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Im Jahr 1866 verließ Wilhelm Schuth (1844-1928) sein Heimatdorf Rauenthal (heute eine Teilgemeinde von Eltville), um in Willand Wein „nach rheinischem Geschmack“ zu keltern. Nach einigen Jahren rief er seinen Bruder Vincenz Schuth (1846-1907) nach Willand. Fast 160 Jahre später, am 25. Mai 2025, versammelten sich zahlreiche Mitglieder der Familie Schuth im Rauenthaler Pfarrheim, um die spannende Geschichte ihrer Vorfahren und deren Nachkommen zu hören.
Johann Schuth – Urenkel von Wilhelm Schuth und Chefredakteur des ungarndeutschen Wochenblattes Neue Zeitung in Budapest – entführte die Gäste mit einem anschaulichen Vortrag in die Vergangenheit. Mit historischen Dokumenten, alten Fotografien aus der Heimat und liebevoll aufbereiteten Details brachte er die Geschichte seiner Familie eindrucksvoll zum Leben. Viele Besucherinnen und Besucher aus Rauenthal und den umliegenden Ortschaften waren gekommen – darunter auch etliche, deren eigene Vorfahren familiäre Verbindungen zu den Schuths hatten.
Eingeladen hatte der Rauenthaler Traditionsverein. Dessen erster Vorsitzender, Michael Klein, ist selbst Urenkel von Katharina Färber geb. Schuth (1876–1924), einer Nichte der beiden ausgewanderten Brüder.
Trotz vieler historischer Fakten und Zahlen blieb der Vortrag unterhaltsam: Immer wieder sorgte Johann Schuth mit humorvollen Anekdoten für Schmunzeln und herzhaftes Lachen im Publikum. Die Stunde verging wie im Flug.
Im Anschluss konnten sich die Gäste noch bei einem Glas Willander Rotwein und einer Kostprobe „des luthrischen Saumagens“ aus Ungarn weiter austauschen. Mitgebrachte Fotos wurden betrachtet, Erinnerungen geteilt und der gemeinsam gepflegte Familienstammbaum studiert – ein lebendiges Miteinander zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Nach dem Vortrag führte Michael Klein die Familie Schuth durch die Rauenthaler Kirche. Ein Aufstieg zum Glockenturm war wegen Bauarbeiten am Kirchendach leider nicht möglich – dafür gewährte die Baustelle des ehemaligen Rathauses interessante Einblicke. Dort wirkten einst Johann Heinrich Joseph Schuth (1754–1811), der Großvater und Johann Baptist Schuth (1832–1905), der ältere Bruder von Wilhelm und Vincenz, als Schultheiß.
Zum Abschluss wurde auch noch die nahegelegene Burgstelle der abgegangenen Burg Glimmenthal (erbaut um 1150!) besucht – ein geschichtsträchtiger Ort, der zwar keinen direkten Bezug zur Familie Schuth hat, aber dennoch für Staunen und Interesse sorgte.
Abgerundet wurde der Besuch in der Urheimat bei ausgezeichneten Speisen und exquisiten Weinen im Weingut Ernst Rußler. Die Mutter der ausgewanderten Schuth-Brüder hieß Agnes Rußler.
M. K.
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Auch in Rauenthal „landeten“ an die 300 Vertriebene, unter anderem aus Mutsching. Márton Kalász beschreibt in seinem Dokumentarroman „Tizedelőcédulák“ (Dezimierungszettel) eine Episode, wie ein Zug mit Vertriebenen aus Grawitz (Komitat Tolnau) auf dem Bahnhof in Eltville ankommt.
„Bezüglich des Verhaltens der begleitenden ungarischen Polizisten schildert den krassesten Fall nicht einer der Vertriebenen, sondern der Verwaltungsrat Dr. Peter Paul Nahm, einer der damaligen Vorsteher des Rheingauer Bezirks. Der Zug der aus der Ortschaft Grawitz im Komitat Tolnau Vertriebenen lief auf den Bahnhof von Eltville ein; sie wurden von Dr. Nahm empfangen. Während des Ausladens beklagten sich einige ältere Männer bei ihm, dass die ungarischen Polizisten oder Soldaten die Sachen der Vertriebenen unter der Berufung auf eine bequemere Reise in ihren Waggon umgeladen hatten, diese jetzt aber nicht zurückgeben wollten. Dr. Nahm ging mit seiner Begleitung zum Waggon der Polizei, aber bevor er etwas hätte sagen können, richteten die ungarischen Zugbegleiter die Waffe auf ihn. Der Rat rief die örtliche Polizei und den Bezirkskommandanten der amerikanischen Besatzungsarmee an, der gerade nicht in seiner Dienststelle war. Er setzte sich jedoch mit einem amerikanischen Oberstleutnant in Verbindung, der in einer nahen Villa einquartiert war. Als der Oberstleutnant nach einer halben Stunde ankam, befanden sich bereits fünf örtliche Polizisten auf dem Bahnhof. Der Oberstleutnant ließ mit Hilfe der deutschen Polizisten die Sachen wieder den Eigentümern zukommen. Er fragte den Kommandanten der noch immer sturen und unhöflichen Zugbegleiter, wie lang ihre Rückfahrt nach Ungarn dauern würde. Er ließ sie mit Stroh und so vielen Lebensmitteln versorgen, wie das der gegenwärtigen deutschen Ration entsprach. Bevor der Oberstleutnant ging, wurden einige amerikanische M.P. hinkommandiert, die den Bahnhof bis zur Rückfahrt des Zuges zusammen mit den deutschen Polizisten bewachten.“





