{"id":6363,"date":"2014-04-10T11:00:23","date_gmt":"2014-04-10T09:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zentrum.hu\/?p=6363"},"modified":"2014-04-10T10:51:59","modified_gmt":"2014-04-10T08:51:59","slug":"premiere-von-bandscheibenvorfall-ein-abend-fur-leute-mit-haltungsschaden-in-dbu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zentrum.hu\/de\/2014\/04\/premiere-von-bandscheibenvorfall-ein-abend-fur-leute-mit-haltungsschaden-in-dbu\/","title":{"rendered":"Premiere von \u201eBandscheibenvorfall \u2013 ein Abend f\u00fcr Leute mit Haltungssch\u00e4den\u201d in DBU"},"content":{"rendered":"<p>Am 5. April 2014 fand in der Deutschen B\u00fchne in Szeksz\u00e1rd die Premiere des aus der Feder von Ingrid Lausund stammenden St\u00fcckes \u201eBandscheibenvorfall \u2013 ein Abend f\u00fcr Leute mit Haltungssch\u00e4den\u201d statt. Der Titel lie\u00df schon erahnen, dass dies kein leicht verdaulicher Brocken werden w\u00fcrde. Moralisch wie psychologisch eine tiefgreifende Reise der Gef\u00fchle \u2013 das war es, was den Zuschauer erwartete.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1592_medium.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-6372 aligncenter\" title=\"\u00a9Dezs\u0151 Horg\u00e1sz - www.dbu.hu\" alt=\"10_1592_medium\" src=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1592_medium-510x339.jpeg\" width=\"510\" height=\"339\" srcset=\"https:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1592_medium-510x339.jpeg 510w, https:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1592_medium.jpeg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 510px) 100vw, 510px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das St\u00fcck ist bereits im Gange. Rechts und links der beleuchteten T\u00fcr mit der Aufschrift \u201eBoss\u201c befinden sich gro\u00dfe dreidimensionale Textreihen, die S\u00e4tze wie \u201eNever cry in puplic again\u201c (Werde nie wieder in der \u00d6ffentlichkeit weinen) enthalten. Als Kulisse dienen neben der riesigen B\u00fcrot\u00fcr gro\u00dfe wei\u00dfe Buchstaben, die je nach Szene verschiedene Funktionen erf\u00fcllen. In dieser Eingangsszene bilden sie Sitzm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die sich fiebernd auf ein Gespr\u00e4ch vorbereitenden Personen und einen Stehtisch, an dem Kaffee getrunken wird.<br \/>\nDie f\u00fcnf Protagonisten sind hektisch und aufgeregt dabei, einige der vielen auf der B\u00fchne befindlichen Ordner zu durchw\u00fchlen, Papiere zu sortieren und sich bestm\u00f6glich vorzubereiten. Verbale Kommunikation zwischen Ihnen findet nicht statt, doch ist eindeutig, dass es sich um Rivalen handelt, um Konkurrenten, die kein gemeinsames Ziel verfolgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1595_medium.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-6373 aligncenter\" title=\"\u00a9Dezs\u0151 Horg\u00e1sz - www.dbu.hu\" alt=\"10_1595_medium\" src=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1595_medium-333x500.jpeg\" width=\"333\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1595_medium-333x500.jpeg 333w, https:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1595_medium.jpeg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 333px) 100vw, 333px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Spannung nimmt durch die Stille noch zu, als sich alle stumm vor dem B\u00fcro aufstellen und auf das Zeichen zum Eintritt warten. Nach und nach muss jeder einzeln in die \u201eH\u00f6hle des L\u00f6wen\u201c.<br \/>\nDer Boss, f\u00fcr den Zuschauer nur eine Vision, behandelt seine Mitarbeiter wie Marionetten. Die f\u00fcnf Stereotypen: Die taffe, aber intrigante Businessfrau Schmitt (Christine Heller), der bis aufs kleinste Detail vorbereitete und selbstbewusste Karrierist Hufschmidt (Robert F. Martin), die kompetente und freundliche Kollegin Kristensen (Kata Lotz), der angepasste Witzemacher und Kaffeeverteiler Kretzky (Raphael Gregor Koeb) und der liebensw\u00fcrdige, schwache, alles Sch\u00f6n redende Kruse (Michael Kehr) m\u00fcssen teils einzeln, teils in Gruppen Aufgaben erf\u00fcllen. Ihr Versagen beim Chef \u00fcberspielen sie, wenn sie noch die Kraft dazu haben, um vor den Anderen gut dazustehen (was mit reichlich Galgenhumor dargestellt wird, als Kristensen zum Beispiel mit einem L\u00e4cheln im Gesicht \u2013 und einem Messer im R\u00fccken \u2013 aus dem Chefb\u00fcro kommt). Auch wenn menschliche Gef\u00fchle f\u00fcreinander oder das Suchen von positiven Eigenschaften im Anderen in Nuancen existieren, schenkt keiner dem Anderen auch nur eine Minute, alle k\u00e4mpfen mit Ellenbogen um die berufliche Anerkennung, die scheinbar immer ausbleibt. Teamarbeit, Menschlichkeit, Zufriedenheit? Fehlanzeige. Stattdessen: L\u00fcgen, Gewalt und Katzbuckeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1604_medium.