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Gedenkkonferenz anlässlich der vor 80 Jahren begonnenen Vertreibung der Ungarndeutschen

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„Nie wieder!

Anlässlich des 80. Jahrestages der Vertreibung der Ungarndeutschen fand in Budapest, im Zentralgebäude der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, die Gedenkkonferenz „Nie wieder!” statt. Ziel der Veranstaltung war es, neben dem würdigen Gedenken eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen zu ermöglichen und zugleich die Verantwortung der Gegenwart zu thematisieren.

Die feierliche Eröffnung der Konferenz gestaltete der Auftritt der Jugendblaskapelle aus Sóskút, der mit seinen musikalischen Traditionen zugleich die kulturelle Kontinuität der ungarndeutschen Gemeinschaft zum Ausdruck brachte.

Die Grußworte zu Beginn der Konferenz gaben der Veranstaltung einen klaren inhaltlichen Rahmen und unterstrichen ihre wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Bedeutung. Ibolya Hock-Englender, Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, betonte die Rolle des kollektiven Gedächtnisses und der historischen Verantwortung. Tamás Freund, Präsident der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, würdigte mit seiner Anwesenheit und seinem Grußwort die wissenschaftliche Relevanz des Themas. 

Miklós Soltész, Staatssekretär für Kirchen- und Nationalitätenangelegenheiten der ungarischen Regierung, sowie Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, dankten gleichermaßen der ungarndeutschen Gemeinschaft dafür, dass sie auch achtzig Jahre nach der Vertreibung deren Erinnerung wachhält und nicht zulässt, dass diese Tragödie zu bloßen Zahlen verblasst. Sie betonten, dass sich hinter den statistischen Angaben die Schicksale unschuldig leidender Menschen und von Familien verbergen, die jahrzehntelang zum Schweigen gezwungen waren. Soltész hob hervor, dass die Gemeinschaft trotz aller Prüfungen Bestand gehabt und sich gefestigt habe: Mit ihren Institutionen, ihrer lebendigen Kultur und ihrer parlamentarischen Präsenz sei sie auch heute ein integraler Bestandteil des Landes – ein Verdienst vor allem jener Vorfahren, die die auf dem Prinzip der kollektiven Schuld beruhende Verfolgung mit Schmerz, aber in Würde ertragen hätten. Fabritius übermittelte die Grüße der Bundesregierung und würdigte in diesem Zusammenhang besonders die Arbeit der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, die eine maßgebliche Rolle bei der Bewahrung der Erinnerung und der Interessenvertretung der Gemeinschaft spielt.

Joschi Ament, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn, brachte die Perspektive der Vertriebenen und ihrer Nachkommen ein und schlug damit eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Er unterstrich, dass die Vertreibung der Ungarndeutschen auch achtzig Jahre später kein fernes historisches Ereignis sei, sondern bis heute fortwirke – „in Familienerinnerungen, in Erzählungen, in Fragen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden”. Die Vertreibung habe Wege getrennt, so Ament, „aber sie hat unsere Gemeinschaft nicht zerstört”, denn die Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn und die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen stünden auch heute für zwei Lebensrealitäten und zwei politische Räume, zugleich jedoch für „zwei Teile einer gemeinsamen Volksgruppe, verbunden durch Sprache, Kultur, Geschichte und Verantwortung“. Er betonte, dass diese Zusammenarbeit weit mehr sei als eine organisatorische Notwendigkeit: Sie sei eine bewusste Antwort auf die leidvolle Geschichte, insbesondere mit Blick auf junge Menschen und ihre Identität. Erinnerung erfülle ihre eigentliche Aufgabe dann, wenn sie nicht Stillstand bedeute, sondern Orientierung gebe – „Erinnerung bedeutet nicht Stillstand” –, und wenn das ungarndeutsche Erbe nicht nur im Rückblick, sondern „nicht nur in Erinnerungen, sondern in Menschen” weiterlebe.

Die Vorträge am Vormittag widmeten sich den grundlegenden historischen Prozessen und ihren Voraussetzungen. László Schindler ging in seinem Vortrag „Was weiß man allgemein über den Prozess? Was beinhalten die Geschichtsbücher?“ der Frage nach, wie der Vertreibungsprozess im öffentlichen Wissen und in Schulbüchern präsent ist. Beata Márkus analysierte in ihrem Videobeitrag „Die Verschleppung der Ungarndeutschen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion 1944/45” die Deportationen sowie deren langfristige Folgen. László Oroszbeleuchtete mit „Flucht und Evakuierung 1944. Die Phase vor der ‚kollektiven Bestrafung‘” die Vorgeschichte der Zwangsmigration. Nach der Kaffeepause ordnete Zsolt Vitári das Thema mit „Moderne Völkerwanderung – Flucht und Vertreibung in Europa in den 1940er Jahren” in einen gesamteuropäischen Kontext ein. Agnes Tóthuntersuchte in ihrem Vortrag „Zwang oder Möglichkeit? Die Akzeptanz des Prinzips der Kollektivschuld im Bezug auf die Ungarndeutschen” die ideologischen Grundlagen der Vertreibung. Georg Ritter zeigte in „Die Vertreibung der Deutschen aus Schaumar 1944–1948” lokale Dimensionen der Ereignisse auf, während Peter Schweiningermit „Wie verlief die Vertreibung in Saar?” einen weiteren kommunalen Vergleich vorstellte.

