Möchten Sie über ähnliche Themen erfahren?
Drücken auch Sie einen Like auf die –> Zentrum Facebook-Seite
ERBen und verERBen
Tagung zu Ehren von Maria Erb
Am 2. Oktober 2026 kamen ForscherInnen aus Budapest, Tübingen, Freiburg, Marburg und Klausenburg an der Károli-Gáspár-Universität der Reformierten Kirche in Budapest zusammen. Offiziell zu der Tagung Ungarndeutsche hier und jetzt, veranstaltet mit Unterstützung der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen und der Károli-Gáspár-Universität. Tatsächlich trug die Konferenz aber einen anderen, persönlicheren Titel: ERBen und verERBen: Ungarndeutsche hier und jetzt für Frau Dr. Maria Erb. Das ist ein Wortspiel mit dem Nachnamen der Geehrten. Auf der Einladung stand bewusst der neutrale Titel, denn Maria Erb sollte mit der Tagung überrascht werden.
Im Anschluss an die Begrüßung hielt Elisabeth Knipf-Komlósi eine Laudatio auf Maria Erb zu ihrem 65. Geburtstag, ohne dass die Gefeierte vorher geahnt hatte, dass der Tag ihr gewidmet ist. Auch Geschenke und Blumen erhielt sie von den Veranstaltern. Es ging, ganz im Sinne des Titels, um Erbe und Vererben, also darum, was die Ungarndeutschen an Sprache, Schrift, Tracht, Architektur, Namen und Geschichten über Generationen weitergeben.
Den Auftakt machte Maria Erb selbst mit ihrem Vortrag Fraktur und Dirndl: Neue Identitätsmarker bei den Ungarndeutschen?. Sie zeigte, dass die Fraktur als Kulturgut eng mit dem Dialekt verbunden ist und sich die Ungarndeutschen damit schriftlich von Deutschland absetzen. Beim Dirndl handle es sich dagegen um ein eher neues, geliehenes Kleidungsstück, das nach 1945 zunächst abgelehnt wurde und erst langsam zur eigenen Tradition werde, obwohl es ursprünglich nicht zur ungarndeutschen Tracht gehörte.
Auf dieser Frage nach Identitätsträgern baute auch der nächste Vortrag von János Krähling aus Budapest auf. Zur Kirchenarchitektur der ungarndeutschen Gemeinden und stellte Architektur als Identitätsträger vor, unter anderem am Beispiel einer deutsch-ungarischen reformierten Doppelkirche.
Danach sprach Csilla Schell aus Freiburg über die Wiederentdeckung von Anna Loschdorfers Erhebungen im Bereich des Liedersammelns. Hier ging es auch um ein sprachliches Erbe, das erst wiederentdeckt werden musste.
Nach der Mittagspause wandte sich die Tagung der Forschung selbst zu: Elisabeth Knipf-Komlósi aus Budapest stellte in ihrem Vortrag zu Methoden und Daten der Erforschung der ungarndeutschen Nationalität zunächst die Forschungsschwerpunkte der Vergangenheit vor, bevor sie zu moderneren Ansätzen wie der Mikro- und Makrosoziolinguistik überging. Heinrich Dingeldein aus Marburg sprach anschließend über „Stifoller Deutsch“ und darüber, was die Ungarndeutschen sprachlich mitgebracht haben und was davon geblieben ist. Seine Faszination für das Thema reicht bis in seine Kindheit zurück, wobei er unter anderem auf Sprachunterschiede zu Fulda einging.
Den Abschluss der sprachwissenschaftlichen Sektion bildete, passend zum Tagungsmotto, Anikó Szilágyi-Kósa aus Budapest mit ihrem Vortrag über ungarndeutsche Familiennamen. Sie ging auf Anzahl und Herkunft der Namen ein und nahm dabei auch den Familiennamen Erb selbst in den Blick.
Im literatur- und theaterwissenschaftlichen Teil des Nachmittags sprach Angela Korb aus Budapest über Heinrich Levitschniggs Theaterkritiken im Pester Sonntagsblatt. Levitschnigg gilt als erster Kriminalautor Österreichs und war durch sein Werk Die Geheimnisse von Pest bekannt. Er war dem Wiener Theaterleben gewohnt und deshalb beklagte er das Niveau des Pesther Theaters, zu viele Possen wurden gespielt, um Publikum zu gewinnen, wofür er den Aktionären die Schuld gab. Im Vergleich zu Wien sei Pesth für ihn eine Provinz gewesen. Seine Kritiken wurden als witzig und spritzig beschrieben.
Es folgte Nóra Tar aus Klausenburg mit ihrem Vortrag über den Theaterautor Johann Baptist Hirschfeld (1782–1833) und seinen handschriftlich überlieferten Nachlass. Hirschfeld, heute weitgehend vergessener Lustspiel- und Volksstückautor sowie Schauspieler und Theaterdirektor, wurde in Ödenburg geboren und spielte in Pesth und Ofen, bevor es ihn nach Temeschwar zog; zu seinem Nachlass gehört unter anderem der Einakter Jugendfleiss für das professionelle Kindertheater.
Den letzten Vortrag des Tages hielt Amália Kerekes aus Budapest zur Geschichte der Freundschaft von Valeria Koch und Mária Ember. Das war ein stimmungsvoller Ausklang des fachlichen Programms, der zeigte, dass nicht nur Sprache, Schrift und Architektur ein Erbe sein können, sondern auch eine Freundschaft, die über die Zeit hinweg weitergegeben wird.
Den Ausklang bildete ab 17 Uhr ein Empfang mit Kulturprogramm.
Lilly Rudin

