{"id":55786,"date":"2020-09-01T09:06:13","date_gmt":"2020-09-01T07:06:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zentrum.hu\/?p=55786"},"modified":"2020-09-01T09:06:13","modified_gmt":"2020-09-01T07:06:13","slug":"nachruf-auf-klaus-m-reiff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zentrum.hu\/de\/2020\/09\/nachruf-auf-klaus-m-reiff\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Klaus M. Reiff"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u201eEin Blick zur\u00fcck nach vorn\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>Lieber Klaus,<\/em><\/p>\n<p>mein Brief erreicht Dich seit dem 19. August nicht mehr. Doch bin ich zuversichtlich, Du wei\u00dft \u00fcber diese Zeilen Bescheid, bevor sie gedruckt vorliegen. Im Januar 2021 w\u00e4rest Du 80 geworden.<\/p>\n<p>Monate hindurch hast Du gek\u00e4mpft, um in der gewohnten Dimension unter uns bleiben zu k\u00f6nnen. Deine Ehefrau Gudrun hat Dich dabei ununterbrochen und hingebungsvoll unterst\u00fctzt. Die obligatorische Sommerreise mit Deiner Familie nach Schweden hast Du im Juli noch absolviert. Gudrun und Eure Tochter Tatjana haben f\u00fcr Dich immer bewerkstelligt, neue Kr\u00e4fte einfangen und sie zur Wirkung bringen zu k\u00f6nnen. Nicht nur Leiden, auch Gl\u00fccksmomente sind Dir immer wieder zuteil geworden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/Klaus-Reiff-2014.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-55789 alignnone\" title=\"Klaus Reiff 2014 in Schweden\" alt=\"Klaus Reiff 2014\" src=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/Klaus-Reiff-2014-316x500.jpeg\" width=\"316\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/Klaus-Reiff-2014-316x500.jpeg 316w, https:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/Klaus-Reiff-2014.jpeg 632w\" sizes=\"auto, (max-width: 316px) 100vw, 316px\" \/><\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr Gl\u00fccksmomente hast Du in Deiner Eigenschaft als Diplomat im Leben von vielen gesorgt. In den 1980er Jahren hast Du die gesellschaftlichen und politischen Umbr\u00fcche in Polen vor Ort erlebt. Deine Erlebnisse sind in einem spannenden Buch \u201ePolen: als deutscher Diplomat an der Weichsel\u201c zusammengefasst. Deine Studie ist \u201eein Blick zur\u00fcck nach vorn\u201c. Die im August 1980 pl\u00f6tzlich entstandene bl\u00fchende Presselandschaft der \u201eSolidarnosc\u201c fand mit der Verh\u00e4ngung des Kriegsrechts in Polen Mitte Dezember 1981 ein abruptes Ende. Die sofort begonnene Untergrundpresse \u2013 ein empfindliches Material \u2013 war nur schwer zug\u00e4nglich. Als Presseattach\u00e9 hast Du Dir vorgenommen, \u201ealle nur irgendwie erreichbaren Materialien aus dieser Zeit zu sammeln als Dokumentation einer revolution\u00e4ren Bewegung bei unserem polnischen Nachbarn, die, wie wir heute wissen, zum Fall des Kommunismus gef\u00fchrt hat und uns Deutschen schlie\u00dflich die Einheit brachte\u201c. Geplant, getan. Deine umfangreiche Sammlung von gedruckten Untergrundmaterialien der Solidarnosc hast Du der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Ende der 80er Jahre geschenkt.<\/p>\n<p>1993 hast Du als Kulturattach\u00e9 in Ungarn begonnen und in diesem Amt u. a. die kulturellen Anliegen der Ungarndeutschen effizient gef\u00f6rdert. Als damaliger Intendant der Deutschen B\u00fchne Ungarn habe ich um Deine Hilfe bei der Beschaffung eines eigenen Hauses f\u00fcr das Theater in Seksard gebeten. Dein Einsatz war au\u00dferordentlich erfolgreich. Der ungarische Staat und die Donauschw\u00e4bische Kulturstiftung des Landes Baden-W\u00fcrttemberg samt Partnerkreis und Partnerstadt finanzierten jeweils die H\u00e4lfte der Umbaukosten eines ehemaligen Kinos zu einer Spielst\u00e4tte.<\/p>\n<p>Das neue eigene Haus des deutschsprachigen Theaters Deutsche B\u00fchne Ungarn ist am 24. November 1994 mit Lessings \u201eNathan\u201c er\u00f6ffnet worden. Ein feierlicher Anlass in Anwesenheit vieler Eminenzen: u. a. von Staatspr\u00e4sident \u00c1rp\u00e1d G\u00f6ncz, Botschafter Dr. Otto Raban Heinichen, Botschaftsrat Klaus M. Reiff und Komitatstagsvorsitzendem J\u00f3zsef Pr\u00edger als Rechtstr\u00e4ger des Theaters. An dem Tag hast Du f\u00fcr Deinen \u201epers\u00f6nlichen Einsatz um die F\u00f6rderung der kulturellen und menschlichen Beziehungen zwischen Ungarn und Deutschland\u201c das Kleinkreuz des Verdienstordens der Republik Ungarn verliehen bekommen.