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Am Donnerstag, dem 9. Oktober wurde im Rahmen der Veranstaltungsreihe Zentrum-Programme im HdU das Buch Kitaszítva (Ausgestoßen) vom Historiker Gábor Gonda vorgestellt. Die Veröffentlichung behandelt die Ereignisse zwischen 1944 und 1948 in vier transdanubischen Ortschaften: Ödenburg / Sopron, Balf / Wolfs, Großnaarad / Nagynyárád und Bonnhad / Bonyhád.
Im ersten Teil der Veranstaltung hielt Professor György Gyarmati, Direktor des Staatssicherheitsarchivs einen Vortrag. Er wies auf die herrschende historiographische Tradition hin, dass seit dem grundlegenden Werk von Gyula Szekfű im Jahre 1914 in Ungarn hauptsächlich Staatsgeschichte statt Landesgeschichte geschrieben werde. Dies habe dazu geführt, dass man eher nur die Ereignisse in der und um die Hauptstadt kenne. Es sei wichtig, dass auch die Geschichte des Landes untersucht wird: Gábor Gondas Buch sei ein gutes Beispiel dafür.
Im Folgenden skizzierte der Professor die Lage des Deutschtums in der behandelten Epoche. Nachdem Ungarn das Zweite Weltkrieg verloren hätte, habe man Verantwortliche gesucht. Der Sündenbock seien das die Ungarndeutschen geworden, die dafür haben bestraft werden müssen. Das sei aber nicht der einzige Grund der Vertreibung gewesen: die Besitztümer der Deutschen hätten damit enteignet werden können, und sie hätten die Grundlage zum Bodenreform bilden können. Gyarmati zitierte Ilja Ehrenburg, der die Deutschen als Nicht-Menschen bezeichnet habe: das sei auch der Standpunkt vieler damaligen Machthabenden. Er hob hervor, dass im Gondas Werk zahlreiche Privatgeschichten veröffentlich worden seien. Im letzten Abschnitt seiner Rede empfiehl der Professor, das Lesen des Buches mit dem Bildanhang zu beginnen, mit der Zusammenfassung fortzusetzen und danach die eigenen Vorfahren nachzusuchen.
Gábor Gonda schilderte nach seiner Danksagung die Gründe der Enteignungen und der Vertreibung. Er unterschied dabei drei Aspekte: einen ethnopolitischen, einen sozioökonomischen und einen migrationspolitischen. In der Nachkriegspropaganda seien die Ungarndeutschen als die 5. Kolonne Hitlers dargestellt worden. Der Autor ging näher in die Ereignisse in den untersuchten Ortschaften ein, und stellte fest, dass die Kollektivbestrafung bzw. Vertreibung in ihnen auf verschiedener Weise abgelaufen sei, zum Beispiel in Ödenburg sei niemand zum „Malenkij Robot” verschleppt worden und bzw. Großnaarad hätte ein Musterbeispiel der Vertreibung sein können.
In der darauf folgenden Diskussion wurde Gonda die Frage gestellt, ob er die Geschichte seines Heimatortes Großnaarad objektiv forschen könne. Aus seiner Antwort erfuhren die Zuschauer, dass seine Diplomarbeit genau die Vertreibung aus Großnaarad gewesen sei und György Gyarmati, sein damaliger Konsulent ihn gerade geraten habe, die eigene Gemeinde als Thema zu wählen. Auf eine Frage nach seinen Quellen erwähnte Gonda, dass die kirchlichen Archive bzw. das Bayreuther Bundesarchiv immens wertvolle Dokumente besitzen würden. Sowohl Gonda als auch Gyarmati ermunterte die Anwesenden, ihre Erinnerungen über die Zeit der Vertreibungen weiterzuerzählen und die Jugendlichen, ihr Wissen bezüglich des Familiengedächtnisses zu vertiefen.
István Mayer

