Trauriges Happy End? Deutsche Minderheit in Ungarn und in Russland

Quelle: Zentrum

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Russlanddeutsche und ungarndeutsche Geschichte hat vieles gemeinsam, jedoch gibt es wesentliche Unterschiede. Auch dies konnten diejenigen erfahren, die das Gespräch zwischen Gerhard Seewann und György Dalos am 15. Oktober im Goethe-Institut Budapest anhörten.

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In der Veranstaltungsreihe Bücher, über die man spricht des Goethe-Instituts werden in der letzten Zeit erschienene deutschsprachige Bücher vorgestellt und deren Thema den Interessenten näher gebracht. Diesmal war der Anlass das Erscheinen von György Dalos’ Monographie Die Geschichte der Russlanddeutschen. Gerhard Seewanns umfangreiche Darstellung Geschichte der Deutschen in Ungarn ist bereits 2013 veröffentlicht worden, aber seit diesem Jahr ist auch ein Lehrbuch zu deren Thema erhältlich.

Der vor kurzem ernannte Direktor des Goethe-Instituts Budapest, Michael Müller-Verweyen begrüßte die Gäste und übergab das Wort an Judit Klein, die Moderatorin des Abends, die die beiden Gesprächspartner vorstellte. György Dalos ist eine bestimmende Persönlichkeit der intellektuellen Szene der Bundesrepublik, seine höchste Auszeichnung ist das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, das er heuer erhielt. Gerhard Seewann war bis 2015 Leiter des Stiftungslehrstuhls für Deutsche Geschichte und Kultur in Südost- und Mitteleuropa in Fünfkirchen, er wurde dieses Jahr für seine Verdienste für das Ungarndeutschtum mit dem Ehrennadel in Gold der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen ausgezeichnet. 2014 wurden seine Leistungen mit dem Nationalitätenpreis des ungarischen Staates anerkannt.

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Die erste Frage der Moderatorin wurde an beiden Forschern gerichtet. Weder Dalos, noch Seewann sind Angehörige der Minderheit, deren Geschichte sie untersuchen. Es ist also besonders interessant, wie sie ihr Forschungsthema ausgesucht haben. Dalos wies in seiner Antwort auf sein Studium in Russland hin, und da er seit 1984 in Deutschland lebt, habe er zu beiden Kulturen eine Bindung. Seewanns Interesse an Ungarn begann 1956, als er 12 Jahre alt war. Mit 24 erlebte er in Temeswar zum ersten Mal das Zusammenleben mehrerer Minderheiten, das sein Spezialgebiet wurde. 1974 erhielt er ein Forschungsstipendium nach Ungarn. Obwohl damals die Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Arbeit begrenzt waren, entschied er sich, dem Thema Ungarndeutsche auch im Weiteren nachzugehen.

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Im Folgenden erläuterte Dalos einige Parallele zwischen der russlanddeutschen und der ungarndeutschen Geschichte. Die größten Einsiedlungen fanden in beiden Fällen im 18. Jahrhundert statt, initiiert von zwei Herrscherinnen, nämlich von Maria Theresia und Katharina II. Seewann entgegnete, dass dennoch große Unterschiede im Schicksal der beiden Nationalitäten gebe. Die erste deutsche Einsiedlung nach Ungarn habe bereits zur Zeit der Staatsgründung stattgefunden. Das Verhältnis zwischen Ungarn und Deutschen sei acht Jahrhunderte lang vom Geist der Mahnungen König Stephans bestimmt worden. Das habe sich beim Aufwecken des ungarischen Nationalitätenbewusstseins geändert, die Assimilationsbestrebungen haben im 19. Jahrhundert begonnen.

Zunächst wurde fast die gesamte ungarndeutsche Geschichte von Professor Seewann skizziert. Als Folge der Ansiedlung wurde in Ungarn die Landwirtschaft modernisiert, die Anfänge der Marktwirtschaft hingen auch damit zusammen. Die Konflikte zwischen den Deutschen und der Mehrheitsbevölkerung sind teilweise auf das verschiedene Erbrecht zurückzuführen. Da bei den Ungarn nicht nur der älteste Sohn den Landbesitz erben konnte, wurden die Grundstücke immer kleiner, während die deutsche Landwirtschaft fortlaufend blühte. Die „népies írók” (grob übersetzt: völkische Schriftsteller) der Horthy-Zeit nahmen gegen die Deutschen Stellung. Die allgemeine Stimmung wurde immer mehr antideutsch, was letztendlich zur Vertreibung führte.

Wie man von Dalos erfahren konnte, war die Lage der Russlanddeutschen auch anders als die der Mehrheitsbevölkerung, da sie keine Leibeigenen waren. Auch sie waren wirtschaftlich erfolgreich. Der erste ernste Konflikt war, als 1874 die allgemeine Wehrpflicht im Zarenreich eingeführt wurde. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges behandelte das Regime die Russlanddeutschen als Feinde, ihre Privilegien wurden weggenommen. Nach der kommunistischen Machtübernahme wurde eine theoretisch autonome deutsche Republik an der Wolga gegründet, die aber 1941 aufgelöst wurde. In kurzer Zeit danach wurden 1,2 Millionen Russlanddeutsche ohne Anklage deportiert, erst 1989 begann ihre Rehabilitation. Als die Grenzen zum Westen geöffnet wurden, begann die massenhafte Auswanderung der Nationalität in die Bundesrepublik. Dalos nannte dies „ein trauriges Happy End”. Etwa 200 000 Deutsche leben noch in Russland und in den sowjetischen Nachfolgestaaten, ihre Identität ist aber eher russisch.

In der nächsten Etappe des Gesprächs wurde wieder über die Ungarndeutschen gesprochen. Seewann wies auf die im Laufe des 20. Jahrhunderts immer bedeutender gewordene antideutsche-antisemitische Bewegung hin, die seiner Meinung nach noch heute existiere. In den 1940er Jahren wurde von den Deutschen alles weggenommen. Erst 1949 erhielten sie wieder Bürgerrechte, aber die Machtinhaber erwarteten, dass sie assimiliert werden. Die Nationalitätenfrage gewann wegen den Ungarn außerhalb der Trianon-Grenze an Bedeutung. Es musste eine „Vorzeige-Nationalitätenpolitik” erarbeitet werden, damit auch die Nachbarstaaten ihre ungarischen Minderheiten ähnlich behandeln. Jedoch wurden die Ungarndeutschen in der Politik nicht besonders aktiv, es wurde auch dann fast kein Deutsch gesprochen, als es zugelassen wurde.

Sowohl Dalos als auch Seewann fand es merkwürdig, dass die Ungarndeutschen, auch diejenigen, die vom ungarischen Staat vertrieben wurden, ihre ungarische Identität nicht aufgegeben hatten. In Deutschland finden noch immer Heimatveranstaltungen statt. Die ehemaligen vertriebenen Ungarndeutschen konnten sich erfolgreich in die deutsche Gesellschaft integrieren. Das ist bei den Russlanddeutschen nicht der Fall: sie leben am Rande der Gesellschaft. Die Jugendlichen haben schon keine russlanddeutsche Identität mehr.

Ob auch im Fall der Ungarndeutschen von einem ähnlichen „traurigen Happy End” sprechen kann, blieb beim Gespräch offen. Der perfekte Schlussgedanke stammt von einem Zuhörer. Der junge Mann lebt in Deutschland, aber hat auch ungarndeutsche Wurzeln. Er meinte, heute könne man sich frei für oder gegen eine Kultur entscheiden. Vielleicht ist das Happy End doch nicht so traurig.

István Mayer

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