{"id":58395,"date":"2021-04-21T09:33:51","date_gmt":"2021-04-21T07:33:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zentrum.hu\/?p=58395"},"modified":"2021-04-21T09:43:31","modified_gmt":"2021-04-21T07:43:31","slug":"uber-die-geschichte-des-20-jahrhunderts-in-beruhrend-schoner-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zentrum.hu\/de\/2021\/04\/uber-die-geschichte-des-20-jahrhunderts-in-beruhrend-schoner-sprache\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ber\u00fchrend sch\u00f6ner\u2028 Sprache"},"content":{"rendered":"<h5>M\u00f6chten Sie \u00fcber \u00e4hnliche Themen erfahren?<br \/>\nDr\u00fccken auch Sie ein Like auf die \u2013&gt; <a title=\"Ungarndeutsche Nachrichten\" href=\"http:\/\/facebook.com\/zentrumhu\" target=\"_blank\">Zentrum Facebook-Seite<\/a><\/h5>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Iris Wolff: Die Unsch\u00e4rfe der Welt<\/strong><br \/>\n<em>Rezension<\/em><\/p>\n<p>Die Autorin Iris Wolff erz\u00e4hlt in ihrem Roman Die Unsch\u00e4rfe der Welt \u00fcber die Geschichte einer Familie aus dem Banat, deren Schicksal trotz Grenzen und Ver\u00e4nderungen eng verkn\u00fcpft ist. Es werden die Lebenswege von sieben Personen mithilfe einer Mischung von Tr\u00e4umen, Erinnerungen und Bildern, die sich andere von uns machen, beschrieben.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/81hTiCk+yUL.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-58398\" alt=\"81hTiCk+yUL\" src=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/81hTiCk+yUL-304x500.jpeg\" width=\"304\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/81hTiCk+yUL-304x500.jpeg 304w, https:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/81hTiCk+yUL.jpeg 609w\" sizes=\"auto, (max-width: 304px) 100vw, 304px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In der ersten Geschichte lernen wir das junge Paar, eine tr\u00e4umerische Frau mit sommersprossiger Haut, Florentine, ihren Mann, den aufgeschlossenen Pfarrer Hannes, ihren stillen Sohn, Samuel und das geregelte Leben des Banater Dorfes kennen: <em>Als der Gottesdienst zu Ende war, verabschiedete sie mit Hannes die Besucher. Unter den Kastanien verblieben Gruppen im Gespr\u00e4ch \u2013 der Kirchgang war so eingerichtet, dass man, wie nebenbei, alles \u00fcber die anderen erfuhr. Es war allgemein bekannt, dass Samuel nicht sprechen konnte, dass Hannes gerne Fu\u00dfball spielte (manch einer mutma\u00dfte, er sei nur Pfarrer geworden, weil sein Traum, Fu\u00dfballprofi zu werden, sich nicht erf\u00fcllt hatte). Es war bekannt, welche Kuh wann kalbte, wer um wen warb, wer zu Untreue neigte und wahrscheinlich auch, wann und wie oft die Dorfbewohner einander liebten.<\/em> Sp\u00e4ter erfahren wir, was f\u00fcr Folgen f\u00fcr das Ehepaar der Besuch aus der DDR hat, wie man vom rum\u00e4nischen Staat behandelt wird: <em>Die T\u00fcr ging auf. \u2019H\u00e4nde auf den Tisch\u2019, befahl eine Stimme. Hannes wusste, dies war eine einstudierte Dramaturgie, ein Wechselspiel aus Freundlichkeit, Drohung, Angst. Als er erneut gefragt wurde, worum es in den Gespr\u00e4chen mit den Besuchern des Pfarrhauses ging, verlor er die Geduld. Er nahm die H\u00e4nde vom Tisch und sagte: \u2019\u00dcber was sprecht ihr mit eurem Besuch, Genosse? Wen lasst ihr in euer Haus? Holen wir die drei doch hierher. Oder habt ihr Angst, das Ausspionieren von Reisenden k\u00f6nnte man in der DDR nicht gut auffassen?\u2019 \u2013 \u2019Predige in deiner Kirche, Pfaffe. Hier stellen wir die Fragen.\u2019<\/em> Diese einstudierte Dramaturgie war auch f\u00fcr die ungarischen Staatssicherheitsdienste ein Mittel zu Schikanen. Wie das die Autorin ausgezeichnet beschreibt: <em>Der Hass, dem Hannes in dem fensterlosen Raum begegnet war, lie\u00df ihn nicht los. [\u2026] Angeblich ging es um eine sichere Zukunft. Um Gerechtigkeit. Dieses System lebte davon, dass jeder schuldig war. Es gab nur ein Daf\u00fcr oder Dagegen. L\u00e4uten war eine Kunst f\u00fcr sich.