Die Vorträge am Nachmittag richteten den Blick auf die Zeit nach der Vertreibung, auf Neuanfang, Integration und Erinnerung. Kristina Kaltenecker stellte in „Der Neuanfang in Westdeutschland: Ungarndeutsche Siedlungen am Rande Darmstadts (in Hessen)” Integrationsprozesse in der Bundesrepublik vor. Csilla Schell analysierte in „‚Also sind wir so schnell nach Deutschland gekommen‘ – Neuanfang nach Vertreibung im Spiegel von Ego-Dokumenten” persönliche Zeugnisse der Betroffenen. Nora Tóth-Rutsch stellte den Neuanfang der Vertriebenen in der sowjetischen Besatzungszone vor. András Morauszki führte die Diskussion mit „Die Identität der Deutschen in Ungarn heute im Spiegel der Volkszählung” in die Gegenwart. Den Abschluss bildete Maria Erb mit ihrem Vortrag „‚Nie wieder‘ – Gedenkstätten der Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen”, der Erinnerungskultur und historische Verantwortung zusammenführte.

Die besondere Bedeutung der Konferenz lag in der Vielfalt und fachlichen Tiefe der Vortragenden: Renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, erfahrene Hochschullehrende, Archivfachleute sowie eine jüngere Generation von Forscherinnen und Forschern traten in einen gemeinsamen Dialog. Diese Breite an Perspektiven gewährleistete eine differenzierte, wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit der Geschichte der Ungarndeutschen.

Einen sensiblen kulturellen Akzent setzte der Auftritt des Holczinger-Molnár-Duos, dessen Volksliedprogramm aus Sammlungen aus Sitsch und Totwaschon das Gedenken auf eindrucksvolle Weise musikalisch erfahrbar machte.

In den Schlussworten der Konferenz wurde betont, dass „Nie wieder“ nicht nur eine historische Aussage, sondern eine Verpflichtung der Gegenwart ist. Erinnerung, Wissen und Dialog sind unverzichtbar, um zu verhindern, dass sich die Tragödien der Vergangenheit wiederholen.

Veranstaltet wurde die von der Regierung Ungarns geförderte Konferenz von der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen. Die Veranstaltung trug wesentlich dazu bei, die Geschichte der Vertreibung der Ungarndeutschen als wissenschaftlich reflektierte, gemeinsame gesellschaftliche Erfahrung im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. 

Über die Vortragenden:

László Schindler
Gymnasiallehrer für Geschichte und Deutsch sowie langjähriger Leiter des deutschen Nationalitätenklassenzugs am Lovassy-László-Gymnasium in Wesprim. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt auf der Vermittlung der Geschichte der Ungarndeutschen im Schulunterricht.

Beata Márkus
Historikerin und Leiterin der Stiftungsprofessur für Deutsche Geschichte und Kultur in Südostmitteleuropa an der Universität Pécs. Sie forscht zur Zwangsarbeit, Migration und Erinnerungskultur der Ungarndeutschen.

László Orosz
Historiker mit Schwerpunkt auf der Geschichte der Deutschen im Karpatenbecken. Seine Arbeiten befassen sich unter anderem mit Flucht, Evakuierung und Radikalisierungsprozessen im 20. Jahrhundert.

Zsolt Vitári
Habilitierter Dozent und Leiter des Instituts für Geschichtswissenschaften an der Universität Pécs. Er ordnet die Geschichte der Ungarndeutschen in europäische und vergleichende Zusammenhänge ein.

Agnes Tóth
Forschungsprofessorin am Institut für Minderheitenforschung der ELTE und eine der renommiertesten Expertinnen zur Geschichte der Ungarndeutschen und zur Vertreibung nach 1945.

Georg Ritter
Hauptarchivar im Ungarischen Nationalarchiv. Seine Forschung verbindet lokale Vertreibungsgeschichten mit Fragen der Erinnerungskultur.

Peter Schweininger
Historiker und Träger des Otto-Heinek-Preises 2024. Er untersucht vergleichend die lokalen Abläufe der Vertreibung der Ungarndeutschen.

Kristina Kaltenecker
Historikerin und Co-Redakteurin des Suevia Pannonica Archivs. Seit Jahrzehnten forscht sie zur Geschichte und Kultur der Ungarndeutschen in Ungarn und Deutschland.

Csilla Schell
Historikerin und Mitarbeiterin des Instituts für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Ego-Dokumente und persönliche Zeugnisse von Vertriebenen.

Nora Tóth-Rutsch
Doktorandin an der Universität Pécs und Lehrerin am Valeria-Koch-Bildungszentrum. Sie forscht zur Integration der Vertriebenen in den Besatzungszonen nach 1945.

András Morauszki
Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Minderheitenforschung der ELTE. Er analysiert die heutige Identität der Deutschen in Ungarn anhand von Volkszählungsdaten.

Maria Erb
 Habilitierte Dozentin des Germanistischen Instituts der ELTE. Ihre Arbeiten verbinden Dialektologie, Sprachwissenschaft und Erinnerungskultur der Ungarndeutschen.

Die anlässlich der Konferenz entstandene Gedenkbroschüre ist auch online verfügbar und kostenlos herunterladbar >>>

Die Vorträge der Gedenkkonferenz sind auf YouTube verfügbar >>>

Aktualisiert am 16. März 2026

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