Welche Mittel stehen Schauspielern zur Verfügung, wenn sie vor solchen Kindern spielen, die die Sprache der Vorstellung nicht beherrschen? Auf diese Frage sammelte das Ensemble der Deutschen Bühne Ungarn (DBU) gut verwendbare Antworten. Zur Leitung der dreitägigen Werkstatt – die das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) förderte – lud das Theater Fachkraft aus dem Ausland ein. Unter der Betreuung einer Puppenschauspielerin-Regisseurin aus Temeswar (Rumänien) behandelten die Teilnehmenden – die sprachlichen Barrieren und die Altersbedingungen der Kinder vor Augen gehalten – die Geschichte der Frau Holle.
Die Vorstellung an sich soll die Kinder an die Stühle fesseln, nicht die Pädagogen – dieser Meinung ist die Intendantin der Deutschen Bühne Ungarn. Dies zu verwirklichen sei gar nicht einfach: „Viele Umstände müssen passen, um die Aufmerksamkeit eines Kindes aufrecht zu halten“ – so Ildikó Frank. „Dies gilt umso mehr, wenn es sich um eine Vorstellung handelt, deren Sprache dieses Kind nicht versteht. Mission unseres Theaters ist unter anderem, die Kleinsten mit der deutschen Sprache und mit deutschsprachigen Vorstellungen vertraut zu machen. Und auch dies möchten wir professionell ausführen! Aus diesem Grund haben wir uns für die Fortbildung unserer Schauspieler und Regisseuren entschieden.“
Im Theater in Szekszárd zogen sich die Künstler der DBU drei Tage lang zum Seminar zurück. Diesmal setzten sie sich mit der Frage auseinander – die übrigens Tag für Tag bei der Gestaltung der Kindervorführungen auftaucht -, mit Hilfe welcher Mittel den Kleinsten ein Märchen erzählt werden kann, wenn das primäre Mittel nicht die Sprache selbst ist. Die Arbeit betreute Éva Lábadi-Megyes, die Intendantin, Puppenschauspielerin und Regisseurin des Jugend- und Puppentheaters Merlin in Temeswar.
Laut Kata Lotz sei es immer sehr nützlich, ab und zu einige Tage dem Brainstorming und der Fortbildung zu widmen. Die Schauspielerin der DBU meint, sie habe viele neue Impulse vom Workshop bekommen: „Ich lernte unter anderem neu dazu, dass es nützlich ist, kleinen Kindern in Präsens zu erzählen. Diese Zeitform des Verbs lernen die Kinder nämlich zuerst in Deutsch. Wenn man ihnen also so erzählt, bekommen sie viel mehr vom Text mit.“
Bleibendes Ergebnis des dreitägigen gemeinsamen Schaffens ist die zwanzig-minütige Kindervorstellung „Frau Holle“ geworden, die das Ensemble bereits seinem ersten Kinderpublikum vorgestellt hat. „Die Vorführung haben wir in einen Rahmen eingebettet, als ob auch wir selber Kinder wären“ – erzählt Kata Lotz. „Wir stiegen in einen Märchenzug ein, und sind quasi selbst Darsteller des Märchens geworden. Am Ende der Geschichte haben wir dann wieder als Kinder Konsequenzen gezogen. Mit Hilfe dieses Tricks gewannen wir die Kinder schon am Anfang für die Sache, und sie blieben ganz bis zum Ende mit uns im gemeinsamen Ziel.“
Das Theater plant die frische Produktion im neuen Jahr vor solchen Kindergarten- und Schulkindern der Unterstufe vorzutragen, die bloß über Grundkenntnisse der deutschen Sprache verfügen. Ziel der DBU mit dem Stück ist neben der Unterhaltung vor allem der Sprachunterricht: eine jede Bildungsinstitution kann die Produktion als lebendige Sprachlektion in ihren Deutschunterricht einbauen.
Dem Zustandebringen von „Frau Holle“ geht eine bereits achtjährige Tradition voraus. Seitdem steht nämlich im Repertoire der Deutschen Bühne Ungarn die Serie „Märchen aus dem Koffer“. Sinn deren ist, dass jeweils eine Schauspielerin Schulen und Kindergärten besucht, und mit Hilfe eines einzigen bunten Koffers und einiger Puppen eine interaktive Deutschstunde hervorzaubert. Ab nun können Kinder und Pädagogen – falls sie das Theater von Szekszárd zu sich einladen – neben den Geschichten des Froschkönigs, der Bremer Stadtmusikanten und des gestiefelten Katers auch die der Frau Holle wählen.
Weitere Informationen:
Viktória Móra, Leiterin des künstlerischen Betriebsbüros
Tel.: 74/316-533, 74/510-166
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