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-6374 aligncenter\" title=\"\u00a9Dezs\u0151 Horg\u00e1sz - www.dbu.hu\" alt=\"10_1604_medium\" src=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1604_medium-510x339.jpeg\" width=\"510\" height=\"339\" srcset=\"https:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1604_medium-510x339.jpeg 510w, https:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1604_medium.jpeg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 510px) 100vw, 510px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das Lachen f\u00e4llt einem trotz der vielen humoristischen Elemente schwer und wenn es doch hervorbricht, hat man entweder ein schlechtes Gewissen (da es auf Kosten eines der Charaktere geschieht) oder es bleibt einem auf halben Weg im Halse stecken. Es ist deprimierend diesem Menschen-Zoo beim Agieren zuzuschauen. Noch deprimierender wird es, als die Fassade trotz aller \u00dcbert\u00fcnchung und Maskierung bei jedem nach und nach zu br\u00f6ckeln beginnt: In emotionalen Monologen brechen \u00c4ngste, Abgestumpftheit und tiefe seelische Verletzungen hervor. Der Preis f\u00fcr die berufliche Anerkennung scheint zu hoch zu sein: Eigene Gedanken und Gef\u00fchle gibt es nicht mehr, das Innere eines jeden ist komplett ausgebrannt.<br \/>\nZum ersten Mal sind sich die 5 einig: Es reicht! Sie gehen (\u201eganz weit weg\u201c). Doch dem Zuschauer ist vollkommen klar: Das sind nur leere revolution\u00e4re Parolen, diese f\u00fcnf sind durch ein unsichtbares Band f\u00fcr immer an ihre Arbeit und die damit verbundene Erniedrigung gebunden. Warum? Warum nur?<\/p>\n<p>Die mit \u00dcbertreibung, Ironie und schwarzem Humor getr\u00e4nkte Inszenierung von Cristian Ban kann sich absolut sehen lassen: Er wei\u00df genau, wie er Alltagskrieg, pers\u00f6nliche Gef\u00fchle und unmenschliches Miteinander darstellen muss, um den Zuschauer zu fesseln, mitzurei\u00dfen und die thematischen Inhalte des St\u00fcckes wirkungsvoll an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Mit seinem minimalistischen und gleichzeitig genial-funktionalem B\u00fchnenbild, mit einem Paradoxon aus intimen und menschlichen Szenenbildern (z.B. auf der Toilette oder beim Bohren in der Nase) auf der einen Seite und animalischen Situationen (z.B. als sich die Menschentiere daran machen, die Eingeweide ihres Mitkollegen zu fressen) auf der anderen, mit einem fesselnden Dialogtempo und unglaublich intensiver Spielenergie wird dieses St\u00fcck zu einem modernen und aufw\u00fchlenden Theatererlebnis, das noch lange nachwirken wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1611_medium.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-6375 aligncenter\" title=\"\u00a9Dezs\u0151 Horg\u00e1sz - www.dbu.hu\" alt=\"10_1611_medium\" src=\"http:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1611_medium-510x339.jpeg\" width=\"510\" height=\"339\" srcset=\"https:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1611_medium-510x339.jpeg 510w, https:\/\/www.zentrum.hu\/wp-content\/uploads\/10_1611_medium.jpeg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 510px) 100vw, 510px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das Musical-artige Ende bringt keine Erl\u00f6sung, der Zuschauer bleibt angespannt zur\u00fcck. Zum Gl\u00fcck: Denn was k\u00f6nnte eine bessere Aussagekraft haben, als das sich im Kreis drehende und schemaartige Verhalten dieser Menschen, die, obwohl sie erkennen, dass sie so viel von sich selbst verloren haben, sogar das Ausbrechen und damit die letzte Hoffnung aufgeben. Um weiter zu katzbuckeln, denn ein krummes R\u00fcckgrat kann eben nicht wieder geradegebogen werden.<\/p>\n<p>Die Genialit\u00e4t des St\u00fcckes wird besonders dadurch unterstrichen, dass sp\u00fcrbar ist, dass die Erarbeitung f\u00fcr alle Beteiligten bereichernd war und dass die Schauspieler ihre Charaktere nicht nur mit Know-how, sondern mit Freude zum Leben erwecken. Das Ergebnis ist eine Vorstellung von hoher k\u00fcnstlerischer Qualit\u00e4t, die in jedem Theater dieser Welt ihren Mann stehen k\u00f6nnte. Eine beeindruckende B\u00fchnenleistung also, die \u2013 im Gegensatz zu ihren Protagonisten \u2013 aufrecht, souver\u00e4n und direkt daherkommt.<\/p>\n<p>Besetzung:<br \/>\nKRETZKY \u2013 Raphael Koeb<br \/>\nHUFSCHMIDT \u2013 Robert Martin<br \/>\nSCHMITT \u2013 Christine Heller<br \/>\nKRISTENSEN \u2013 Kata Lotz<br \/>\nKRUSE \u2013 Michael Kehr<\/p>\n<p>Regie : Cristian Ban<br \/>\nB\u00fchne und Kost\u00fcme: Albert Alp\u00e1r<br \/>\nPremiere : 05. April 2014<\/p>\n<p><em>Katharina Kellig<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 5. April 2014 fand in der Deutschen B\u00fchne in Szeksz\u00e1rd die Premiere des aus der Feder von Ingrid Lausund stammenden St\u00fcckes \u201eBandscheibenvorfall \u2013 ein Abend f\u00fcr Leute mit Haltungssch\u00e4den\u201d statt. Der Titel lie\u00df schon erahnen, dass dies kein leicht verdaulicher Brocken werden w\u00fcrde. 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