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Agenten, Spione und die Ungarndeutschen

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Das Buch Rokonlátogatók (Verwandtschaftsbesuch) von Dr. Krisztina Slachta wurde 2020 vom Kronosz Verlag veröffentlicht. Die Präsentation des Bandes in Fünfkirchen/Pécs musste aber wegen der Covid-Einschränkungen und dann wegen den Renovierungsarbeiten am Lenau-Haus bis jetzt verschoben werden. So bereiteten wir uns mit umso größerer Vorfreude auf dieses Gespräch vor, das Dr. Beáta Márkus, Assistentin des Stiftungslehrstuhls Deutsche Geschichte und Kultur in Südosteuropa der Universität Pécs, mit der Autorin führte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und 1956 wurde die verbliebene deutsche Minderheit im Land nahezu unsichtbar – ihre Angehörigen vermieden die Verwendung der Muttersprache in der Öffentlichkeit, bekannten sich nicht zum Deutschtum – wie konnten sie zu „Feinden“ werden?

Die Staatssicherheit versuchte, wo immer möglich, die Bedingungen des Kalten Krieges und der „konterrevolutionären“ Bedingungen aufrechtzuerhalten, suchte nach Feinden – und fand sie auch. Ab Anfang der 1960er Jahre wurden die Kontakte zwischen vertriebenen Deutschen und ihren in der Heimat verbliebenen Angehörigen sowie die Reisen der Schwaben durch die zunehmende Öffnung der Reisemöglichkeiten von der ungarischen Staatssicherheit wahrgenommen. Ehemalige ungarische Staatsbürger deutscher Herkunft, die vertrieben wurden oder geflohen waren, kamen als Touristen aus dem Westen ins Land und brachten ihren hier lebenden Verwandten Haushaltsgeräte, Kleidung, Nylonstrümpfe und Lippenstift als Geschenk mit. In den 1960er Jahren war es den Ungarndeutschen auch möglich, mehrere Monate im Westen Deutschlands zu arbeiten und anschließend mit einem westdeutschen Gebrauchtwagen in ihr schwäbisches Dorf zurückzukehren. Die Staatssicherheit wertete dies als feindliche, westliche Lockerungspolitik.

Dr. Krisztina Slachta hat in ihrem Buch die Ära der Agenten, Spione, Zeugen und Bespitzelungen erforscht und verarbeitet.

„Offiziell fand die Vertreibung zwischen 1946 und 1948 statt, und wir denken oft, dass dieses Kapitel nach 1948 abgeschlossen sei. Tatsächlich ergaben sich jedoch aufgrund der Tatsache, dass die ungarndeutsche Minderheit praktisch zweigeteilt und durch Landesgrenzen getrennt war, eine Reihe neuer Probleme und Schwierigkeiten, die das Leben der Beteiligten über Jahrzehnte bestimmten bzw. erschwerten. Somit war dieses Phänomen der Verwandtenbesuche tatsächlich eine Fortsetzung der Diskriminierung, die durch die Vertreibung auf andere Weise verursacht wurde. Es wäre wichtig, mit dem Sammeln und Aussprechen der Geschichten dieser Zeit zu beginnen, die für viele vielleicht nicht so interessant erscheint wie die der 40er Jahre, oder sie scheint nicht wie Geschichte zu sein, weil sich viele Menschen noch an die Ereignisse erinnern – aber genau deswegen müssen wir die Quellen, die Geschichten und Dokumente jetzt sammeln und verarbeiten, solange es noch Menschen gibt, die sich daran erinnern.“ – fasste Dr. Beáta Márkus kurz ihre Meinung zusammen.

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

Die Buchpräsentation wurde mit der Unterstützung des Goethe-Instituts Budapest veranstaltet.

Anikó Mezei-Kramm
Lenau-Haus, Fünfkirchen

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