unser n\u00e4heres und weiteres Umfeld ist ethnisch, kulturell sehr bunt geworden. Wir tragen verschiedene Identit\u00e4ten in uns, k\u00f6nnen gleichzeitig Deutsche und ungarische und europ\u00e4ische B\u00fcrger sein.<br \/>\nDie wichtigste Aufgabe f\u00fcr uns, die heute Verantwortung f\u00fcr die Zukunft der Ungarndeutschen tragen, ist alles f\u00fcr die Bewahrung unseres kulturellen Erbes, unserer Muttersprache zu unternehmen. F\u00fcr die St\u00e4rkung der deutschen und europ\u00e4ischen Elemente unserer Identit\u00e4t und f\u00fcr die Herausbildung eines modernen ungarndeutschen Bildes und Selbstbildes des 21. Jahrhunderts zu arbeiten. Keine leichte Aufgabe, aber wenn wir sie ernst nehmen und zusammenhalten \u2013 dann schaffen wir das!<\/p>\n<p><strong>Rede des Beauftragten der Bundesregierung f\u00fcr Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk<\/strong><\/p>\n<p>Es ist mir auch in diesem Jahr eine gro\u00dfe Ehre und ein besonderes Anliegen, als Beauftragter der Bundesregierung f\u00fcr Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten hier zu Ihnen sprechen zu k\u00f6nnen. Ich darf Ihnen bei dieser Gelegenheit die Gr\u00fc\u00dfe und guten W\u00fcnsche der Bundesregierung \u2013 hierbei insbesondere von unserer Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel, und unseren Bundesministern des Innern und des \u00c4u\u00dferen, Herrn Dr. Thomas de Maizi\u00e8re und Herrn Dr. Frank-Walter Steinmeier \u2013 \u00fcberbringen.<br \/>\nWir sind heute hier zusammengekommen, um gemeinsam der Abertausenden Ungarndeutschen zu gedenken, deren Vertreibung vor 70 Jahren hier von Wudersch\/Buda\u00f6rs aus begonnen hat. Mit der Vertreibung wurde der ungarndeutschen Minderheit kollektiv die Mitschuld an den Gr\u00e4ueltaten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft auferlegt. Das unermessliche Leid dieser Menschen, das diese ohne Unterscheidung ihrer individuellen Verstrickung in diese Verbrechen alleine aufgrund ihrer Volkszugeh\u00f6rigkeit zu ertragen hatten, darf nicht in Vergessenheit geraten.<br \/>\nBundespr\u00e4sident Prof. Dr. Roman Herzog hatte dies einmal so zum Ausdruck gebracht: \u201eKein Unrecht, und mag es noch so gro\u00df gewesen sein, rechtfertigt anderes Unrecht. Verbrechen sind auch dann Verbrechen, wenn ihm andere Verbrechen vorausgegangen sind.\u201c<br \/>\nLeid zu benennen hei\u00dft mitnichten anderes Leid und Unrecht kleinzureden oder zu relativieren. Auf dem Weg der Vers\u00f6hnung ist gerade die ehrliche und umfassende Erinnerung von besonderer Bedeutung. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im europ\u00e4ischen Raum mit Respekt f\u00fcr die Perspektive der Anderen ist unabdingbar f\u00fcr den weiteren Verst\u00e4ndigungs- und Vers\u00f6hnungsprozess.<br \/>\nIn diesem Sinne ist der Gedenktag f\u00fcr die vertriebenen Ungarndeutschen, den Sie in diesem Jahr nunmehr zum vierten Mal begehen, ein leuchtendes Beispiel f\u00fcr gelebte Vers\u00f6hnung. Daf\u00fcr ist Ihnen Deutschland sehr dankbar!<br \/>\nDer heutige Gedenktag verdeutlicht dar\u00fcber hinaus eindringlich, wie man mit schwierigen Kapiteln der Geschichte verantwortungsvoll umgeht. Er steht f\u00fcr den vorbildlichen Umgang Ungarns mit dem Schicksal von Flucht und Vertreibung. Dieser begann bereits 1990, als das ungarische Parlament die Vertreibung der Ungarndeutschen nach den Zweiten Weltkrieg ehrlich bedauerte und m\u00fcndete am 10. Dezember 2012 in der historischen Beschlussfassung der ungarischen Nationalversammlung, den 19. Januar zum j\u00e4hrlichen nationalen Gedenktag f\u00fcr die Opfer der Vertreibung zu erkl\u00e4ren.<br \/>\nMit Blick auf die dunklen Kapitel der deutsch-ungarischen Geschichte freue ich mich sehr, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Ungarn heute eng, freundschaftliche und vertrauensvoll sind.<br \/>\nF\u00fcr die freundschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden L\u00e4ndern haben die Angeh\u00f6rigen der deutschen Minderheit in Ungarn, eine ganz besondere Bedeutung.<br \/>\nVon meinen Besuchen in Ungarn, aus den offenen und zum Teil auch sehr pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chen sowie aus den vielen erfolgreichen Kultur- und Begegnungsveranstaltungen wei\u00df ich um den hohen Wert der Br\u00fcckenfunktion, die von der deutschen Minderheit in Ungarn und den ungarndeutschen Landsmannschaften in Deutschland zwischen unseren beiden L\u00e4ndern wahrgenommen wird.