<\/em><\/p>\n<p>Die Liebesgeschichte von Samuel und Stana wird unglaublich sch\u00f6n dargelegt, wir LeserInnen sind an ihrer Seite und freuen uns \u00fcber ihr Gl\u00fcck: <em>Samuel lag auf dem R\u00fccken [\u2026] Stana setzte sich neben ihn. [\u2026] Erst als Stana die Stille willentlich aufhob, wurde ihr bewusst, dass sie einander in die Augen gesehen hatten, als l\u00e4gen dahinter kleine Fluchten. Es war kein Standhalten. Ein Sichhineinfallenlassen.<\/em> Die sich langsam herausbildenden Gef\u00fchle der Beiden wird von Samuels Gro\u00dfmutter Karline unterst\u00fctzt, die in dem Roman eine vornehme, alte Welt verk\u00f6rpert, die sich jetzt ver\u00e4ndert. Ein kurzes Gespr\u00e4ch zwischen Karline und Florentine deutet darauf hin: <em>Sie sagte mit einem Seitenblick auf ihre Schwiegertochter: \u2019Dass hier niemand eine einheimische Suppe zu kochen imstande ist.\u2019 \u2013 \u2019Was meinst du mit einheimisch? Schw\u00e4bisch, slowakisch, ungarisch, rumanisch, tschechisch, j\u00fcdisch oder vielleicht serbisch?\u2019, fragte Florentine.<\/em>\u00a0In der Geschichte von Oz, dem Freund von Samuel, erf\u00e4hrt der Leser \u00fcber das Kopfgeld unter der Amtszeit Nicolae Ceau\u0219escu. Oz war im Gef\u00e4ngnis und hielt am \u00e4u\u00dfersten Punkt dieser Welt Wache, es gibt also viele Gr\u00fcnde, warum er mit Samuel das Land verlassen m\u00f6chte. Die Autorin beschreibt die damaligen Umst\u00e4nde so: <em>Nicht nur der rum\u00e4nische Staat, der mit der Bundesrepublik die Tarife f\u00fcr die Abwanderung der Deutschen verhandelte (sogar verlangte, dass Ausbildungs- und Reisekosten beglichen wurden), auch Securitate-Offiziere und Parteigenossen hatten das Finanzpotenzial all jener erkannt, die auf ihre Ausreisepapiere warteten.<\/em><\/p>\n<p>Das Leben dieser Menschen aus vier Generationen, ihre Grenzen und M\u00f6glichkeiten, zeigt uns Iris Wolff mit einem unwahrscheinlich sch\u00f6nen, kunstvollen, oder wie Dennis Scheck schreibt, <em>mit einem traumsicheren Sprachgef\u00fchl<\/em>. Mithilfe dieser ausgezeichneten Aufnahmen einzelner Schicksale erkennen wir LeserInnen &#8211; auch durch die geschilderten Ereignisse in Rum\u00e4nien und in Deutschland, durch die Radiosendungen, Musikst\u00fccke im Roman &#8211; die Hintergr\u00fcnde des zusammenbrechenden Ostblocks. Was der Flucht von Oz und Samuel dann folgte, <em>lie\u00df sich an zwei H\u00e4nden abz\u00e4hlen:<br \/>\nAbschied von der Propellermaschine.<br \/>\nWarten auf die Papiere in \u00d6sterreich.<br \/>\nIhre Fluchtgeschichte in der Zeitung.<br \/>\nEinbruch des Winters.<br \/>\nWeiterreise nach Deutschland.<br \/>\nDurchgangsstelle f\u00fcr Aussiedler in N\u00fcrnberg.<br \/>\nSprachtest in der Landesaufnahmestelle f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Aussiedler in Rastatt, mit dem \u2028Ergebnis: Sprechen flie\u00dfend Deutsch, Sprachtest er\u00fcbrigt.<br \/>\n\u00dcbergangswohnheim.<br \/>\nFr\u00fchling.<\/em><\/p>\n<p>Ich empfehle diesen Roman wegen der h\u00f6chst pr\u00e4zisen Darstellung der gesellschaftlichen, politischen Ereignisse und der ber\u00fchrend sch\u00f6nen, poetischen Formulierungen auch f\u00fcr Personen, die ihre guten Deutschkenntnisse verbessern m\u00f6chten. Hiermit muss ich aber vor allem der Autorin, Iris Wolff zu ihrem Schreibtalent herzlichst gratulieren!<\/p>\n<p><em>Dr. Kathi Gajdos-Frank PhD, \u2028<\/em><br \/>\n<em>Direktorin des Jakob Bleyer Heimatmuseums<\/em><\/p>\n<p><em>Zitate aus dem Buch: S. 28.-29.; S. 58.-59.; S. 107.; S. 113.; S. 127.-128.; S. 137-138.<\/em><\/p>\n<p>\u2026<\/p>\n<p>Zur Autorin: Iris Wolff geb. 1977 in Hermannstadt. F\u00fcr ihre Romane wurde sie mehrfach ausgezeichnet, sie ist Mitglied im internationalen Exil-PEN und lebt in Freiburg im Breisgau.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00f6chten Sie \u00fcber \u00e4hnliche Themen erfahren? Dr\u00fccken auch Sie ein Like auf die \u2013&gt; Zentrum Facebook-Seite Iris Wolff: Die Unsch\u00e4rfe der Welt Rezension Die Autorin Iris Wolff erz\u00e4hlt in ihrem Roman Die Unsch\u00e4rfe der Welt \u00fcber die Geschichte einer Familie aus dem Banat, deren Schicksal trotz Grenzen und Ver\u00e4nderungen eng verkn\u00fcpft ist. 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