Über die Geschichte des 20. Jahrhunderts in berührend schöner
 Sprache

Quelle: Jakob Bleyer Heimatmuseum
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Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt
Rezension

Die Autorin Iris Wolff erzählt in ihrem Roman Die Unschärfe der Welt über die Geschichte einer Familie aus dem Banat, deren Schicksal trotz Grenzen und Veränderungen eng verknüpft ist. Es werden die Lebenswege von sieben Personen mithilfe einer Mischung von Träumen, Erinnerungen und Bildern, die sich andere von uns machen, beschrieben.

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In der ersten Geschichte lernen wir das junge Paar, eine träumerische Frau mit sommersprossiger Haut, Florentine, ihren Mann, den aufgeschlossenen Pfarrer Hannes, ihren stillen Sohn, Samuel und das geregelte Leben des Banater Dorfes kennen: Als der Gottesdienst zu Ende war, verabschiedete sie mit Hannes die Besucher. Unter den Kastanien verblieben Gruppen im Gespräch – der Kirchgang war so eingerichtet, dass man, wie nebenbei, alles über die anderen erfuhr. Es war allgemein bekannt, dass Samuel nicht sprechen konnte, dass Hannes gerne Fußball spielte (manch einer mutmaßte, er sei nur Pfarrer geworden, weil sein Traum, Fußballprofi zu werden, sich nicht erfüllt hatte). Es war bekannt, welche Kuh wann kalbte, wer um wen warb, wer zu Untreue neigte und wahrscheinlich auch, wann und wie oft die Dorfbewohner einander liebten. Später erfahren wir, was für Folgen für das Ehepaar der Besuch aus der DDR hat, wie man vom rumänischen Staat behandelt wird: Die Tür ging auf. ’Hände auf den Tisch’, befahl eine Stimme. Hannes wusste, dies war eine einstudierte Dramaturgie, ein Wechselspiel aus Freundlichkeit, Drohung, Angst. Als er erneut gefragt wurde, worum es in den Gesprächen mit den Besuchern des Pfarrhauses ging, verlor er die Geduld. Er nahm die Hände vom Tisch und sagte: ’Über was sprecht ihr mit eurem Besuch, Genosse? Wen lasst ihr in euer Haus? Holen wir die drei doch hierher. Oder habt ihr Angst, das Ausspionieren von Reisenden könnte man in der DDR nicht gut auffassen?’ – ’Predige in deiner Kirche, Pfaffe. Hier stellen wir die Fragen.’ Diese einstudierte Dramaturgie war auch für die ungarischen Staatssicherheitsdienste ein Mittel zu Schikanen. Wie das die Autorin ausgezeichnet beschreibt: Der Hass, dem Hannes in dem fensterlosen Raum begegnet war, ließ ihn nicht los. […] Angeblich ging es um eine sichere Zukunft. Um Gerechtigkeit. Dieses System lebte davon, dass jeder schuldig war. Es gab nur ein Dafür oder Dagegen. Läuten war eine Kunst für sich.

Die Liebesgeschichte von Samuel und Stana wird unglaublich schön dargelegt, wir LeserInnen sind an ihrer Seite und freuen uns über ihr Glück: Samuel lag auf dem Rücken […] Stana setzte sich neben ihn. […] Erst als Stana die Stille willentlich aufhob, wurde ihr bewusst, dass sie einander in die Augen gesehen hatten, als lägen dahinter kleine Fluchten. Es war kein Standhalten. Ein Sichhineinfallenlassen. Die sich langsam herausbildenden Gefühle der Beiden wird von Samuels Großmutter Karline unterstützt, die in dem Roman eine vornehme, alte Welt verkörpert, die sich jetzt verändert. Ein kurzes Gespräch zwischen Karline und Florentine deutet darauf hin: Sie sagte mit einem Seitenblick auf ihre Schwiegertochter: ’Dass hier niemand eine einheimische Suppe zu kochen imstande ist.’ – ’Was meinst du mit einheimisch? Schwäbisch, slowakisch, ungarisch, rumanisch, tschechisch, jüdisch oder vielleicht serbisch?’, fragte Florentine. In der Geschichte von Oz, dem Freund von Samuel, erfährt der Leser über das Kopfgeld unter der Amtszeit Nicolae Ceaușescu. Oz war im Gefängnis und hielt am äußersten Punkt dieser Welt Wache, es gibt also viele Gründe, warum er mit Samuel das Land verlassen möchte. Die Autorin beschreibt die damaligen Umstände so: Nicht nur der rumänische Staat, der mit der Bundesrepublik die Tarife für die Abwanderung der Deutschen verhandelte (sogar verlangte, dass Ausbildungs- und Reisekosten beglichen wurden), auch Securitate-Offiziere und Parteigenossen hatten das Finanzpotenzial all jener erkannt, die auf ihre Ausreisepapiere warteten.

Das Leben dieser Menschen aus vier Generationen, ihre Grenzen und Möglichkeiten, zeigt uns Iris Wolff mit einem unwahrscheinlich schönen, kunstvollen, oder wie Dennis Scheck schreibt, mit einem traumsicheren Sprachgefühl. Mithilfe dieser ausgezeichneten Aufnahmen einzelner Schicksale erkennen wir LeserInnen – auch durch die geschilderten Ereignisse in Rumänien und in Deutschland, durch die Radiosendungen, Musikstücke im Roman – die Hintergründe des zusammenbrechenden Ostblocks. Was der Flucht von Oz und Samuel dann folgte, ließ sich an zwei Händen abzählen:
Abschied von der Propellermaschine.
Warten auf die Papiere in Österreich.
Ihre Fluchtgeschichte in der Zeitung.
Einbruch des Winters.
Weiterreise nach Deutschland.
Durchgangsstelle für Aussiedler in Nürnberg.
Sprachtest in der Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge und Aussiedler in Rastatt, mit dem 
Ergebnis: Sprechen fließend Deutsch, Sprachtest erübrigt.
Übergangswohnheim.
Frühling.

Ich empfehle diesen Roman wegen der höchst präzisen Darstellung der gesellschaftlichen, politischen Ereignisse und der berührend schönen, poetischen Formulierungen auch für Personen, die ihre guten Deutschkenntnisse verbessern möchten. Hiermit muss ich aber vor allem der Autorin, Iris Wolff zu ihrem Schreibtalent herzlichst gratulieren!

Dr. Kathi Gajdos-Frank PhD, 

Direktorin des Jakob Bleyer Heimatmuseums

Zitate aus dem Buch: S. 28.-29.; S. 58.-59.; S. 107.; S. 113.; S. 127.-128.; S. 137-138.

Zur Autorin: Iris Wolff geb. 1977 in Hermannstadt. Für ihre Romane wurde sie mehrfach ausgezeichnet, sie ist Mitglied im internationalen Exil-PEN und lebt in Freiburg im Breisgau.

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