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„Ich bin ja noch hier“

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Deutschsprachige Gemeinde vor Personalwechsel

Pfarrer Gregor Stratmann muss die katholische St. Elisabeth Gemeinde in Budapest verlassen. Dem Antrag auf eine Verlängerung seines Amtes wurde nicht stattgegeben. Seine Gemeinde ist bestürzt und traurig und hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihren Seelsorger zu halten. Doch die Kirche hat ihre eigenen Gesetze.

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In seiner letzten Lesung spricht Pfarrer Stratmann über die Politik Putins, Facebook und Smartphones. „Sie starren darauf, als käme von dort der wesentliche Beitrag zur Rettung der Menschheit. Das sind die Fesseln von heute.“ Ein paar Besucher schmunzeln, eine Mutter stupst ihren Sprössling in die Seite. „Mit dem Gesicht nach unten, auf ihre Handys starrend, rempeln sie mich in der U-Bahn an. Lassen Sie los, Sie können es. Loslassen im Sinne von Jesus. Die Moderne nicht triumphieren lassen über uns.“ Es ist eine unkonven­tionelle letzte Lesung, sie kritisiert auch die Kirche selbst. Die Macht des Geldes, den Leistungsdruck.

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Bevor Pfarrer Gregor Stratmann nach Budapest kam, verbrachte er 1978 ein Jahr als Sozialhelfer in einem Kibbuz in Israel, danach studierte er Theologie und Soziologie. In München arbeitete er als Lehrer für Religion und Sachkunde, von 1987 bis 1990 war er an der Deutschen Oberschule in Pretoria, Südafrika, tätig. 1992 wurde er schließlich zum Priester ge­weiht und diente neun Jahre in München als Pfarrer der Thomas Kirche.

Es sind Menschen katholischen Glau­bens aus Deutschland, Österreich und aus der Schweiz, die zur St. Elisabeth Gemeinde gehören. 2000 bis 2500 Mit­glieder zählt sie, keine große Gemeinde. Sie fühlen sich im Ausland oft fremd, sind sprachlich isoliert. Hier bekommt die Seelsorge für Pfarrer Stratmann wieder eine neue Bedeutung. Gerade deshalb gibt es Gemeindekaffee nach je­dem Sonntagsgottesdienst. Hier ist man seit 2011 eng zusammengerückt. Die Ge­meinde liebt ihren Pfarrer Stratmann.

„Mich hat es schwer beeindruckt“, spricht Pfarrer Stratmann nach seiner Lesung, „scheinbar ein fairer Pfarrer und Seelsorger zu sein. Danke für Ihre Bemühungen, sie sind nicht vergessen. Aber ich bin ja noch hier.“

Die Gemeinde, bestürzt und aufge­bracht über den baldigen Weggang ihres Pfarrers, hat sich an den zuständigen Bischof in Dresden gewandt.

„Sehr geehrter Herr Bischof Koch!

Wir, die Mitglieder der deutschspra­chigen katholischen Elisabeth-Gemeinde in Budapest, sind bestürzt und fassungs­los. Am 10. Mai hat uns Herr Pfarrer Gregor Stratmann mitgeteilt, dass Sie, als zuständiger Bischof, dem Ansuchen des Herrn Pfarrers Stratmann, seinen Vertrag auf weitere drei Jahre, ab 2016, zu verlängern, nicht stattgegeben haben.
Wie kann das sein? Wir sind mit Pfar­rer Stratmann eine Gemeinde, in der wir nicht nur geistige, spirituelle Nahrung erhalten, unsere sonntägliche Eucharis­tie-Feier mit Pfarrer Stratmanns Predig­ten, sind Labsal und Aufmunterung und vieles mehr!
Sehr geehrter Herr Bischof Koch, wa­rum muss man dieser Gemeinde, die so wunderbar funktioniert, die ein Vorbild sein könnte, ihren so sehr geschätzten, vorbildlichen, ja, geliebten Pfarrer weg­nehmen?
„Wir sind das Volk“, in diesem Fall das Volk Gottes und wir glauben, erfahren zu dürfen, welche Gründe zu dieser Ent­scheidung führten.
Herr Pfarrer Stratmann hat sich nichts zu Schulden kommen lassen. Kirche sollte sich nicht wie eine Aufsichtsratsversamm­lung gerieren, bei der Mitglieder abgelöst und hin-und hergeschoben werden. (…)
(…) Sie sollte Kirche der Liebe und der Wahrheit sein, (…) auch wenn sie tag­täglich gegen Versuchung, Trägheit und Machtstreben ankämpfen muss.
Wir wollen weiterhin zusammen mit Pfarrer Stratmann, „Licht der Welt“ in Budapest und die „Stadt auf dem Berg“ sein, in Liebe und Barmherzigkeit.

Bitte überdenken Sie Ihre Entscheidung.“ 

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Eine Kopie ging an den Pfarrer Lang, Leiter des Katholischen Auslands­sekretariats. Ein aufgebrachtes Ge­meindemitglied nennt ihn den „Strip­penzieher“ und verteilt Kopien des Briefes unter den Besuchern. Sogar ein kleines Mädchen, gerade einmal zehn Jahre alt, schrieb einen Brief an die Deutsche Bischofskonferenz. Die Ant­wort kam. In Amtsdeutsch.

Auf der Internetseite der Deutschen Bischofskonferenz ist die vakante Stel­le des Pfarrers Stratmann schon aus­geschrieben: „Budapest (Ungarn). Die Stelle ist für einen Priester vorgese­hen. Voraussetzung ist die Fähigkeit, an den deutschsprachigen Schulen Re­ligionsunterricht zu erteilen. Die Stel­le soll zum 1. September 2016 wieder besetzt werden.“
In der Geschichte der Elisabeth-Ge­meinde gab es bereits eine Zeit, in der das Pfarramt nicht besetzt war. Ab­gesehen von der Zeit des Sozialismus, in der die Kirchentätigkeit verboten war, gab es zwischen Oktober 2009 und September 2011 keinen ständigen Seelsorger, aber die deutschsprachige Sonntagsmesse konnte immer mit Hil­fe von ungarischen Pfarrern gelesen werden.
„Die Kirche ist ein intelligentes Wesen“, spricht Pfarrer Gregor Strat­mann weiter. „Es ist nichts umsonst. Ihre Bemühungen sind schwer beein­druckend. Sie sind die Karies im Zahn der Kirche. Nehmen Sie meinen poten­tiellen Nachfolger mit Respekt auf. Er ist es, der am wenigsten dafür kann, nur weil er den Wunsch hat, in diese wunderbare Stadt zu kommen.“

Es ist wie jeden Sonntag. Nach dem Gottesdienst versammeln sich die Ge­meindemitglieder und Besucher bei Kaffee, Tee und Saft im Pfarrsaal. Gregor Stratmann mittendrin. Er ist ja noch da.

Sophie Herwig

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