<br \/>\nAm 20. Juni dieses Jahres begehen wir in Deutschland bereits zum zweiten Mal den \u201eGedenktag f\u00fcr die Opfer von Flucht und Vertreibung\u201c. Mit dem Datum kn\u00fcpft die Bundesregierung an den Weltfl\u00fcchtlingstag der Vereinten Nationen an und erweitert das Fl\u00fcchtlingsgedenken um das Schicksal der Heimatvertriebenen. Das ist ein bedeutendes Zeichen der Verbundenheit mit den deutschen Opfern von Flucht, Vertreibung und Deportation, die von Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck durch seine pers\u00f6nliche Teilnahme und seine sehr einf\u00fchlsame Ansprache eindrucksvoll unterstrichen wurde. Bundespr\u00e4sident Gauck sagte unter anderem:<br \/>\n\u201eJahrzehntelang geh\u00f6rte die Vertreibung der Deutschen in den Staaten Mittel- und Osteuropas zu den ideologisierten und politisch instrumentalisierten Themen: Vertreibung galt als gerechte Strafe f\u00fcr deutsche Verbrechen und Westdeutschland als Hort von Revanchismus und Revisionismus. Mit diesen Thesen vermochten kommunistische Regierungen sogar Menschen an sich zu binden, die ihnen im \u00dcbrigen tief misstrauten.<br \/>\nErst nach 1989, als Archive zug\u00e4nglich wurden und ideologische Barrieren fielen, Menschen sich ungehindert austauschen konnten und die Angst vor Grenzrevisionen und R\u00fcckgabeforderungen wich, da konnten auch Polen, Ungarn und andere mitteleurop\u00e4ische V\u00f6lker einen selbstkritischen Blick auf die eigene Geschichte werfen. Sogenannte ethnische \u2018S\u00e4uberungen\u2018 sind heute \u00fcberall \u2013 zumindest in Europa \u2013 als Mittel der Politik diskreditiert, Vertreibungen in der Vergangenheit werden zunehmend als Unrecht anerkannt.\u201c<br \/>\nUnter den positiven Beispielen f\u00fcr diese Sicht auf die Geschichte nannte Bundespr\u00e4sident Gauck auch den vom ungarischen Parlament im Jahre 2012 beschlossenen Gedenktag f\u00fcr die Vertreibung der Ungarndeutschen, den wir heute gemeinsam begehen.<br \/>\nDar\u00fcber hinaus kann ich auch pers\u00f6nlich \u2013 gerade in meiner Funktion als Beauftragter der Bundesregierung f\u00fcr Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten \u2013 nur bekr\u00e4ftigen, dass die erfolgreiche Zusammenarbeit unserer beiden L\u00e4nder ohne das gegenseitige Verst\u00e4ndnis und den gegenseitigen Respekt der deutschen Minderheit in der ungarischen Mehrheitsbev\u00f6lkerung in dieser Form nicht m\u00f6glich w\u00e4re.<br \/>\nBundeskanzlerin Angela Merkel hat im August 2014 auf dem Tag der Heimat in einer Grundsatzrede zur Vertriebenen-, Aussiedler- und Minderheitenpolitik betont: \u201eEine entscheidende Rolle f\u00fcr die Bewahrung kultureller Tradition haben nat\u00fcrlich diejenigen, die in ihrer Heimat in Ost- und S\u00fcdosteuropa verblieben sind. Die Bindung an die deutsche Sprache und die dauerhafte Sicherung ihrer kulturellen Identit\u00e4t sind f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen der deutschen Minderheit von essenzieller Bedeutung. Ich m\u00f6chte mich herzlich bei all denen bedanken, die aus Deutschland heraus helfend die Hand reichen, um dies zu erm\u00f6glichen. Auch die Bundesregierung wird ihre Hilfen fortsetzen. Sie wird weiterhin Ma\u00dfnahmen zur Wahrung und St\u00e4rkung ihrer Identit\u00e4t und zur Verbesserung ihrer Lebensperspektiven f\u00f6rdern.\u201c<br \/>\nDie Selbstorganisationen der deutschen Minderheiten in Europa haben nicht nur eine wichtige Br\u00fcckenfunktion zu Deutschland, sondern sehen ihre Zukunft zuerst in der Gesellschaft ihrer jeweiligen Titularnation, in deren wirtschaftliches, gesellschaftliches, kulturelles und politisches Leben sie sich \u00fcber ihre Dachverb\u00e4nde aktiv einbringen. Die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen mit Otto Heinek an der Spitze erf\u00fcllt diesen Auftrag in vorbildlicher Weise. Mit ihren \u00fcber 400 lokalen Gliederungen ist die Landesselbstverwaltung ein hervorragendes Beispiel f\u00fcr die gelungene Integration in das gr\u00f6\u00dfere Ganze, ohne dass durch Assimilation die kulturellen und sprachlichen Eigenwerte aufgegeben werden.<br \/>\nWenn die ungarische Verfassung heute den nationalen Minderheiten \u00fcber eine blo\u00dfe Toleranz hinaus ausdr\u00fccklich die Rolle von \u201estaatsbildenden Faktoren\u201c zuschreibt, so zeugt dieses von einem zeitgem\u00e4\u00dfen Verst\u00e4ndnis von Minderheitenpolitik im europ\u00e4ischen Geist: Die Mehrheitsbev\u00f6lkerung sieht die Minderheiten nicht nur als Bereicherung an, sie will sich auch von ihr bereichern lassen. Dies ist ein zutiefst europ\u00e4isches Verst\u00e4ndnis von Minderheitenpolitik, f\u00fcr das wir dem ungarischen Volk sehr dankbar sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00f6chten Sie \u00fcber \u00e4hnliche Themen erfahren? Dr\u00fccken auch Sie ein Like auf die \u2013&gt; Zentrum Facebook-Seite \u201eVerantwortung vor der Geschichte\u201c Im Anschluss an eine feierliche Kranzniederlegung auf dem Alten Friedhof von Wudersch, beim Landesdenkmal zur Vertreibung der Ungarndeutschen, wurde am 70. 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