<\/p>\n<p>Du bist immer und \u00fcberall pr\u00e4sent gewesen, wo es einen Sinn gehabt hat, im Interesse der Ungarndeutschen Flagge zu zeigen. Du hast Spuren wahrscheinlich in allen ungarndeutschen Ortschaften hinterlassen. In jedem Dorf, in jeder Stadt sind viele Menschen zusammengekommen, um Dich sprechen zu k\u00f6nnen. Alle Programme sind nur auf der Oberfl\u00e4che perfekt abgewickelte diplomatische Anl\u00e4sse gewesen, die Menschen vor Ort haben es durch die Gespr\u00e4che begriffen, die aufrichtigen und stabilen menschlichen Beziehungen machen uns stark. Nach pr\u00e4ziser Orientierung hast Du mutig Pl\u00e4ne geschmiedet, die Du auch kompetent verwirklicht hast. Damit hast Du Werte geschaffen. Sind irgendwelche Koryph\u00e4en f\u00fcr die Umsetzung der Pl\u00e4ne erforderlich gewesen, so hast Du sie ins Boot geholt. F\u00fcr unsere ungarndeutschen Anliegen hast Du Deine Chefs sensibilisiert und sie mitgerissen sowie befl\u00fcgelt. Um keine kostbare Zeit etwa wegen Stau in der Stadt zu verlieren, bist Du jeden Tag in aller Fr\u00fch von Ofen nach Pesth gefahren. Bereits ab 7 Uhr bist Du gew\u00f6hnlich in Deinem B\u00fcro der Botschaft in der Stef\u00e1nia \u00fat schon Deinen t\u00e4glichen Aufgaben nachgegangen.<\/p>\n<p>Mit Gudrun, Deiner Ehefrau an der Seite, hast Du uns verstanden, Ihr habt mit uns zusammengelebt. Bald sind wir Freunde geworden. Die gemeinsam verbrachte Zeit hatte immer Tiefe, sie war immer ideenreich, belebend und anregend. Ihr habt regelm\u00e4\u00dfig ungarndeutsche Pers\u00f6nlichkeiten und K\u00fcnstler in Eure Residenz eingeladen. Im Winter sind wir im Wohnzimmer gesessen, von Fr\u00fchling bis Herbst haben wir im Garten gegrillt.<\/p>\n<p>Gegen Ende Deiner Dienstzeit in Ungarn hat die DBU auch aus Anlass Deines bevorstehenden Abschieds von Ungarn einen Galaabend zu Ehren ihres Ehrenmitgliedes organisiert. Als \u00dcberraschung habe ich \u2013 mit Gudruns wertvoller Hilfe \u2013 Deinen ehemaligen Kumpel und Freund Stani aus Polen nach Seksard eingeladen. Jahrelang habt Ihr Euch pers\u00f6nlich nicht getroffen, einander vermisst. Die Scheinwerfer haben Dich auf der B\u00fchne geblendet, Du hast nicht sehen k\u00f6nnen, wer aus Richtung des Zuschauerraums auf die B\u00fchne kommt. Die Freudentr\u00e4nen in Deinen Augen wird keiner vergessen. Auf der B\u00fchne erschien \u2013 dank Emmerich K\u00e1lm\u00e1n \u2013 pl\u00f6tzlich viel Paprika im Blut: \u201eBraunes M\u00e4del von der Puszta\u201c, \u201eWo wohnt die Liebe, wer kann&#8217;s ergr\u00fcnden?\u201c, etc. An jenem Abend waren alle Anwesenden im kleinen Theater gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter hast Du \u2013 wie vor Deiner Diplomatenlaufbahn \u2013 in verschiedenen leitenden Positionen f\u00fcr die Friedrich-Ebert-Stiftung gearbeitet. Privat seid Ihr aber regelm\u00e4\u00dfig nach Ungarn zur\u00fcckgekehrt. Wo Ihr Euch auch immer in Deutschland niedergelassen habt, gab es ungarischen Honig von Marika in der Markthalle, Unicum von Zwack, Cabernet Sauvignon von Vesztergombi aus Seksard in eurer Speisekammer. \u00dcber 56 Jahre Ehe hat Dir Gudrun in Eurer Ehe die zum Erfolg unentbehrliche stabile famili\u00e4re Basis gesichert.<\/p>\n<p>Ehre, Empathie, Zuverl\u00e4ssigkeit \u2013 Begriffe, die einem als erstes einfallen, wenn es um Dich geht. Wo Du auch immer t\u00e4tig warst, hast Du anderen geholfen, viel Selbstloses getan und Dinge effizient bewegt. F\u00fcr Menschen Deines Schlages gibt es keinen Ersatz, wir werden Dich schmerzvoll vermissen. Um die Fr\u00fcchte Deines Einsatzes f\u00fcr uns zu genie\u00dfen, brauchen wir aber nicht in die Vergangenheit zu reisen. Die Ergebnisse Deines Wirkens sind von Dauer.<\/p>\n<p>Es ehrt mich, Dein Freund zu sein. Dankesch\u00f6n.<\/p>\n<p>Auf ewig<br \/>\n<em> Dein Andr\u00e1s Frigyesi<\/em><\/p>\n<p>(Erschienen in: Neue Zeitung,\u00a035\/2020)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEin Blick zur\u00fcck nach vorn\u201c Lieber Klaus, mein Brief erreicht Dich seit dem 19. August nicht mehr. Doch bin ich zuversichtlich, Du wei\u00dft \u00fcber diese Zeilen Bescheid, bevor sie gedruckt vorliegen. Im Januar 2021 w\u00e4rest Du 80 geworden. Monate hindurch hast Du gek\u00e4mpft, um in der gewohnten Dimension unter uns bleiben zu k\u00f6nnen. 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